Causa Gauck – Deutungshoheit im Netz

Es ist der besondere und fortwährende Irrtum des menschlichen Begreifens, mehr durch Bestätigung als durch Verneinung bewegt und begeistert zu werden.“ Francis Bacon,1620.

Eine Echokammer ist ein nach akustischen Gesetzen gestalteter Raum, der besondere Hall- und Echoeigenschaften aufweist. In einer trivialisierten Form der Medientheorie, die zum Teil im Feuilleton-Jargon oder bei halbgaren Medienwissenschaftlern anzutreffen ist, bezeichnet dieser Begriff ein Phänomen, das in der Wissenschaft als confirmation bias bezeichnet wird. Damit wird die psychologische Erkenntnis umschrieben, dass Menschen aus der Vielzahl an einströmenden Informationen diejenigen aussuchen, die die eigenen Erwartungen und das Vorwissen bestätigen und diejenigen Inhalte, die dieser Haltung widersprechen, werden ausgefiltert.

Der Psychologe Leon Festinger hat in seiner Theorie der Kognitiven Dissonanz dargelegt, dass Menschen dazu neigen, widersprechende Informationen oder Aktivitäten aufzuheben bzw. auszulöschen, weil die Widersprüche innere Erregung auslösen. Man kann also auf der Basis dieser psychologischen Begründung behaupten, dass Menschen emotionale Spannung abbauen, wenn sie Widersprüche auflösen. So etwas ist neulich geschehen, als zahlreiche Tweets mit kritisierten Zitaten vom zukünftigen Bundespräsidenten Gauck auftauchten…

In einer schier endlosen Schlacht von Interviewzitaten von Joachim Gauck war jedoch der Blick auf das eigentliche Thema etwas verstellt. Denn das Besondere lag vor allem darin, dass zur Zeit der letzten Präsidentenwahl ein großer Teil der sogenannten Netzgemeinde (gemeint ist wohl vor allem die Twitter-Community) unter dem Hashtag #notmypresident ihren Unmut über Wulff äußerte und Gauck über den grünen Klee lobte. Nun war in dieser Twitter-Welt jedoch ein anderer Geist dominierend, der Gaucks Äußerungen zur Vorratsdatenspeicherung, zu HartzIV oder der Occupy-Bewegungen ins Visier nahm.

Leider hatten sich einige Journalisten dazu verstiegen, diese Zitate zum Anlaß zu nehmen Kritisches über Gauck zu verbreiten. Wie so oft im massenmedialen Geschäft wurden Zitate aber hauptsächlich dazu benutzt, um eine vorgefertigte Meinung zu substantiieren. Anstatt also die Gegenposition stark zu machen und den ganzen Kontext von Gaucks Meinungsäußerungen zu liefern, wurde verkürzt. Das mag auch deswegen geschehen, weil die Redaktion eine bestimmte Länge vorgibt und man dann alle wichtigen Details, die einem später vorgehalten werden, einfach weglassen muss – man streicht also seine eigene Recherche zu einem Tendenzartikel zusammen. Das passiert nicht so selten wie der gemeine Leser annimmt – vor allem externen, freien Journalisten. Es kann aber auch sein, dass eine Redaktion sich sogenannte Bullterrier hält. Die schreiben eigentlich nichts Anderes als vernichtende, lächerlich machende Artikel über all die Themen, die die Redaktion gerade im Schmutz sehen will.

Es ehrt Sascha Lobo, wenn er diesen Themenkomplex auf eine Diskussion über Zitate reduzieren will. Er baut seinen hübsch gestanzten Spannungsbogen vom historischen Einleitungs-Zitat über das detailverliebte Beschreiben beobachteter Realität bis zum Schließen des Spannungsbogens im letzten Absatz exakt genauso, wie diejenigen, die er kritisiert: die Massenmedien und die dreisten Gauck-Kritiker bei Twitter.

