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	<title>Netzpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0 &#187; Netztheorie</title>
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	<description>Netzpiloten surfen oberhalb der Wolkendecke. Seit 1998 entdecken wir mit Euch, dass das Web mehr zu bieten hat als bedruckte Seiten hinter Glas.</description>
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		<title>Dem Algorithmus ein natürlicher Feind sein?</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Jan 2012 08:45:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jörg Wittkewitz</dc:creator>
		
	<dc:subject>Netztheorie</dc:subject>
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		<description><![CDATA[Es kam, wie es kommen musste. Der Algorithmus. Eine Handlungsvorschrift, die sequentiell, also nacheinander abgearbeitet wird, um ein Problem zu lösen bzw. eine Aufgabe zu erfüllen, wird zum Spielball der Dichter und Denker. Als Miriam Meckel darüber geschrieben hat &#8211; und nichts anderes fand als die fade recommendation engine aus dem eCommerce &#8211; war es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.netzpiloten.de/wp-content/uploads/2012/01/rodin-der-denker.gif" alt="Algorithmus" width="650" height="225" class="alignleft size-full wp-image-30853" /></a></p>
<p>Es kam, wie es kommen musste. Der Algorithmus. Eine Handlungsvorschrift, die sequentiell, also nacheinander abgearbeitet wird, um ein Problem zu lösen bzw. eine Aufgabe zu erfüllen, wird zum Spielball der Dichter und Denker. Als Miriam Meckel darüber geschrieben hat &#8211; und nichts anderes fand als die fade recommendation engine aus dem eCommerce &#8211; war es mir der Mühe zu gering, darauf zu antworten. Als aber nun die geschätzte <a href="http://www.sueddeutsche.de/digital/zur-kritik-an-algorithmen-warum-wurde-mir-ausgerechnet-das-empfohlen-1.1253390" target="_blank" class="liexternal">Kathrin Passig in der SZ</a> sich bemüßigt sah, auf die am Boden argumentierende Meckel auch noch einzuschlagen, da wurde der Beschützerinstinkt in mir geweckt&#8230;<span id="more-30795"></span></p>
<p>Liebe Kinder und Kinderinnen, es ist nicht an dem. Ich freue mich ja, wenn normale Leute sich mit mathematischen Verfahren abmühen oder zumindest deren ingenieursmäßige Ausbeutung in der Informatik betrachten. Aber mal unter uns: Tausende Sachbearbeiter in Banken und Versicherungen wurden entlassen, weil die automatische Posteingangsbearbeitung und Klassifikation die Schadensbearbeitung und viel trivialere Aufgaben in wenigen Jahren in die Hände von Robotern legten. Der Hochfrequenzhandel ist ein dicker Brocken bei der Ursachenforschung rund um die Finanzkrise. Und Überwachung im großen Stil geht ohne algorithmische Textanalyse gar nicht mehr. Manche können sich ja bis heute nicht vorstellen, dass der Einzug der Roboter in der Industrie nur ein Fliegenschiß war gegenüber dem, was in der Dienstleistungswelt passiert und noch passieren wird. Da war das sarkastische Wort vom Bildschirmrückseitenberater von Günter Dueck auf der re:publica nur ein geschniegelter Anfang der Entlassungswelle, die schon länger durch den dritten Sektor rollt. Und alle die mit ihm darüber gelacht haben, werden sich noch umschauen, was es heißt, wenn die IBMs und HPs dieser Welt die Arbeitswelt vollständig umgekrempelt haben, auf dass nur noch Experten und 400-EURO-Jobber übrig bleiben.  </p>
<p>Eine Recommendation Engine steckt in jeder Suchmaschine, die den Namen verdient und analysiert das Bedienerverhalten und optimiert daraufhin seine Ergebnislisten, was Eli Pariser zu der so schönen wie falschen Annahme verleitet hat, dass wir alle im Web in einer Filter Blase vegetieren. Wir tun das sowieso schon immer in der Medienwelt, weil sie eine vermittelte Welt ist. Das eigentliche Problem, das er gar nicht erkannt hatte und das hier weder bei Meckel noch bei Passig auftaucht, ist die Frage, wie wir vernetzte Informationen überhaupt sinnvoll einsetzen können &#8211; und zwar in bezug auf aktuelle und künftige Aufgaben. </p>
<p>Denn unser Gehirn filtert freundlicherweise fast alle aktuellen Informationen aus. Die Intuition behandelt die Gegenwart und reagiert, das Bewußtsein ist nur für die Planung, also die Zukunft zuständig. Philosophen und Neurowissenschaftler behandeln im Zuge des <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Libet-Experiment" target="_blank" rel="nofollow" class="liwikipedia">Libet-Experiments</a> dieses selbe Problem mit der unzureichenden Frage nach dem freien Willen. Es geht aber nur um Gegenwart und Zukunft. Und das ist auch der Kern bei den Algorithmen. Würden wir im Web frei agieren, gäbe es keine Vorbehalte gegenüber den unsichtbaren Regelwerken. Aber im Web wird unser zukünftiges Handeln extrapoliert, nachdem unsere Intuition die Software der Webdienste mit Daten über unser unbewusstes und vorbewusstes Entscheiden füttert. Die reflektierende Ebene ist ein Automat geworden.</p>
