Like (Bild: Thomas Angermann [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Chartbeat: Shares sagen nichts über Leser aus

Einen Artikel, der viel über die sozialen Netzwerke weitergeteilt wird, lesen auch viele. Diese etablierte Meinung schmeißt das Unternehmen Chartbeat nun komplett über den Haufen. // von Daniel Kuhn

Like (Bild: Thomas Angermann [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

In den letzten Wochen und Monaten gab es rege Debatten über Seiten wie Upworthy oder Buzzfeed, die die sozialen Netzwerke stürmen. Dies hat Facebook sogar dazu veranlasst, die Newsfeed-Algorithmen entsprechend anzupassen und qualitativ hochwertige Artikel zu bevorzugen. Alles völlig unnötig, wie das Unternehmen Chartbeat nun nahelegt. Es wurde keine direkte Korrelation zwischen der Anzahl der Social-Media-Shares und den tatsächlichen Lesern gefunden.


Warum ist das wichtig? Wie bewerten wir Erfolg im digitalen Journalismus? Das Addieren von Shares, Likes und +1 reichen nicht mehr aus. Wir müssen auch die Parameter für Erfolg verändern, so wie sich Journalismus durch den Medienwandel verändert.

  • Einen Zusammenhang zwischen Shares in den sozialen Netzwerken und den tatsächlichen Lesern eines Artikels gibt es nicht.
  • Der Erfolg eines Artikels lässt sich nicht mehr durch Likes Retweets oder reinem Traffic messen.
  • Die aufmerksam auf der Seite verbrachte Zeit, wird künftig ein wichtiger Indikator für den Erfolg von Artikeln sein.

Bedeuten viele Shares gleich viele Leser?

Diese Nachricht, die Tony Haile, CEO von Chartbeat in einer Twitter-Diskussion verkündet hat, dürfte für viele eine handfeste Überraschung darstellen, die in der Medienbranche tätig sind. Hier galt die Formel „viele Shares = viele Leser“ als verlässliches Messinstrument für den Erfolg eines Artikels. Diese Formel basiert natürlich auf der Annahme, dass jeder, der den Artikel in die Netzwerke teilt, ihn auch gelesen hat. Doch genau da liegt der Fehler, wie man eigentlich auch schnell bemerken kann, wenn man sich eine Vielzahl der Kommentare unter Artikeln ansieht, die etwas kritisieren, was später im Artikel noch behandelt wird – die Kommentatoren haben den Artikel also ganz offensichtlich nicht gelesen. Aber sie sind nicht etwa eine kleine Gruppe – derjenige, der nicht schon einmal einen Artikel ungelesen geteilt hat, werfe den ersten Stein.

 

Die Idee, dass Likes und Retweets Erfolgsindikatoren, also quasi die Fleißbienchen für einen Artikel sind, beziehungsweise dass der virale Effekt die ultimative Bestätigung für dessen Relevanz ist, wird nun von Chartbeat nicht nur gehörig ins Wanken gebracht, sondern förmlich In Schutt und Asche gelegt. Josh Schwartz von Chartbeat erklärt gegenüber The Verge zwar, dass es bei der Untersuchung nur um Twitter ging, dass man für Facebook allerdings ein sehr ähnliches Ergebnis erwarte. Es gibt zwar einen Zusammenhang zwischen den Social-Media-Shares und dem Traffic eines Artikels – allerdings bedeutet dies eben nicht, dass auch mehr Menschen diesen tatsächlich lesen.

Bereits im Juni 2013 hat Farhad Manjoo auf Slate eine ganz ähnliche Chartbeat-Studie präsentiert und sogar im November 2012 hat eine Infografik bereits das gleiche Phänomen beleuchtet – wahrscheinlich ist aber, dass diese Artikel genau das Problem erlitten, das sie behandeln und ungelesen durch die sozialen Netzwerke weitergereicht wurden.

Nun stellt sich aber nicht nur die Frage nach den Ursachen, sondern auch danach, wie man nun den Erfolg eines Artikels eigentlich messen kann. Auf beide Fragen gibt es bisher keine klaren Antworten.

Wichtig ist Aufmerksamkeit

Als Ursachen wäre zum einen die stärkere Verbreitung von mobilen Geräten denkbar, auf denen der Nutzer weniger Zeit auf einzelnen Seiten verbringt. Dies liegt bereits in der Natur der Sache, dass auf mobilen Geräten häufig unterwegs und in Eile konsumiert werden. Ein weiterer Faktor ist vermutlich, dass bei vielen Themen wie Breaking News mit den Überschriften bereits der Kern der Meldung vermittelt wird, oder viele Leser dies zumindest annehmen. Außerdem ist die schiere Flut von Artikeln, die einem täglich in den sozialen Netzwerken entgegenschwappt auch nicht zu unterschätzen – sollte man diese alle lesen, bräuchte der Tag deutlich mehr, als 24 Stunden.

Für die Messung des Erfolges eines Artikels sollte künftig weniger Aufmerksamkeit auf die Besucherzahlen oder Likes und Retweets gerichtet werden, dafür mehr Augenmerk darauf, wie viel Zeit ein Nutzer tatsächlich auf einer Seite verbringt. Die reine Zeit alleine gibt zwar noch kein Aufschluss über die tatsächlich aufgebrachte Aufmerksamkeit, wie ein Blick auf die offenen Tabs in meinem Browser mich ahnen lässt, nimmt man aber noch das Scroll-Verhalten dazu, kann man die aufmerksam auf einer Seite verbrachte Zeit durchaus messen. Kurioserweise geht genau Upworthy inzwischen einen derartigen Weg. Dies wird allerdings vermutlich niemand mitbekommen, oder hat tatsächlich irgendwer diesen Artikel bis hierhin gelesen?


Teaser & Image by Thomas Angermann (CC BY-SA 2.0)


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Daniel Kuhn

Daniel Kuhn

ist Wahl-Berliner mit Leib und Seele und arbeitet von dort aus seit 2010 als Tech-Redakteur. Anfangs noch vollkommen Googles Android OS verfallen, geht der Quereinsteiger und notorische Autodidakt immer stärker den Fragen nach, was wir mit den schicken Mobile-Geräten warum anstellen und wie sicher unsere Daten eigentlich sind.

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