Es geht hier um eine Industrialisierung der Information, es geht um seriellen Journalismus – also die vierte Gewalt vom Fließband. Alles Nachvollziehbare wird gestanzt in die immer gleichen Formen. Alles Kritisierbare wird dann gut, wenn es in einem historischen Kontext mit Großzitaten eingewoben wiedergekäut wird in lakonischen Beobachtungen voller bildungsbürgerlicher Anspielungen. Die Uniform des Feuilleton läßt grüßen. Und wenn eine Meinung, eine Ahnung oder einfach nur ein Kommentar mit einem Link und einem Halbsatz in den digitalen Äther gerotzt wird, dann ist schon nachgewiesen, dass dort keine Medienkompetenz herrscht? Ist das dort etwa der schützenswerte Qualitätsjournalismus, der Besinnungsaufsätze bis zur Besinnungslosigkeit mit einem Bildungsjargon versetzt bis jegliche Aussage überzuckert ist. Und gegenüber auf der anderen Seite der Schwarz-Weiß-Welt sind die dummen Jungs und Mädels, die Zitate aus dem Zusammenhang reißen, weil sie nur 140 Zeichen zur Verfügung haben und darin auch noch einen Link unterbringen müssen.

Ich verstehe gut, dass sich viele Experten über die Netzgemeinde hermachen, die manche Zitate verkürzt. Aber dahinter steht doch eine Hevelingsche Kriegserklärung im Wolfspelz (Lobo ist spanisch für Wolf). All diejenigen, die mit ihm gemeinsam über den Botschafter (Messenger) herfallen. Machen sich nicht eben zum Anwalt einer inhaltlichen Diskussion.

Und es gibt klare Hinweise auf diskussionswürdige Tendenzen von Gauck, die den damaligen ebenso unreflektierten Herdentrieb der Netzgemeinde gegen Wulff und für Gauck in einem neuen Licht erscheinen lassen. Da ist die Mitschrift von Gaucks Meinung zur Vorratsdatenspeicherung:

[…] Was ich bei Herrn Stöbele nicht so richtig nachvollziehen kann ist, dass er im Grunde mit der von mir getragenen Sorge, ob unsere Grundrechte eingeschränkt werden, nicht im Grunde so eine hysterische Welle mit aufbaut, als würde mit der Speicherung von Daten, die möglicherweise meine Grundrechte einschränkt – ein wenig einschränkt -, als wäre dann der Beginn zu dem Spitzelstaat. Darauf hat Herr Tophoven eben abgehoben. Das ist eine ganz tiefsitzende Angst in vielen europäischen Völkern. Ich sehe die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland nicht in der Gefahr, zu einem Spitzelstaat zu werden. Umso mehr müssen die Regierungen dartun – und zwar wirklich mit tragfähigen Belegen -, wieviel mehr Kontrollmöglichkeiten, Speicherungsmöglichkeiten, Fahndungsmöglichkeiten uns tatsächliche Erfolge bringen. Denn sonst würde ich das doch als eine beginnende Gefahr dieses Sicherheitsmantras gegenüber der Freiheitsbotschaft sehen. […]

Auf eine geschickte, diplomatische Weise nimmt Gauck die Sorgen ernst und konterkariert die zugrunde liegenden Ängste – gerade und auch auf dem Boden seiner eigenen Stasi-Erfahrungen – mit der Unmöglichkeit eines Spitzelstaats. Und das obwohl bis zum Aufdecken des Staatstrojaners keiner genau wusste, wie überhaupt in Deutschland abgehört wird. Die vielen deutschen Firmen, die Filtersoftware und Deep Packet Inspection anbieten, haben auch deutsche Behörden auf ihren Kundenlisten. Neben diesen bekannten polizeilichen Maßnahmen ist gar nicht klar, welche Lösungen Militärischer Abschirmdienst und Verfassungsschutz einsetzen. Auch die Handyüberwachung in Berlin und Dresden hat viele Mitglieder der „Netzgemeinde“ sensibilisiert in eine sorgenvolle Richtung. Da ist es nur wohlfeil von Gauck zu behaupten, dass die Gesellschaft nicht Gefahr läuft ein Spitzelstaat zu werden. Da sich aber die politische Kaste und erst recht die Behörden immer weiter vom Souverän entfernen, sind Ängste nicht wirklich unbegründet.

Warum ausgerechnet jemand, der moralisch die Nation anführen soll, auf HartzIV, Armut und Sarrazin so blickt, wie Gauck das tut, ist sicherlich diskutabel. Da hat der Verweis auf verkürzte Zitate eher verwirrenden Charakter. Wer es im Original lesen will, findet das Interview hier: Das Interview in der Süddeutschen Zeitung