<p>Die Vorwürfe der Kulturjournalisten gegenüber den Algorithmen sind bisher einfach schlecht formulierte und unzureichend durchdachte, aber intutiv richtig erfasste Ängste gegenüber einer Black Box, also einem unkontrollierbaren Verfahren namens Algorithmus, das unseren Entscheidungen im Web in einer Schleife Informationen entnimmt und damit neuronale Netze füttert, die ihrerseits die Gestalt und die Inhalte im Web neu strukturieren, um uns angepasster zu sein. Diese Form der gelenkten Evolution ist aber keineswegs eine Selektion, die erwünschte gesellschaftliche Entwicklungen verstärkt. Es geht dabei also nicht um das Abbilden unserer gemeinschaftlichen Schlenker, die wir als soziales Wesen vollführen. Es geht um kommerzielles Verfügbarmachen und Optimieren der Strukturen im Web unter der Knute des Populären. Damit wird der Kern des Web falsch bewertet und vom Wesentlichen abglenkt. Denn das Web ist der erste Kulminationspunkt, in dem eine orale und eine schriftliche Kultur zusammenfallen. Es ist damit die Essenz der letzten Jahrtausende unserer Kulturgeschichte. Der Algorithmus jedoch ist ein Hersteller künstlicher Düfte und Aromen, die uns zu etwas locken sollen. Die Folgen sind unabsehbar für die Gärtnertätigkeit bei geistigen Schöpfungen. Es geht im Zweifel alles das verloren, was uns an unvermittelter Kommunikation bleibt. Im Mindesten wird diese fantastische Hochzeit von Sprach- und Schriftkultur einfach im Optimierungswahn der Werbewelt zu einer Las-Vegas-Hochzeit mit Elvis-Presley-Double und Musik vom Band.  </p>
<p>Es geht also darum schlauer zu werden und den Algorithmen auf die Finger zu schauen. Transparenz? Nee, so platt kommt ihr mir nicht davon. Es muss eine Diskussion geben darüber wie unsere Gesellschaft das Web strukturieren und nutzen will. Die Anbieter müssen ihre Pfründe bekommen, meinetwegen Milliarden, aber wir müssen das Erbe der Menschheit pflegen: Sprache und Schrift und nicht zuletzt unser Nachdenken über unsere eigene Zukunft. Und das soll nicht allein an unseren unbewußten Entscheidungen im Web ausgerichtet werden sondern an Visionen, Werten und einem breiten Diskurs.</p>
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		<title>Netzwerk oder Stahlwerk?</title>
		<link>http://www.netzpiloten.de/2011/12/12/netzwerk-oder-stahlwerk/</link>
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		<pubDate>Mon, 12 Dec 2011 09:00:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jörg Wittkewitz</dc:creator>
		
	<dc:subject>Netztheorie</dc:subject>
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		<description><![CDATA[Um die Kulturtechnik Internet zu verbessern, sollten Programmierer und Nutzer sich besser verstehen. Viele Standardbegriffe verhindern dies jedoch. Vielleicht vernebeln sie sogar ganze Bedeutungsbereiche in Sachen Kommunikation. Gerade Wörter wie Netzwerk oder Datenflut sind ständige Begleiter der Diskussionen über technologische Gegenwart und kulturelle Zukunft. Aber helfen uns diese Begriffe überhaupt beim Formulieren und Verstehen aktueller [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.flickr.com/photos/64260010@N07/5853564761/" title="Netzwerk by Karrierebibel.de, on Flickr" target="_blank" class="liimagelink"><img src="http://farm6.staticflickr.com/5273/5853564761_fb4dc7df52.jpg" width="500" height="400" alt="Netzwerk"></a></p>
<p>Um die Kulturtechnik Internet zu verbessern, sollten Programmierer und Nutzer sich besser verstehen. Viele Standardbegriffe verhindern dies jedoch. Vielleicht vernebeln sie sogar ganze Bedeutungsbereiche in Sachen Kommunikation.</p>
<p>Gerade Wörter wie Netzwerk oder Datenflut sind ständige Begleiter der Diskussionen über technologische Gegenwart und kulturelle Zukunft. Aber helfen uns diese Begriffe überhaupt beim Formulieren und Verstehen aktueller Probleme und Wünsche?<span id="more-30099"></span></p>
<p>Will man ein Netzwerk beschreiben, muss man in die Tiefen der Mathematik hinabsteigen: in die Graphentheorie. Dieser Teil der Mathematik ist nicht ganz zufällig die Basis vieler Algorithmen oder der Komplexitätstheorie. Damit sind wir im Kern der Informatik. Aber auch das Zusammenleben der Menschen wird auf diese Weise formuliert. Graphentheoretische Modelle bildeten die erste Grundlage für Soziologen, um Soziale Netzwerke zu analysieren. Auf diese Weise haben Wissenschaftler eine naturwissenschaftlich fundierte Struktur an der Hand, um die soziale Ordnung einer Gruppe nachvollziehbar zu beschreiben. Die einzelnen Akteure solcher Gemeinschaften werden dabei als Knoten (vertices) betrachtet. Ihre Beziehungen zueinander werden als Kanten (edges) formuliert.  Diese beiden Elemente bilden gemeinsam große oder kleine Strukturen: die Netzwerke. Schon lange vor der Soziologie wurden in der Ethnologie Verwandtschaftsverhältnisse bei Naturvölkern auf diese Weise aufgezeichnet. Die Vorläufer solcher Analysen stammen von britischen Forschern, die afrikanische Stämme untersuchten. Heutzutage schauen wir differenzierter auf Beziehungen als nur unter dem Aspekt der Verwandtschaft.</p>
<p>Denn neben den Sozialwissenschaften und der Psychologie haben auch die Wirtschaftswissenschaften und die Systemtheorie diesen Begriff in ihren Methodenkanon aufgenommen. Interessant ist dabei vor allem der Blick auf die Betriebswirtschaftslehre, die als Netzwerkorganisation einen informellen Zusammenschluss von Menschen mit ähnlichen Interessen beschreibt, die voneinander profitieren. Doch genau das fehlt in der Beschreibungswelt der Graphentheorie: Eine Dimension der Organisation, also eine inhaltliche Beschreibung der Motive und Handlungen der ordnenden Hand. Denn Graphen sind eine Menge von Punkten. Zugegeben, die Knoten als Verbindung mehrerer Graphen sind besondere Elemente, aber wie weit reicht diese Metapher des Netzwerks, um aktuelle Zustände oder zukünftige Vorhaben zu gestalten?</p>
<p>Denn anders als die Institution der Organisation ist der Prozess des Organisierens eine ganz andere Kategorie, die nicht als Element oder Struktur beschreibbar ist, sondern auf beide einwirkt.  Die Handlungen der Beteiligten sind an dieser Stelle eine mögliche Dimension. Deutlich interessanter muss für uns jedoch der Aspekt des Sinns sein, der diese steuernden Handlungen lenkt. </p>
