Check-up Ireland: Odyssee in der Weltraumforschung

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden 12 Monate werde ich nun die „Tech-Insel“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Ireland – a Space Odyssey?

Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2016 und NASA, ESA mit ihren großen Nationen, Russland und China haben das gesamte Weltall unter sich aufgeteilt. Das gesamte Weltall? Nicht das gesamte Weltall – eine kleine Nation auf einer Insel am Rande Europas macht Schritte, die nicht nur wichtig für Irland selbst sind, sondern gleichzeitig auch bedeutend für die Menschheit.

Als Johann-Dietrich Wörner, seines Zeichens Direktor der Europäischen Raumfahrt-Agentur ESA, im Sommer Irland besuchte, traf er nicht nur mit etablierten Wissenschaftlern zusammen. Die Tatsache, dass er auch von Ministerpräsident Enda Kenny empfangen wurde, unterstrich die Bedeutung, die die irische Regierung und ihre halbstaatlichen Förderungsorgane dem Bereich Raumfahrt-Technologie zumessen. ESA verkündete im Beisein von Enda Kenny die Gründung eines multidisziplinären Inkubators, in dem sich bis zum Jahr 2020 25 irische Startups entwickeln sollen. Federführend auf irischer Seite ist hierbei das Tyndall National Institute in Cork, aber auch die Universität in Maynooth und das Technologie-Institut in Athlone (Technologie-Institute in Irland = ähnlich wie Fachhochschulen in Deutschland) spielen eine wichtige Rolle.

Des Weiteren gab Johann-Dietrich Wörner auch eine Partnerschaft mit dem irischen Forschungverband bekannt, die es irischen Absolventen in den Bereichen Ingenieurswissenschaften, Physik oder Chemie ermöglichen wird, an Trainee-Programmen von ESA teilzunehmen.

Schon jetzt können sich irische Firmen, bedingt durch die Mitgliedschaft Irlands bei ESA, bei Ausschreibungen um Verträge bewerben, die pro Jahr einen Gesamtwert von 5 Milliarden Euro haben. Das Ministerium für Arbeit, Wirtschaft und Innovation erwartet zudem in den ersten vier Jahren nach der Unterzeichnung des Abkommens mit ESA eine Verdoppelung der Arbeitsplätze im Bereich Raumfahrt-Technologie auf ganze 1000 – eine Zahl, die nicht zu ambitioniert ist. Der Umsatz, den irische Firmen mehr oder weniger unbeachtet schon heute im Raumfahrt-Sektor erzielen, liegt bei geschätzten 300 Millionen Euro.

Bei einer Veranstaltung im Rahmen der Ireland Science Week, die gerade zu Ende ging, wurde allerdings selbstbewusst das Ende des unbeachteten Daseins des Sektors verkündet. David Gibbons, Manager des bereits oben erwähnten ESA Space Solution Centre am Tyndall National Institute in Cork, beschrieb in seiner Rede den Weg, den Irland gerade im Raumfahrt-Sektor beschreite.

Weg vom versteckten Juwel, der noch nicht erzählten Geschichte hin zu etwas Unübersehbaren, zu einer Erfolgsgeschichte, ähnlich wie der der Pharmaindustrie.

Mittels Clusterbildung bekannter multinationaler Firmen wie Pfizer an Universitäts-Standorten wie Dublin, Galway und Cork wurde die Pharmaindustrie zu einem der Vorreiter in der so erfolgreichen Ansiedlungspolitik der irischen Wirtschaftsförderung. Cork, Maynooth und Athlone wollen dem Beispiel folgen.

Wenn es um das Warum oder gar die Daseinsberechtigung von Raumfahrt-Technologie geht, ist oft von Synergien die Rede. Wie kann eine innovative Idee, die einen wichtigen Zweck in der Raumfahrt erfüllt, in ein Gerät transformiert werden, das auf Erden die Lösung eines Problems darstellt? Die Weiterentwicklung ist laut David Gibbons ein hervorragendes Beispiel. Was als Raumfahrt-Projekt des US-Verteidigungs-Ministeriums begonnen habe, sei heute aus unseren Smartphones nicht mehr wegzudenken.

Gibbons erklärt am Beispiel GPS auch jungen Unternehmen, wie wichtig es ist, sich um ESA-Aufträge zu bewerben. Die Höhe der Verträge an sich sei aber nur ein Teil des Puzzles. Ebenso wichtig seien die Expertise und die Glaubwürdigkeit, die die ESA-Mitarbeiter mit sich bringen, sowie das schier unendliche Potential sowohl bei der Entwicklung von innovativen Produkten als auch der Erschließung neuer Märkte. Der Weltraum. Unendliche Weiten.


Image „hut“ by Christian_Birkholz (CC0 Public Domain)


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Rainer Kiebat

Rainer Kiebat

arbeitet als freier Journalist in der irischen Hauptstadt Dublin. Nach einem Rundflug über multinationale Unternehmen wie AOL und Google landete er 2013 wieder bei der “alten Liebe” Journalismus und berichtet seitdem für deutsche Medien wie die “Rheinische Post” und “Spiegel Online” aus Irland und Nordirland. Irische Medien wie die “Sunday Business Post”, der “Irish Independent”, sowie die “Sunday Times” & “The Times” (Irish Editions) gehören ebenfalls zu seinem Portfolio. Für die Netzpiloten wird Rainer von den Dubliner “Silicon Docks” - wo Google, Facebook, Twitter und zahlreiche Tech-StartUps sitzen – und aus anderen Tech-Clustern wie Cork, Galway oder Limerick berichten. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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