Céline Lazorthes: „Wissen kann man sich erarbeiten, Einstellung nicht.“

Social Payment erhält mit Leetchi.com eine ganz neue Bedeutung. Gründerin Céline Lazorthes setzt dabei auf Soziale Netzwerke und Usability. // von Jenny Genzmer

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Céline Lazorthes ist in der französischen Gründerszene nicht unbekannt. 2009 gründete sie das Unternehmen Leetchi.com in Paris, das von verschiedenen Investoren mit insgesamt 6 Millionen Euro unterstützt worden ist. Bis dahin war es für die damals 26 jährige Universitäts-Absolventin ein harter Weg. Auf dem Reeperbahn Festival in Hamburg sprach sie im Interview mit uns über den Wandel von Online-Bezahldiensten, die Versäumnisse von Paypal und die Schwierigkeiten einer jungen Unternehmerin in der Finanzbranche.

Netzpiloten: Bei leetchi.com kann ich eine Art Kurzzeitkonto eröffnen, Freunde einladen und mit ihnen Geld, z.B. für ein Hochzeitsgeschenk sammeln. Klingt wie die Lösung eines Alltagsproblems. Hätte da nicht eine Bank drauf kommen müssen?

Céline Lazorthes: Ja, vielleicht. Als ich die Idee zu Leetchi hatte, ging gerade ein ähnliches Produkt von Paypal an den Start. Sie hatten in Frankreich damit begonnen und scheiterten. Ich denke, ihr Fehler war, die sozialen Netzwerke zu vergessen. Auf leetchi.com werden mir zum Beispiel direkt Freunde vorgeschlagen, die ich mit der zu beschenkenden Person gemeinsam habe. Das macht die Organisation unheimlich leicht.

Das zweite Problem von Paypal ist, dass ich mir erst einen Account anlegen und mich registrieren muss. Das macht es viel zu kompliziert. Nach Paypal wollten alle französischen Banken das gleiche versuchen und sie scheiterten genauso. Deshalb glaube ich, dass man für so ein Projekt unbedingt mit den Sozialen Netzwerken denken und Ahnung von Finanzen haben muss. Viele StartUps in Europa und den USA machen das jetzt – die Banken haben das offenbar vernachlässigt.

Netzpiloten: Paypal hat ein großes Vertrauens- und Sicherheitsproblem. Wie geht leetchi.com damit um?

Céline Lazorthes: Unser Team besteht zu einem Drittel aus Softwareentwicklern. Wir arbeiten eng mit Microsoft zusammen und investieren viel Zeit in Sicherheitstests. Bisher hatten wir da auch noch keine Probleme.

Netzpiloten: Wieviel Zeit fließt in die Produktentwicklung?

Céline Lazorthes: Schwierige Frage, wir arbeiten ja ständig daran. Zum Beispiel an der Mobile App, die viel Zeit in Anspruch nimmt. Das ist eine Arbeit, die nie aufhört. Wenn du einmal aufhörst, zu forschen, verlierst du sofort Kunden. Als ich mit leetchi.com anfing, war ich gerade mit der Uni fertig. Da haben wir einen Prototyp rausgebracht. Anfang 2012 brachten wir dann die Vollversion auf den Markt. Ich dachte, wenn Paypal das versucht, dann muss es etwas Gutes sein und die Nachfrage ist auch vorhanden. Aber wenn sie vor uns Erfolg haben, wird’s schwierig.

Netzpiloten: Wie erklärst du dir, dass noch niemand vorher auf das Gruppen-Bezahlmodell gekommen ist?

Céline Lazorthes: Ja, die einfachsten Lösungen sind immer die besten. Das Problem bestand darin, Investoren für das Projekt zu gewinnen und die Banklizenzen zu erhalten. Sie haben mich angesehen, ausgelacht und gesagt, ok Mädchen, wenn du willst, kannst du hier ein Praktikum machen. So ging das zwei Jahre lang. Aber ich hab es durchgezogen. Und letztendlich waren da nur fünf Unternehmen, Amazon und Paypal zum Beispiel, die diese Lizenzen in Europa bekommen haben. Einem ähnlichen Produkt in den USA ging es genauso. Ich denke, das Internet hat einer Menge Branchen Probleme bereitet. Aber die Banken haben ein so starkes Monopol, dass es wirklich schwer ist, das zu durchbrechen.

Netzpiloten: Worin siehst du die wichtigsten Entwicklungen im Finanzsektor?

Céline Lazorthes: Ich denke, bei Bezahlprodukten im Internet muss es darum gehen, den Geldtransfer so einfach wie möglich zu gestalten. Vor ein paar Monaten haben wir zum Beispiel MangoPay gelaunched. Das ist die White-Label Lösung unserer API,. Afrimarket nutzt MangoPay zum Beispiel für „Cash to goods“-Projekte. Damit wird Geld nach Afrika gesandt. Dort wird es dann nicht als Bargeld abgehoben, sondern nur bei bestimmten Kooperationspartnern, wie Krankenhäusern, eingelöst. Ich finde diese Idee wunderbar und von diesen Projekten gibt es immer mehr.

Netzpiloten: Leetchi beschäftigt mittlerweile 25 Mitarbeiter – worauf achtest du eigentlich, wenn du neue Leute einstellst?

Céline Lazorthes: Mir wird oft gesagt, dass ich so verrückte Leute einstelle. Aber unser Team arbeitet sehr gut und eng zusammen. Ich schaue nicht auf Kompetenz. Ich schaue darauf, wie sich die Leute verhalten. Wissen kann man sich erarbeiten, eine Einstellung nicht. Ein StartUp verlangt sehr viel Zeit und Engagement. Dabei ist es wichtig, dass innerhalb des Teams alles stimmt. Wir wollen keine Bürokratie, wir wollen motivierte Leute, die mit Leidenschaft dabei sind.

Nach den Einstellungstests gibt es drei persönliche Gespräche – eins mit dem Personal Manager, eins mit dem Team und eins mit mir. Auch wenn es schwer ist, zum Beispiel gute Ingenieure zu finden – wenn es einen gibt, der ein schlechtes Gefühl hat, dann stellen wir die Person nicht ein.


Teaser & Image by Leetchi.com

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Jenny Genzmer

Jenny Genzmer

hat in Heidelberg Geschichte und Übersetzungswissenschaft studiert. Sie sammelte bei der Studierendenzeitung ruprecht ihre ersten journalistischen Erfahrungen und probierte sich dann durch Tageszeitungen, Fernsehen und Radio in Peru, Mexiko und Frankreich. Zurzeit absolviert sie ihren Master in Zeitgeschichte an der Universität Potsdam und arbeitet nach einem Praktikum bei der Deutschen Welle und Deutschlandradio Kultur als freie Redakteurin. Sie bloggt unter neuspreeland.wordpress.com und ist neuspreeland auf Twitter.

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