<p>Dieser Blick wird besonders gern unterschlagen, wenn Datennetzwerke zur Diskussion stehen. Ob Datenschutz, Bundestrojaner oder Terroristendateien – in den allermeisten Fällen werden Beziehungen und Knotenpunkte diskutiert. Die Knoten sind entweder private Datenendeinrichtungen, die aus geschäftlichen Gründen geheim bleiben sollen oder es sind persönliche Kommunikationsapparate einer Privatperson, die dort einen geschützten Raum für ihre persönlichsten Informationen wünscht. Wenn Datennetzwerke und soziale Netzwerke ineinander fallen wie bei Facebook oder Google+, dann wird aus dem Fachbegriff Netzwerk eine metaphorische Beschwörungsformel, die zu allerlei Spekulationen Anlass liefert. Leider fallen in vielen Talkshows und Podiumsdiskussionen vor allem die Experten mit einem metaphorischen Gebrauch von basalen Fachtermini wie Daten oder Netzwerke auf. Denn je ungenauer die Knoten, Verbindungen und Daten beschrieben werden, desto eher verkommen die Begriffe zu reiner Wortmalerei.</p>
<p>Die Diskussionen um Facebook-Parties, Datenschutz, Fotos mit betrunkenen Jugendlichen und den Abermilliarden an Werbeeinnahmen werden durch schwammige Begriffe wie eben das Netzwerk weder verständlicher noch präziser. Denn die sogenannten social networks vornehmlich amerikanischer Herkunft sind ein Goldesel, der uns verkleidet als hölzernes Pferd ins Dorf geschoben wurde mit dem Hinweis, dass wir mit dieser Software Identitätsmanagement betreiben können. Der Nutzer listet seine Freunde (Knoten) auf und die Kanten werden durch die Interaktionen mit diesen Leuten täglich präziser beschrieben. Fragt sich nur, für wen die Präzision zunimmt.   </p>
<p>Aber die Organisation solcher Netzwerke bleibt unsichtbar und undiskutiert. Jeden Monat kommen neue Funktionen hinzu. Ihre Aufgabe ist es, den einzelnen Knoten – sei es der Nutzer oder ein Inhalt wie verlinkte Artikel oder Videos – besser zu beschreiben. Die Sinnhaftigkeit und die Präzision geben die Programmierer vor. Jedes Mal wenn wir gegenüber Vertretern der Webgiganten wie Facebook und Google die Interessen der Nutzer einklagen wollen, kommt es nur zu einem Austausch über die Elemente und Verbindungen. Die Sinnebene erreichen wir nicht. Die Sprache fehlt.</p>
<p>Das liegt aber auch an uns. Denn innerhalb der Gesellschaft brauchen wird Denker und Praktiker, die die neue Kulturtechnik der Echtzeitkommunikation mitten in einer mobilen Bücherei mit Abermillionen von Dokumenten und Kommentaren mit uns und für uns gestalten. Wenn Sicherheitsbehörden, Politiker, Funktionäre und Firmenlenker unisono von anhaltenden Kommunikationsproblemen sprechen, während wir alle gemeinsam in dieser mobilen, allwissenden Datenhalde stehen, die Dutzende Megawatt Storm täglich verschlingt, dann müssen wir den Programmierern offenbar bessere Aufträge erteilen und unsere Wünsche angemessener ausdrücken.</p>
<p>Leider entwickeln die Computerfreaks meistens ohne unser Zutun, weil wir einfach nicht richtig unseren Bedarf formulieren. Und leider beschreiben sie gern alle Aufgaben im Rahmen der Graphentheorie. Auf diese Weise kann man zwar phantastische Routenplaner erstellen, aber schon die Aufgabe, ein Rundreise zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten zu errechnen, die kurze Fahrzeiten beachtet, also möglichst wenig gefahrene Kilometer zum Ziel hat, ist eine schier unlösbare Aufgabe. Wenn man also Sinn hinzufügen will zu den Kanten und Knoten, dann purzeln die mathematischen Verfahren durcheinander und Computer-Software als das Land der unbegrenzbaren Wirklichkeiten wird schnell zum Flaschenhals für einfach menschliche Bedürfnisse. </p>
<p>Eine ähnliche Betrachtung kann man auch für den Begriff der Datenflut anstellen. Hierbei handelt es sich um die Tatsache, dass eine unvorstellbare Anzahl an Buchstaben und Zahlen weltweit auf Computern gespeichert ist, die alle an das Internet angeschlossen sind. Wer aber den Speicherort nicht kennt, wird nie auf diese Flut zugreifen können. Suchmaschinen durchsuchen jede Sekunde das gesamte Datennetz und ermöglichen erst das Wissen über die Unzahl an möglichen Informationen &#8211; die man ohne sie nie erfahren hätte. Dann erst haben sie ihre Existenzberechtigung, indem sie uns erklären, dass ihre Arbeit darin liegt, die einzelnen Treffer zu gewichten. Sie schaffen also erst das Problem, dass sie nachher großzügig lösen. Zumindest sollen wir glauben, dass sie das Problem lösen. Da sie nicht wissen, was für uns wichtig ist, müssen sie auch noch Informationen über unsere Interessen sammeln, damit sie uns präzisere Lösungen für Probleme anbieten können, die wir ohne sie nicht hätten. Auch hier begegnen wir wieder dem Phänomen, dass die Sinnebene gar nicht erörtert wird. Denn die Pioniere haben das weltweite Datennetz früher auch ohne globale Suchmaschine genutzt: Sie haben mit anderen kommuniziert. Gemeinsam hat man Lösungen gefunden. Das hat zwar länger gedauert als einfach ein paar Worte zu googeln, aber wer sagt denn, dass mehr Geschwindigkeit ein erstrebenswertes Ziel ist.    </p>
<p>Es wäre an der Zeit, dass wir Talkshows, Stammtischsitzungen und Familienmeetings nutzen, um über Sinn und Unsinn der digitalen Informationswelt und deren Nutzen im Alltag zu diskutieren. Tausende Firmen mussten ihre Arbeitsprozesse an Betriebssoftware anpassen. Das passiert nicht immer zum Wohl der Firma. Und auch das Anpassen der Kommunikationsgewohnheiten an die Modellierfähigkeiten der Programmierer findet nicht immer uneingeschränkte Zustimmung. Auf der anderen Seite steht der Unwillen vieler Nutzer, sich auf die neuen Herausforderungen offen einzulassen und neue Fähigkeiten und einen verantwortungsvollen Umgang mit Technik auszubilden. Denn man kann ein Smartphone am Wochenende einfach ausstellen. Und dann zählen wieder so archaische Kantenbeziehungen wie Verwandtschaft und Freundschaft.</p>