Spannend bleibt also bisher nur die Tatsache, dass die Metadiskussion über das Ausbleiben einer Diskussion Stoff für Blogbeiträge liefert. Die Inhalte von Gauck sind entweder zu komplex oder zu verschwommen, um sie wirklich so zu diskutieren, dass ein Diskurs über die inahtliche Haltung Gaucks zustande kommt. Wenn man irgendetwas dem Web vorwerfen will, dann die Tatsache, dass die Apologeten des Internet sich aus der diskursiven Verantwortung stehlen und mit Fingern auf diejenigen zeigen, die eine Meinung mit einem Link (re)tweeten. Der Verweis auf die Filter Bubble von Eli Pariser ist in diesem Zusammenhang übrigens obsolet, weil Pariser von automatisierten Filtern sprach und eben nicht von echten Menschen mit echter Empörung – auch wenn diese nicht immer ausreichend substantiiert zu sein scheint. Algorithmen sind etwas ganz Anderes als vermeintlich tumbe Twitter-Nutzer…

Aber der Mensch neigt gern dazu, die Informationen auszublenden, die nicht seine Erwartungen an die Wirklichkeit erfüllen. Manche nennen das den individuellen Realitäts-Tunnel. Dass das Internet eine technologische Basis ist, die gleichzeitig den sozialen Fortschritt eines offenen Dialogs mit sich bringt, hat niemand ernsthaft behauptet. Aber man kann im Internet damit anfangen, die Bedingungen eines offenen Austauschs zu diskutieren. Der Verweis auf die handwerklichen Fehler der vermeintlich Anderen ist dabei aber möglicherweise kein sozialer Fortschritt. Journalistisch interessant wird der Fall Gauck erst, wenn die hier und da aufpoppenden fragwürdigen Verhaltensweisen als Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde nach intensiver investigativer Recherche Teil des öffentlichen Diskurses geworden sind. Mal sehen ob sich die BILD dann wieder mit Ruhm bekleckern darf…

Und zum Schluß der Lobosche Fehlschluß:

Es fühlt sich an wie eine unheilige Allianz, wenn sich soziale Medien in ihrem Wunsch nach Verkürzung und Anspitzung und professionelle Medien in ihrem Wunsch nach vermarktbarer Aufmerksamkeit so ergänzen, dass Zitate in den maximalen Wirkungskontext zusammengestaucht und zurechtgebogen werden. In der Berichterstattung zum Arabischen Frühling ergänzten sich die Stärken von journalistischen Medien und Social Media – hier ergänzen sich die Schwächen.

Die Berichterstattung zur Arabischen Rebellion wäre ohne Twitter, Youtube, Facebook gar nicht möglich gewesen, weil es schlicht keine andere Berichterstattung gab. Da waren keine anderen Medien – abgesehen von den staatlich gelenkten Organen der Diktatoren. Unsere Medien hatten über lange Strecken kein eigenes Material, dasselbe sehen wir aktuell wieder in Syrien. Das ist keine Ergänzung. Die Profis bedienen sich derjenigen, die vor Ort sind, ohne sie zu vergüten. Kein Wort wird da verloren über Urheberrechte und gegenseitige Ergänzung. Eine Einladung zur nächsten Webkonferenz ist meist das Einzige was übrig bleibt für all die Blogger und selbst ernannten Videojournalisten, die ihr Leben riskieren. Noch was Herr Lobo; Soziale Medien haben keinen Wunsch nach Verkürzung. Twitter hat nur 140 Zeichen. Meinungen über die Aussagen anderer sind meistens mit einer Zustimmung oder Ablehnung verbunden, sonst motivieren sie keinen Tweet oder ähnliches. Es ist das Eine, über die das bloße LikeIt-Stimmvieh den Stab zu brechen. Es ist ein Anderes, eigene Gedanken, losgelöst von der aktuellen durchs Dorf getriebenen Sau zu entwickeln. Ich kann gerade bei Lobo exakt das immer wieder erkennen, was er anschwärzen will.

1. Erkennen, was gerade diskutiert wird.
2. Seine Taler damit zu mehren, diese Sau in ästhetischer Weise zusammenzufassen, Details zu beschreiben, eigenen Senf draufzudrücken und das Produkt Redaktionen zu verhökern.

Warum sind all die Anderen im Netz, die nichts damit verdienen, auf Fremdes zu verweisen, unselige Falschzitierer? Jemand, der den maximalen Wirkungskontext der jeweils aktuellen Web-Sau auf Twitter/Facebook/Google+ ausnutzt, um seinen industrialisierten, seriellen Journalismus loszuwerden, tut nichts Anderes als gegen maximalen Wind zu pissen, wenn er genau diese Web-Sau und ihre Mechanismen anprangert.

Foto: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann

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Jörg Wittkewitz

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)

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