Check-up Ireland: ein Blick zurück auf Dublin Tech und Wunschliste für 2017

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden 12 Monate werde ich nun die “Tech-Insel” aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Ein letzter Blick zurück auf die Dublin Tech im Jahr 2016 und eine Wunschliste für 2017

2016 war zweifelsohne ein lautes Jahr. Es war auch ein Jahr der Abstimmungen mit Ergebnissen, die kaum jemand vorhergesagt, geschweige denn erhofft hatte. Brexit und Trump haben aber für die irische Wirtschaft besondere Konsequenzen, die ich mit Sicherheit im Jahr 2017 noch besonders beleuchten werde. Dennoch zeigte sich Martin Shanahan, der Chef der Wirtschaftsförderung IDA, deren Auftrag es ist, multinationalen Firmen die Ansiedlung in Irland schmackhaft zu machen, auch zuletzt sehr locker beim Rückblick auf 2016 und beim Ausblick auf 2017: „Es war ein gewohnt ruhiges und für uns durchaus normales Jahr.“

161107b_1-52-11
Diese Karte der IDA zeigt, wie viele Tech-Firmen zum Jahresende in Dublin angesiedelt sind. Quelle: Google Maps

Doch selbst mit Trump im Weißen Haus und mit schwarzen Brexit-Wolken am Horizont rechnet Irland 2017 mit einem Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent. Besonders die Hauptstadt Dublin mit ihrem Tech- und Startup-Sektor kann selbstbewusst zurück und nach vorne blicken. 2016 war ein durchweg gutes und in manchen Bereichen sogar hervorragendes Jahr für Dublin. Dazu ein paar Zahlen:

775 Startups mitsamt ihrer Firmenzentrale; 230 globale, multinationale Tech-Firmen, von denen 23 Prozent von Dublin aus produzieren; 50 Startup-Hubs; drei Universitäten mit rund 3.000 Absolventen im Bereich Computer-Science.

Auch im Bereich Funding sind die Zahlen beeindruckend. Bereits Ende September hatten Tech-Firmen in Irland 734 Millionen Euro von Investoren erhalten – im Vergleich zu 522 Millionen Euro im ganzen Jahr 2015.

Auch die Engel, die jeder Gründer so sehr braucht, waren 2016 fleißiger als 2015. Laut John Phelan vom Halo Business Angel Network werden die Engel – von denen 15 Prozent mehr unterwegs sind – am Ende des Jahres 13 Millionen Euro investiert haben (10,8 Millionen Euro im Jahr 2015). Das Ziel sei es, bis 2020 die Schwelle von 20 Millionen Euro pro Jahr zu erreichen.

Rekordzahlen an Investment werden in Dublin in einem Tech- und Startup-Ökosystem erreicht, das laut Johnny Walker von Health Founders immer mehr an Struktur gewinnt und in dem kleine Startups mit großen Fischen der Techwelt kollaborieren. Aus einem kleinen Google Doc der Dubliner Startup-Kommission erwuchs die TechIreland-Plattform, bedeutende Firmen wie ESB, Dublin Airport, New Ireland Assurance oder veranstalteten Hackathons für Startups, etabliertere Firmen wie Ding, Openet oder Cartrawler gaben mittels Investment und/ oder Mentoring zurück an die Community; Übernahmen wie die von Fleetmatics durch Verizon (2,1 Milliarden Euro) und Movidius durch Intel (322 Millionen Euro) sorgten für große Schlagzeilen in allen Zeitungen.

Ein Trend im Ökosystem ist der, dass internationale Gründer, die einst von bedeutenden multinationalen Firmen für den Standort Dublin rekrutiert worden waren, nunmehr ihr eigenes Glück versuchen. Firmen wie Cesanta, Profitero oder Iguazu sind gute Beispiele dafür.