<p>Will man jedoch, dass die Ängste und Unsicherheiten rund um digitale Kommunikation und Arbeitsorganisation eingedämmt werden, dann muss ein offener Austausch über Wünsche und Möglichkeiten stattfinden. Viele Begriffe der Webexperten kommen aber weder im Alltag noch in der Vorstellungswelt der Nutzer vor. Genau genommen entstammen sie zumeist einer technischen Herkunft. Und so reden weiter alle aneinander vorbei, wenn sie überhaupt reden. Denn vor der Technikfolgenabschätzung haben die höheren Wesen die Entwickler und Ingenieure gesetzt. Der Kunde oder Nutzer darf höchsten beim Testen dabei sein, ob die Erfindungen bedienbar sind. Und man darf dem Nutzer bis auf die Innenseite der Fußsohle schauen &#8211; zu seiner Sicherheit. Da ist das Gerede von der schlimmen Datenflut ein Hohn. Und das Netzwerke andere Produkte als Stahlwerke ausstoßen, dürfte auch klar sein. </p>
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		<title>Der Begriff Privacy</title>
		<link>http://www.netzpiloten.de/2011/11/24/der-begriff-privacy/</link>
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		<pubDate>Thu, 24 Nov 2011 09:10:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jörg Wittkewitz</dc:creator>
		
	<dc:subject>Netztheorie</dc:subject>
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		<description><![CDATA[Im Jahr 1890 hatten der amerikanische Richter Louis Brandeis und der Anwalt Samuel Warren den Begriff privacy zum ersten Mal als Recht formuliert, den Schutz des privaten Bereichs als Teil der persönlichen Freiheit durchzusetzen. Es handelte sich dabei vor allem um ein Abwehrrecht gegen die anstürmenden Kräfte der Presse, des Staates und öffentlicher Behörden. Denn [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Jahr 1890 hatten der amerikanische Richter Louis Brandeis und der Anwalt Samuel Warren den Begriff <em>privacy</em> zum ersten Mal als Recht formuliert, den Schutz des privaten Bereichs als Teil der persönlichen Freiheit durchzusetzen. Es handelte sich dabei vor allem um ein Abwehrrecht gegen die anstürmenden Kräfte der Presse, des Staates und öffentlicher Behörden. Denn zu jenem Zeitpunkt begann ein organisatorischer und technischer Fortschritt bei Medien und behörden den Bereich der persönlichen Aktivitäten zu beobachten, die vorher schlicht nicht der öffentlichen Hand zugänglich waren und auch die Presse bis dato unangetastet gelassen hatte. Zwar war das eigene Land und die körperliche Unversehrtheit schon vorher geschützt, die beiden Juristen sahen jedoch in der zunehmend ökonomisch agierenden Presse sowie den Aufzeichnungsmöglichkeiten für Bild und Ton eine neue Form des externen Übergriffs auf die persönliche Schutzzone. Sie mahnten daher an in ihrem Grundsatzartikel <a href="http://faculty.uml.edu/sgallagher/Brandeisprivacy.htm" target="_blank" class="liexternal">The Right To Privacy</a> an, das Recht an der eigenen Person müsse angesichts der modernen invasiven Praktiken durch Staat und Firmen gestärkt werden, damit die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Leben gewahrt blieben&#8230;</p>
<p><span id="more-29619"></span></p>
<p>Heutzutage wird an dieser Stelle oft und gerne über Datenschutz gesprochen und geschrieben. Allerlei abenteuerliche historisch oft einseitige Herleitungen für diesen Schutz persönlicher Informationen werden bemüht, um einen künstlichen Keil zwischen die Selbstbestimmung des Menschen über seine Daten und die invasiven und zum großen Teil stillen Aktionen von Firmen zu treiben, um an eben diese persönlichen Daten zu kommen. Dabei werden oft aktive und passive Aktionen miteinander verwechselt oder gar nicht erst differenziert. </p>
<p>Vergessen wird dabei nicht selten, dass es einen großen Unterschied zwischen öffentlichem Leben und Öffentlichkeit gibt. Analog werden auch Privatheit und privates Leben vermengt. Habermas sieht in der Öffentlichkeit im weitesten Sinne das Publikum als mehr oder weniger große Masse von Menschen mit mehr oder weniger koordiniertem Willen zur Meinungsbildung über die Dinge, die alle etwas angehen. Das Private umfasst eher den willkürlichen Bereich des Lebensnotwendigen. Wenn man in Betracht zieht, dass beide Sphären im Lebensvollzug erst ihren Wert für die Person erhalten, dann bekommt die theoretische Diskussion überhaupt erst einen praktischen Sinn, nämlich einen ethischen. Hierbei ist dann zu bedenken, welche Informationen wem dienen sollen. Die Interessenlage der Person muss sich dabei nicht gegenüber dem öffentlichen Leben begründen. Es muss reichen, dass im allgemeinen Persönlichkeitsrecht festgelegt ist, dass bei Personen, die nicht im öffentlichen Leben stehen (Politiker, Schauspieler etc.) alle privaten Informationen schützenswert sind. </p>
<p>Wer nun denkt, dass jeder, der im Internet seine Fotos oder Statusmeldungen verbreitet, damit ein Angebot an das öffentliche Leben unterbreitet, ein ähnliches Interesse an der Person zu entwickeln wie wir es bei Hollywood-Stars unterstellen, der begeht einen kategorialen Fehler. Denn es ist im allgemeinen Fall davon auszugehen, dass er oder sie dies nur gegenüber seinen Freunden tun möchte, die er präzise zu diesem Zweck in seine Liste im Sozialen Netzwerk eingeladen hat. </p>
