Sportliche, kommunikative Chefs machen noch keinen digitalen Frühling

Mit dem radikalen Wandel der Wirtschaft ist ein neuer Manager-Typ gefragt, schreibt Caspar Busse von der SZ und meint die Anforderungen der Digitalisierung. Schließlich spüren viele Unternehmen den Druck der Disruption und das sei ja so eine Art Zerstörung. Das Notiz-Amt verkneift sich jetzt weitere Ausführungen zur Disruptionstheorie und zu den Sabbeleien über die kreative Zerstörung, die nichts mit dem Werk des Ökonomen Joseph Schumpeter zu tun haben. Ein Verweis auf das Opus „Warum mich die disruptiv-digital-transformatorischen Keynote-Sprechautomaten nerven“ sollte genügen.

Rorsted redet sogar mit seinen Mitarbeitern

Aber was sollen denn nun Chefs in der vernetzten Wirtschaft mitbringen? Nach Ansicht von Busse sollten sie informell und nicht glattgebügelt sein sowie einen Hang zum „Querdenken“ haben. Gähn. Zu ihnen zählt der SZ-Autor den künftigen Adidas-Chef Kasper Rorsted. Der würde bei seinen Reisen meist ohne Entourage unterwegs sein und so direkt in Kontakt mit den Beschäftigten kommen – unabhängig von der Hierarchie-Stufe. „Wenn ihm etwas auffiel, sprach er das später bei dem verantwortlichen Vorgesetzten an.“ Wahnsinn. Man müsse präsent und für Mitarbeiter ansprechbar sein, wird Rorsted in dem Artikel zitiert. Hierarchien sollten keine Barriere sein. Das soll nun der Prototyp für den Vorstandschef neuer Prägung sein?

Schließlich sei der Däne erfolgreich und unkompliziert, er gibt sich nahbar und unabhängig, hat bereits in mehreren Branchen gearbeitet. „Gerade nahm er Abschied bei Henkel, eine Aktionärsvertreterin lobte ihn dabei als ‚Mann der Superlative’“, führt Busse weiter aus. Kein Wunder – was soll die Aktionärsvertreterin denn sonst dazu sagen?

Karrieristen der alten Schule

Rorsted mag ein kommunikativer und erfolgreicher Vorstandsvorsitzender sein, er ist zudem ein äußerst geschickter Architekt seiner eigenen Karriere im Netzwerk der immer noch mächtigen Deutschland AG. Er nutzt die informellen Runden, die von der Öffentlichkeit abgeschottet werden. Es soll intim zugehen. Ein Rückzug in die Privatheit, der ausschließlich über persönliche Kontakte läuft. Etwa in der alpinen Seilschaft von Herbert Henzler. Im elitären Männerzirkel der so genannten “Similauner” kraxeln unter Führung von Reinhold Messner Manager wie Hubert Burda und – welch ein Zufall – der noch amtierende Adidas-Chef Herbert Hainer. Wen findet man im Aufsichtsrat des Sportartikel-Herstellers? Henkel-Personalvorstand Kathrin Menges. Weitere Verbindungslinien zur Arbeitnehmerseite oder zu Finanzberatern kann man über Google recherchieren, nachzulesen in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Boardreport und – natürlich – bei den Netzpiloten. Rorsted ist sicherlich ein smartes Kerlchen. Aber er spielt immer noch auf der Klaviatur des klassischen Managements.

Personalberater-Schwafeleien

Was dann in der SZ-Story von Personalberatern abgesondert wird, ordnet das Notiz-Amt unter das übliche Consulting-Kauderwelsch ein. Die neuen Vorstandschefs müssten Kommunikation beherrschen, sollten aufnahmefähig sein und dürfen nicht erstarren. Sie sind wendig, machen unkonventionelle Vorschläge wie Telekom-Chef Höttges (der Autor bekommt an dieser Stelle einen leichten Lachkrampf), reisen regelmäßig ins Silicon Valley, treiben Sport und rauchen keine Zigarren oder Zigaretten mehr. Auweia. So wird das nichts mit der Netzökonomie.

Wer an die fortschreitende Vernetzung andocken will, sollte sich erst einmal von diesen dümmlichen Klischees verabschieden. Top-Leute in der Wirtschaft müssen erst selbst eine offene Netzwerkstruktur werden und entsprechend sichtbar, ansprechbar und dialogfähig sein – ohne Kontrollschleifen. Davon sind Rorsted, Höttges und Co. noch meilenweit entfernt. Es geht um eine Haltung, die sich vom Management der linearen Industrialisierung verabschiedet, fordert Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach in einem Facebook-Posting. Ob Führungskräfte nun Kettenraucher sind, zehn Kilometer-Waldläufe in 40 Minuten absolvieren oder auswendig gelernte Kalenderweisheiten über Kommunikation fehlerfrei in die Kamera brabbeln, ist hierbei völlig wurscht.

Sozialinnovative Digitalkompetenz vonnöten

„Alle Lebensbereiche, Arbeit und Politik unterziehen sich einem umfassenden, technologisch-sozialen Wandel, dessen Folgen allerorten spürbar, aber erst zu einem deutlich späteren Zeitpunkt bewertbar sind“, schreiben Thomas Sattelberger und Martin Schössler in einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche. Führungskräfte müssen eine sozialinnovative Digitalkompetenz erwerben – und sei es nur, um die Wechselbeziehungen ihrer Ideen in der realen Welt besser einschätzen zu können. „Selbst das greift aber vermutlich schon zu kurz, da technische, digitale und soziale Innovationen kaum noch voneinander zu trennen sind.“

Wird die digitale Revolution von Managern wie Rorsted und Höttges als sozialer Handlungsraum verstanden oder versuchen sie nicht eher, ihre Organisationen mit digitalen Werkzeugen auf Effizienz zu trimmen? In vielen Unternehmen werden mittlerweile Hierarchien abgebaut und Entscheidungsabläufe verschlankt. Weniger Hierarchie heißt aber nicht automatisch mehr Beteiligung und Verbesserung der Arbeitswelt.

Untersuchungen des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung in München belegen, dass die meisten Führungskonzepte auf die rigide Umsetzung des Prinzips „Steuern nach Zahlen setzen“. Das führt oftmals zu einer Zentralisierung von Macht und Entscheidungskompetenz. Die Mitarbeiter sehen sich dann nur noch als zahlengetriebene Exekutoren von Sachzwängen und Vorgaben. Kontrollmöglichkeiten werden mit der Digitalisierung ausgebaut und Beschäftigte stehen gar unter einem strengeren Regime von Vorgaben. Man schafft damit eher eine digitale Fließband-Organisation mit dem Maschinen-Paradigma des 19. Jahrhunderts. Trackingsysteme zur Selbstoptimierung im Privatleben sind dafür ein prächtiges Beispiel. Ein sozialer Handlungsraum, der Menschen in neuer Qualität miteinander vernetzt und in Beziehung bringt, entsteht so nicht.

Am 3. Mai gibt es auf der re:publica in Berlin beim #hrfestival zu diesem Thema ein Interview mit Thomas Sattelberger.

Also dann: Man hört, sieht und streamt sich in der nächsten Woche!


Image „Manager“ by niekverlaan (CC0 Public Domain)


Schlagwörter: , , , , , , , ,
Gunnar Sohn

Gunnar Sohn

ist Diplom-Volkswirt, lebt in Bonn und ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist, Moderator und Blogger. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

More Posts - Website - Twitter - Facebook - Google Plus