Zwei der Sektoren, die 2016 von besonderer Bedeutung waren, sind TravelTech und FinTech. Dabei fanden auch Veranstaltungen wie PhoCusWright und IATA & CAPA, die für den Sektor TravelTech wichtig sind, in Dublin statt, während Ryanair Labs mittlerweile 150 Leute in unmittelbarer Nähe des Dubliner Flughafens beschäftigt. Dublin war schon immer als Zentrum für FinTech bekannt. Der Sektor ist aber zweifelsohne auch einer der wenigen, die im Brexit große Chancen sehen. Wenn man der IDA und den Immobilienmaklern Glauben schenkt, mehren sich die Anfragen großer Banken aus London nach Büroraum in Dublin.

Die Multinationals haben 2016 zum Glück nicht nur in Sachen Steuervermeidung Schlagzeilen gemacht:

  • Equifax gab die Eröffnung eines neuen R&D-Zentrums bekannt
  • Facebook hat 200 neue Stellen geschaffen
  • PayPal hat 100 neue Stellen geschaffen
  • HubSpot gab die Schaffung von 320 neuen Stellen bekannt
  • Slack gab die Schaffung von 80 neuen Stellen bekannt
  • Amazon gab die Schaffung von 500 neuen Stellen bekannt
  • LinkedIn gab die Schaffung von 200 neuen Stellen bekannt
  • Deloitte entschied sich für Dublin als Standort für ein neues Blockchain Lab
  • PTC gründete ein IoT R&D-Zentrum
  • Kaspersky Lab eröffnete ein R&D-Zentrum
  • Fitbit eröffnete ein neues Gebäud

Was die Politik anbetrifft, so war 2016 ein eher ruhiges Jahr für den Tech-Sektor. Die Minderheitsregierung, die eh kaum große Initiativen starten kann, weil sie das Okay der größten Oppositionspartei benötigt, hat zum Beispiel im letzten Haushalt kaum Maßnahmen untergebracht, die irischen Tech-Firmen den Sprung in internationale Märkte merklich erleichtern würden. Demzufolge steht die Politik auch ganz oben auf der …

… Wunschliste für 2017

  • Politik: Aktienoptionen müssen sich lohnen, Gleichstellung für Gründer bei der Einkommenssteuer, Änderungen im Steuersystem, die es attraktiver machen, Firmen wachsen zu lassen, statt sie früh zu verkaufen
  • Fokussierung auf wichtige Cluster: Standorte wie Cork, wo multinationale Pharma-Giganten wie Pfizer eng mit Universitäten und Startups zusammenarbeiten, zeigen, wie wichtig Cluster sind
  • Verbesserung bei internationalen Rankings für Dublin: von Universitäten bis hin zu digitaler Infrastruktur.
  • Stärkere Mobilität von talentierten Arbeitskräften: weg von Multinationals hin zu Startups

Ich werde in meiner Kolumne im November 2017 noch einmal auf die Wunschliste schauen, um Bilanz zu ziehen, aber auch generell das dann fast abgelaufene Jahr durch die Tech-Brille betrachten.


Image „Blockplan“ by BRRT (CC0 Public Domain)


Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , ,
Rainer Kiebat

Rainer Kiebat

arbeitet als freier Journalist in der irischen Hauptstadt Dublin. Nach einem Rundflug über multinationale Unternehmen wie AOL und Google landete er 2013 wieder bei der “alten Liebe” Journalismus und berichtet seitdem für deutsche Medien wie die “Rheinische Post” und “Spiegel Online” aus Irland und Nordirland. Irische Medien wie die “Sunday Business Post”, der “Irish Independent”, sowie die “Sunday Times” & “The Times” (Irish Editions) gehören ebenfalls zu seinem Portfolio. Für die Netzpiloten wird Rainer von den Dubliner “Silicon Docks” - wo Google, Facebook, Twitter und zahlreiche Tech-StartUps sitzen – und aus anderen Tech-Clustern wie Cork, Galway oder Limerick berichten. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

More Posts - Twitter