<p>Noch offensichtlicher sind staatliche Eingriffe wie das SWIFT-Abkommen über Bankdaten oder der Austausch von Reisedaten mit den USA. Dort kommen immer wieder höhere Werte als Begründung vor, um die Datenübermittlung einzuordnen. Was Brandeis und Warren noch auf die moderne Presse und das mechanische Bannen von Menschen und ihren Worten bezogen (in dieser Linie können wir ihre Argumente um Google und Facebook erweitern), muss nun aber vor allem auf die Geheimdienste und transnationalen Intermediäre wie etwa SWIFT übertragen werden. Einfach nur darzulegen, dass jederzeit alle versierten Informatiker jedes Datum, das an das Internet angeschlossen ist, immer und überall ausgelesen können, liefert keine positive oder negative Bestimmung einer Grenze des privaten Lebens. Es sei denn, man negiert diese Grenze für das Internet. Dann allerdings bedarf es einer konstruktiven Zusammenschau beider Sphären. Denn dann ist das Netz ein Drittes. Besonderen Reiz dürfte in diesem Fall eine Ethik dieser neuen Sphäre ausüben auf alle, die sowieso Abgrenzungsprobleme haben. Dies könnte psychologische Gründe haben. Hoffen, wir dass die Diskussionen rund um post-privacy nicht auf diese Weise motiviert sind. </p>
<p>Ein Erörtern der Frage, ob der persönliche Computer oder das Smaprtphone nun dem eigenen Haushalt zuzuordnen ist, klingt verlockend historisch. Aber es geht dabei wieder nicht um das Leben sondern nur um die Sphären in denen es sich abspielt. Eine umfassende Diskussion sollte aber nicht nur Element und Strukturen eines Phänomens betrachten sondern vor allem die Organisation derselben. Das ist in diesem Fall der Wille der Person und der Wille des Staates bzw. der Firma. Eine Willkür der Firma mit ihrem Geschäftsmodell zu erklären hat in etwa denselben erklärenden Gehalt wie das Morden eines Serientäters mit dem Vorhandensein seiner Waffe zu begründen. Analog sollten wir den persönlichen Schutzwillen bzw. den behördlichen Willen zum Datenaustausch diskutieren. Alle. Bald.</p>
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		<title>Digitales Sein und Echtzeit</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Oct 2011 08:00:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jörg Wittkewitz</dc:creator>
		
	<dc:subject>Netztheorie</dc:subject>
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		<description><![CDATA[Kann die Kommunikation in Echtzeit unsere Vorstellungen von Information und Wissen wirklich sprengen? Der Philosoph Martin Heidegger würde auf unseren kulturellen Überlieferungen zurückschauen. Subjekte &#8211; also die Träger von Bewusstsein &#8211; sind gerichtet auf Gegenstände wie Kaffeetassen, Freudenhäuser oder sündhaft teure Schuhe von Manolo Blahnik. Bewusstsein wird seit Beginn des 20. Jahrhunderts verstanden als Ort [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kann die Kommunikation in Echtzeit unsere Vorstellungen von Information und Wissen wirklich sprengen? Der Philosoph Martin Heidegger würde auf unseren kulturellen Überlieferungen zurückschauen.</p>
<p>Subjekte &#8211; also die Träger von Bewusstsein &#8211; sind gerichtet auf Gegenstände wie Kaffeetassen, Freudenhäuser oder sündhaft teure Schuhe von Manolo Blahnik. Bewusstsein wird seit Beginn des 20. Jahrhunderts verstanden als Ort der eigenen Absichten eines Menschen. Diese intentionale Bestimmung ist geschuldet der Distanz zwischen Subjekt und Objekt. Hier der Wunsch und dort das Chalet in der Schweiz oder der Porsche. Seit Descartes war dieses Verhältnis hauptsächlich ein Problem zwischen Ich und der räumlichen Umwelt. Erst im letzten Jahrhundert begann ein Deutscher die Zeit und ihre Auswirkungen grundlegend in den Blick zu nehmen&#8230;<span id="more-27462"></span> </p>
<p>Denn erst der Philosoph Martin Heidegger hat den Zusammenhang dieser Erkenntnislehre um persönliche Absichten zur Lebensweise begründet. Er erweitert unsere Begrifflichkeit für die Dinge um eine historische Perspektive. Das Besondere daran ist sein Fokus auf den aktuellen, einzigartigen Moment. Das Absolute, das für Heidegger in Gott bestand, ist nur für das Individuum im Gegenwärtigen erkennbar. Wer die vielgestaltige und indifferente Gegenwart zum Untersuchungsgegenstand machen will, der muss sich gewahr sein, das sie geprägt ist durch eine Überlieferung. Denn alles das, was sich jetzt mitteilt, tut dies in Gestalt erlernter, traditioneller Mitteilungsformen. Heideggers Form der Dekonstruktion kritisiert damit weniger die Tradition als viel mehr die Rolle, die Überlieferungen gegenwärtig für jeden Einzelnen spielen. Dieser Fokus auf das Wie muss nun bei der Betrachtung des Internet zuallererst kritisiert werden.</p>
<p>Denn wir betrachten auch im digitalen  Zeitalter noch immer alle Ansammlungen von Buch- und digitalen Staben als ein mehr oder weniger kompaktes Abbild einer Wissenssammlung, die wir als Bibliothek oder Enzyklopädie im Alltag kennen und nutzen. </p>
<p>Nur am Beginn dieser Tradition der Wissenssammlungen ist eine kritische Betrachtung möglich. Nur so wird der Maßstab sichtbar, der uns die Ängste, Probleme und Bewertungen zum Komplex Internet einflüstert: Laufende Meter an Regalen, die zu ganzen Rechenzentren mutierten. </p>
<h2>Am Anfang war: der Himmel</h2>
<p>Die Schrift entstand historisch aus dem Motiv, die sprachliche Übermittlung von Inhalten von der Person des wandernden Erzählers zu lösen. Denn viele erzählte Mythen und Geschichten enthielten sowohl kulturelle als auch persönliche Anteile der Erzählperson die der Übermittlung eines Aussagekerns nicht dienlich erschienen. </p>
