Check-up Ireland: Der Google-Effekt

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die “Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Heute werfe ich einen Blick auf die steigenden Mieten in Dublin. Was hat das mit Tech zu tun? Google hat die Antwort …

Gutbezahlte Techies sorgen für steigende Mieten in Dublin

Der ‚Google-Effekt‘ wird auch als digitale Amnesie bezeichnet. Hier in Irland hat man wiederum oft den Eindruck, dass große Teile der Bevölkerung unter Amnesie leiden, was den Immobilien-Crash anbelangt, der das Land an den Rande des Abgrunds und in einen Bailout geführt hat. Kein Wunder also, dass der ‚Google-Effekt‘ in Dublin auch viel mit rasant steigenden Mieten zu tun hat.

Google Effect
Screenshot by Rainer Kiebat

Wenn man hier dieser Tage Nachrichten zum Thema Mietpreise liest, hat man sofort einen Schlager im Kopf: “Ich glaub, es geht schon wieder los. Das darf doch wohl nicht wahr sein!” Leiden denn hier alle unter kollektiver Amnesie? Warum steigen Immobilienpreise und Mieten im Tandem so rasant? Die Antwort ist oft ganz simpel – es werden schlicht und einfach nicht genügend Häuser und Appartments gebaut. Angebot und Nachfrage. Punkt. Im Zentrum von Dublin kommt aber ein besonderer ‚Google-Effekt‘ zum Tragen.

Der ‚Google-Effekt‘ ist hier eine Medaille mit zwei Seiten. Google & Co. beschäftigen in den “Silicon Docks” Tausende, so dass hier von der Rezession nichts mehr zu spüren ist. Die Kehrseite der Medaille? Rasant steigende Mietpreise.

Und eben jene Mieten, die zunehmend ausser Kontrolle geraten, stellen so manchen Mitarbeiter in Unternehmen wie Facebook, Twitter oder Google vor eine Wahl – will ich nahe bei der Arbeit wohnen und einen großen Teil meines Gehalts quasi direkt an meinen Vermieter überweisen lassen, oder nehme ich einen längeren Weg zur Arbeit in Kauf?

Der neueste Mietpreis-Report der “Bibel” macht nur zu deutlich, was das Dubliner Dilemma ist. National betrachtet sind Mietpreise eh schon so hoch wie nie. In der Hauptstadt sind die Mieten 15,5 Prozent höher als auf dem Höchststand in 2008 und 66 Prozent höher als auf dem niedrigsten Stand inmitten der Rezession. Die Miete für ein normales Zwei-Betten-Appartment liegt im Dubliner Stadtzentrum bei 1.900 Euro – was einen an einen weiteren Schlager denken lässt: “Tränen lügen nicht”. Und schnell folgt dem ‚Google-Effekt‘ der ‚Domino-Effekt‘ – steigende Mieten sorgen für erhöhten Druck auf Arbeitgeber, was Gehälter anbetrifft; steigende Gehälter sorgen für mehr Druck auf die Preise von Konsumgütern – und schon steigen die Kosten für alle.

Zwar steht Dublin nicht allein, was dieses Mietpreis-Phänomen anbetrifft, unter dem auch Mieter in anderen Metropolen wie London oder Berlin zu leiden haben. Auch dort gibt es Cluster von Finanz- oder Tech-Firmen, die gute Gehälter zahlen und somit unfreiwillig auch für steigende Mieten innerhalb des Clusters sorgen. Investionen gerade von Tech-Unternehmen sind seit dem Crash rapide gestiegen und haben für einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung gesorgt. Gleichzeitig wird aber auch der Druck auf Mieten in diesem Cluster, das eh schon die größten Anwaltskanzleien, Unternehmensberatungen und Finanzunternehmen des Landes beherbergt, immer stärker.

Als Google 2004 sein erstes Büro in Dublin eröffnete, arbeiteten dort 70 Mitarbeiter – und ein halbes Dutzend unter einem Tarnnamen beim Dienstleister arvato outgesourced . Heute sind es rund 6.000 im Google-Docks-Komplex – plus ein paar Hundert bei arvato und ähnlichen Firmen. Facebook folgte 2008 und hat heute rund 2.000 Beschäftigte. 80 Tech-Firmen haben sich mittlerweile im Silicon Docks-Cluster angesiedelt und beschäftigen Tausende von meist gut bezahlten Leuten.

Der Großteil der Angestellten sind jedoch nicht Iren, sondern kommen aus Spanien, Italien, Polen oder Deutschland – jenen Märkten, die von den Multinationals aus ihren Dubliner Europa-Zentralen heraus bedient werden. Sie alle müssen irgendwie untergebracht werden. Sie alle haben relativ viel Geld auszugeben. Sie alle sorgen für den ‚Google-Effekt‘ – auch wenn sie für die Konkurrenz arbeiten.

Zweifelsohne haben Google & Co. einen bedeutenden Anteil am irischen Aufschwung, was in der Breite anerkannt wird und (noch) trotz Wohnungsnot sowie steigenden Immobilien- und Mietpreisen nicht zu Neid führt. Zwei Aussagen sollten aber als Warnung dienen. Die US-Irische Industrie- & Handelskammer sprach neulich von einem “Nachdenken” über Investitionen, wenn mehr und mehr Mitglieder ihre Angestellten nicht mehr unterbringen können. Viel bedenklicher war für mich aber die Forderung eines “Solidarity”-Politikers im irischen Parlament, US-Firmen zu enteignen, um Wohnungsbau zu finanzieren. Hm – mal “Populismus” bei Google eingeben …


Image (adapted) „Google Ireland“ by Stephen Bergin (CC0 Public Domain)


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Rainer Kiebat

Rainer Kiebat

arbeitet als freier Journalist in der irischen Hauptstadt Dublin. Nach einem Rundflug über multinationale Unternehmen wie AOL und Google landete er 2013 wieder bei der “alten Liebe” Journalismus und berichtet seitdem für deutsche Medien wie die “Rheinische Post” und “Spiegel Online” aus Irland und Nordirland. Irische Medien wie die “Sunday Business Post”, der “Irish Independent”, sowie die “Sunday Times” & “The Times” (Irish Editions) gehören ebenfalls zu seinem Portfolio. Für die Netzpiloten wird Rainer von den Dubliner “Silicon Docks” - wo Google, Facebook, Twitter und zahlreiche Tech-StartUps sitzen – und aus anderen Tech-Clustern wie Cork, Galway oder Limerick berichten. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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