<p>Die Anfänge der Schrift gehen weit zurück. Bestimmte Schnitzereien auf Knochen oder Holz dokumentierten die Beobachtung der Gestirne über lange Zeiträume, sodass beobachtbare Phänomene in abstrakte Symbole überführt wurden. Einige aufmerksame Beobachter lernten so den Stand der Gestirne zu bestimmten Zeiten vorherzusagen, in dem sie Gesetzmäßigkeiten in ihren Aufzeichnungen erkannten. Damit begann auch die Geschichte der Mustererkennung ihre ruhmreiche Entwicklung. Später im antiken Ägypten konnten die Pharaonen mit diesem Verfahren ihre Gottesnähe dokumentieren. Da sie offenbar mit den Gestirnen “kommunizierten“, konnten sie die Vorhersagen über die Nilfluten anhand der Mondstellung dem gemeinen Volk als göttliche Botschaften glaubhaft machen. Die Naturgesetze waren Treibstoff des Pharaonenkults geworden. Die Ägypter konnten weder vor den Fluten noch den Vorhersagen der Himmelsbeobachter (Priester) weglaufen. </p>
<p>Genauso entkommen wir auch nicht der besonderen Situation, in die wir geworfen sind. Unser jeweils besonderes Leben, das wir als das unsere wählen, bei Heidegger heißt es dann Dasein, ist Schicksal und Aufgabe zugleich – wir halten Stand in der jeweiligen Situation, in der wir sind. Wer angesichts der Millionen von Informationen, die auf uns einprasseln, vergisst, dass sie alle “die Gestirne vorhersagen wollen“, der gibt seine Macht über die Staben dieser Welt an der Garderobe des eigenen Lebens ab. Man verfällt dann den Symbolen und Chiffren, die andere wie einen Mantel über uns werfen oder wie die sprichwörtlichen Schuhe, die man sich eben (nicht) anzieht.<br />
Wenn wir das Phänomen der Information und der Wissenssammlungen in digitalen Kanälen betrachten, dann finden wir zunächst die alte Form des Papiers, dass nachgebildet wird als Dokument oder Tabelle. Im digitalen Feld wird es getrennt in Daten, also semantisch codierten Text in natürlichen Sprachen, die wir schreiben und lesen können und Maschinencode, der das Layout und zusätzliche Operationen mit diesen Textschnipseln ermöglicht. Uns gegenüber zeigt sich etwas ganz Anderes als einem Kalkulationsapparat wie dem Prozessor des Computers. </p>
<p>
<h2>Sinn-Produktion</h2>
<p>Das Neue am Internet und in der Folge dem WWW ist daher, dass die Staben für uns eine Existenzform der Sammlung von Wissensbeständen darstellen und für die Maschinen, die unser Kalkulationsvermögen simulieren, sind die enthaltenen Texte Halbfabrikate. Sinn und Grund all der Informationen, die wir gern als Wissenselemente speichern, liegen in dieser zweifachen Existenzform vor. Die zweite, verschleierte Form des Vorprodukts zeigt auf den Warencharakter der Texte, den Verlage, Buchautoren, Lehrer und Werbenetzwerke in klingende Münze und damit in den Broterwerb umsetzen.  Der eigentliche und menschliche Sinn und Grund der Sprache liegt jedoch in der Herrschaft über das Beobachtbare zum Zweck der Beherrschung der Welt. Die Königsdisziplin der Vorhersage treffen wir in jedem naturwissenschaftlich-positiven Experiment an. Denn nur, wer Vorhersagen über seinen Untersuchungsgegenstand machen kann &#8211; die dann auch eintreffen &#8211; der hat Macht bewiesen über das verborgene Wesen der Welt. Er hat hinter die Himmelsscheibe geguckt und die Mechanik der Gestirne entschlüsselt. Hier treffen sich die praktische Klugheit (phrónesis) und die Weisheit (sophía). Denn nur das täglich Handeln im Schnitzen der Beobachtungen in den Mondkalender der frühen Kulturen kann dann die Weisheit erweisen, die im Erkennen der Gesetzmäßigkeit liegt. </p>
<p>Im Internet können sich die Menschen gegenseitig ihrer Sicht auf die Welt bestätigen oder widerlegen. Das Verunsichern oder Bestätigen der Sicht auf die Welt kann zu einer Manie werden. Der Blick auf die Gegenwärtigkeit ist Zentrum des digitalen Kanals. Nur im weltweiten Netz begegnet man sich quasi synchron und symmetrisch. Es gibt keine Torwächter, die bestimmten Staben den Eintritt verwehren. Das hat Folgen für unser Verständnis der Schrift. </p>
<p>Denn traditionell war Schrift ein Mittel, um persönliche und kulturelle Eigenarten der Erzähler zu objektivieren. Jetzt ist Schrift jedoch ein Mittel des Gegenwärtigen. Die alte Tradition der Sammlung wertvoller Gedanken und Lehrmeinungen in Inkunabeln (mittelalterliche Handschriften) ist in zwei Richtungen überholt: Texte sind persönliche Wissensbekundungen als Annahme oder Meinung und im Speicher der Computer sind sie Vorprodukte von immateriellen Gütern. Damit hat sich sowohl der Markt als auch das Individuum der Schrift bemächtigt. </p>
<p>Die Echtzeitphänomene sind seither nur die eine Seite der Medaille, denn aus jedem ad-hoc geäußerten Wortbeitrag im Netz kann im Handumdrehen ein wichtiger Artikel entstehen, der Firmen, Staaten oder Persönlichkeiten in Erklärungsnot bringt, Aktienpakte wertlos macht oder gar Kriege auslöst. Und hier löst sich Heidegger von Aristoteles und das Netz von unseren tradierten Überlieferungen. Denn Sein ist nicht im Fertigen und final Geformten sondern eben genau davor, in der Bewegung, im Entstehen, sozusagen in statue nascendi. Heidegger ging es genau nicht um das tote Wesen eines Dings an sich sondern um das lebende Wesen in seinem historischen Werden. Genau das erleben wir im Netz: Es ist kein information overload, denn man in Gänze begreifen könnte. Das Internet ist die Möglichkeit, dem humanen Gras beim Wachsen zuzuhören.  </p>
<p>Das Internet lässt sich folglich nicht absperren und es unterhält auch keine genuine Schnittstelle zum Bewusstsein. Es ist eine Frage des Einzelnen an sich selbst und alle Mitleser, ob das was man formuliert, auch ein Teil des (All)Gemeinen sein kann. Dabei ist das Gemeine, das, was uns alle verbindet.</p>
<p>Wir alle teilen bisher nur – schamhaft verhüllt – die Eigenschaft, das andere Geschlecht zu beabsichtigen. Der Gottesersatz namens Individuum legt daher das Feigenblatt über diese gemeinsame Eigenschaft. Jetzt lernen wir eine neue Gemeinsamkeit kennen: Jeder Mensch erlebt jeweils eine eigene Sicht auf die Welt. Und im Netz merkt man gerade im Banalen wie ähnlich die vielen Welten der vielen Individuen sind. Wir begegnen uns selbst im Leben der Anderen. Diese gemeine Erkenntnis möchten viele schnell hinter einem Pseudonym verstecken. Aber diese moderne Form des Feigenblatts ist eigentlich überflüssig. </p>
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		<title>Das Zwischenreich</title>
		<link>http://www.netzpiloten.de/2011/10/04/das-zwischenreich/</link>
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		<pubDate>Tue, 04 Oct 2011 07:45:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jörg Wittkewitz</dc:creator>
		
	<dc:subject>Netztheorie</dc:subject>
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		<description><![CDATA[Bisher galten die Natur und die Kultur als unversöhnliche Geschwister der Schöpfung höherer Wesen. Aber in dem vermeintlichen Abgrund lebt eine Subkultur: Die Komplexität und die Emergenz. Als Kain und Abel ihre Bruderzwistigkeiten ins dramatische Fach verlegten, hatten sie noch keine Vorstellung davon, dass ihre Urenkel Tausende Jahre später den alten Streit noch immer ausfechten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.netzpiloten.de/wp-content/uploads/2011/10/zwischenreich.gif" class="liimagelink"><img src="http://www.netzpiloten.de/wp-content/uploads/2011/10/zwischenreich.gif" alt="" title="zwischenreich" width="250" height="372" class="left size-full wp-image-27278" /></a></p>
<p><em>Bisher galten die Natur und die Kultur als unversöhnliche Geschwister der Schöpfung höherer Wesen. Aber in dem vermeintlichen Abgrund lebt eine Subkultur: Die Komplexität und die Emergenz.</em></p>
<p>Als Kain und Abel ihre Bruderzwistigkeiten ins dramatische Fach verlegten, hatten sie noch keine Vorstellung davon, dass ihre Urenkel Tausende Jahre später den alten Streit noch immer ausfechten müssen. Je nach Bedürfnislage kriegen sich die Streithähne über Ackerland, Vieh, Frauen und seit einigen Jahrhunderten sogar wegen ihrer Götter in die Haare. Und dass, obwohl bis zum heutigen Tag noch niemand einem Gott begegnet ist. Aber auch der Natur und der Kultur hat bis heute noch keiner die Hand geküsst oder ein Haar gekrümmt. Und doch ist das Tischtuch zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern zerschnitten – und zwar mit Gründen&#8230; </p>
<p><span id="more-27267"></span></p>
<p>Im Vordergrund liegen genau auf den möglichen Begegnungstätten unverrückbare Steine wie der naturwissenschaftliche Glaube an die strikte Trennung zwischen Erkenntnissubjekt und dem Erkenntnisobjekt, also dem Beobachter und seinem Untersuchungsgegenstand. Aber schon der Atomforscher Heisenberg konnte nachweisen, dass der Experimentator keinen kleinen Einfluss auf seine Untersuchung hat. Das war Wasser auf die Mühlen des ungeliebten Bruders. Denn dem Geisteswissenschaftler genügen die Erkenntnisse über grundlegende Gesetze der Natur nicht. Er hält der anderen Fraktion vor, nur Beziehungen zwischen den Sachen zu betrachten. Das Verstehen der Sache selbst, das soll die wahre Aufgabe sein. Außerdem sei es schlicht unmöglich, den Beobachter vom Objekt zu trennen, da man nur die Inhalte der Wahrnehmung zur Verfügung habe. Wie die Sachen wirklich seien, könne man doch sowieso nicht von außen erkennen. Und fortan vertrieb man sich die Zeit mit allerlei Interpretationen und Auslegungen des Menschen. Die Naturwissenschaftler kümmerten sich um den beträchtlichen Rest der Schöpfung.</p>
<p>Doch als man dann langsam aber sicher auf die letzten Fragen stieß, wurde es unruhig im Staat der Naturbetrachter: Was ist unser Ursprung? Und wer denkt ihn uns?</p>
<p>Im Rahmen des anhaltenden Siegeszuges der Biologie wurde kurzerhand alles, was zuviele Daten im Labor produzieren würde, um sie sinnvoll zu analysieren in große Beutel gepackt. Dort klebte man dann Etiketten wie“Komplexität“ drauf. Diese Beutel enthielten alles, was sehr viel war. Auf anderen Beuteln kam das Etikett “Emergenz“. Das waren die Sammel-Beutel, in die man die einzelnen Komplexitätssäcke gepackt hatte. Denn es zeigte sich, dass vor allem dort wo sehr viel zu beobachten war, auch ganz neue Wirkungen auftauchten, die man im Labor weder vorhergesagt noch erzeugt hatte. Diese Inflation an möglichen Untersuchungsgegenständen packte man in geräumige Keller. Jede Kellertür bekam ein Türschild mit einem zusammengesetztem Wort, das  mit dem Grundwort System endete. Damit waren alle Gesetze der Welt erkannt und benannt. Und der Rest, wir kennen das alle von der Division, den könnte man zwar nochmal genau aufdröseln. Aber was nützt schon die sechste Zahl nach dem Komma, wenn man das große Ganze im Blick hat.</p>
<p>Die Geisteswissenschaftler waren eine zeitlang perplex. Gerade aus der Biologie, die als besonders strenge und präzise Disziplin bekannt war, kam nun die neue Kunde, alles was eine enorme Fülle an Daten und damit potenzieller Information zu produzieren drohte , wurde nun einfach beachränkt, in der Fachsprache: normalisiert. Normalisieren ist ein Vorgang, den die Biologie aus der Mutterwissenschaft aller Naturwissenschaften entlehnt hatte. In der Mathematik und Statistik bedeutet die Skalierung eines Wertebereichs einer Variablen auf einen bestimmten Bereich zu beschränken. Auf diese Weise kann man Ergebnisse vergleichen, deren Vergleich sonst seltsam erscheinen würde &#8211; also etwas das Bruttosozialprodukt eines Landes pro Kopf und die Geburtenrate. Denn wenn man vergleichen kann, ob das Bruttosozialprodukt eines Landes pro Kopf steigt und gleichzeitig die Geburtenrate sinkt, dann kann jeder Leser oder Zuschauer prima erkennen, dass auf einer Zeitleiste beide Zahlen eine gegenläufig Entwicklung durchmachen. Vor allem wenn gar kein kausaler Zusammenhang anderweitig erklärbar wäre, könnte man allein durch die beiden Zahlenreihen den Menschen sonstwas damit plausibel machen. Zum Beispiel die Tatsache, dass westliche Länder wegend es hohen Pro-Kopf-Einkommens so wenig Kinder bekommen. Schlichten Gemütern kann man mit solchen Intuitionspumpen eine Menge “Information“ einflößen. Politiker tun das gern. Sie lieben Statistik. Geht das Einkommen gegen eins, geht die Geburtenrate gegen null. Ist natürlich Quatsch, ist ja auch nur ein Beispiel. Ähnliches könnte man &#8211; rein theoretisch &#8211; mit dem Bildungsgrad von Frauen und ihrer Kinderzahl durchführen.</p>
<p>In der Mathematik bedeutet dieser Vorgang das Ausblenden von sogenannten Skaleneffekten. Mit dem müssen sich vor allem Physiker rumschlagen, denn Metalle und elektrische Ströme verhalten sich auf Mikroebene ganz anders als auf Makroebene. Die Wissenschaftler, die sich um System kümmern, haben angesichts dieser Effekte allerdings keine bedenken. Das hat seinen Grund. Denn in den Achtziger Jahren, als die Systemtheorie ihren ersten Aufschwung erlebte, da gab es noch gar keine Untersuchungsgeräte für die kleinste Mikro- oder gar Nanoebene, die einen zeitlichen Prozess darstellen konnte. Das heutige Problem der Skalierung gab es so noch nicht. Dass die Schwerkraft in dieser Welt des kleinsten praktisch zu vernachlässigen ist, war damals nicht von Belang.</p>
<p>Und so entstand aus der biologischen Systemtheorie in der ersten Hälfte des 2o. Jahrhunderts die Theorie der Systeme aus der Betrachtung des Lebens. Ludwig von Bertalanffy konzipierte seine Systemtheorie als übergreifende Methode, die gemeinsame Gesetzmäßigkeiten in physikalischen, biologischen und sozialen Systemen finden und formalisieren sollte. Wichtige Prinzipien aus seinem Erklärungsmodell sind vor allem das Gleichgewicht die Selbstorganisation,  Rückkopplungen und Komplexität. Ging es hier noch darum, einfach die anwesende Kräfte der Natur im Organismus zu betrachten in Bezug auf einen angenommenen idealen Zustand, kam später eine übergeordnete steuernde Ebene dazu. Es wurde sozusagen der Wille ins Spiel gebracht: Denn die Kybernetik als Theorie des Steuerns von Kreisläufe erweiterte die reine Naturbetrachtung in Richtung auf Motive, denn sowohl Organismen wie auch Maschinen sollten in Handlungen oder Prozessen beschrieben werden. Und an dieser Stelle kommt der Lieblingsbegriff des letzten Jahrhunderts ins Rennen: die Information. Die mathematische Informationstheorie bringt nun einen besondere Idee mit, die Entropie, dass ist ein Maß an universaler Unordnung, die man zuerst erkannt hat bei der Betrachtung von Wärmeenergie, die unwiederbringlich frei wird. Es ist also eine Energieform, die man nicht mehr nutzen kann im Rahmen eines Systems. So wie der heiße Atem im Winter, der noch als nutzloser Dampf verpufft, der aber in England bereits in Bahnhöfen genutzt wird, um Heizkosten zu sparen.    </p>
<p>Information ist demgegenüber der Wert an Ordnung oder Dichte in einem Strom von Zeichen. Dabei geht es nicht um Bedeutung sondern um die Anzahl der Zeichen in Bezug zu ihrer Wahrscheinlichkeit des Auftretens. Zufällige Zahlenfolgen sind als Entropie bekannt, im gebildeten Volksmund nennt man es eher Rauschen. Es kann von weitem wie Komplexität aussehen. Auch das ist ein Skaleneffekt. Eines Tages könnte man vielleicht sogar die Ordnung des Zufälligen als absichtsvoll und informativ erkennen. Bis dahin müssen wir noch mehr Werte als wahr und unwahr erarbeiten, wenn wir einen sinnvollen Kontext zwischen Realität und Wirklichkeit herstellen wollen.   </p>
<p>Foto: Rick Lamesa</p>
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		<title>Netz-Helfer: bitcoins</title>
		<link>http://www.netzpiloten.de/2011/08/29/netz-helfer-bitcoins/</link>
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		<pubDate>Mon, 29 Aug 2011 07:45:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Mey</dc:creator>
		
	<dc:subject>Netztheorie</dc:subject>
	<dc:subject>Social Media</dc:subject>
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		<description><![CDATA[Einige wenige Netz-Ideen krempeln die Gesellschaft um. Wikipedia etwa hat den Umgang mit öffentlichem Wissen verändert. Auch Bitcoin hat das Zeug, viel zu erreichen. Das Open-Source-Projekt hat sich einen großen Brocken vorgenommen, den es reformieren will: das weltweite Währungs- und Finanzsystem. Bitcoins könnten die neue Verkehrswährung im Netz werden. 1 Was leisten Bitcoins? Bitcoins ermöglichen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.netzpiloten.de/wp-content/uploads/2011/08/Logo-Bitcoin.png" class="liimagelink"><img src="http://www.netzpiloten.de/wp-content/uploads/2011/08/Logo-Bitcoin-300x62.png" alt="" title="Logo Bitcoin" width="300" height="62" class="left" /></a></p>
<p>Einige wenige Netz-Ideen krempeln die Gesellschaft um. Wikipedia etwa hat den Umgang mit öffentlichem Wissen verändert. Auch <a href="http://bitcoin.org/" target="_blank" class="liexternal">Bitcoin</a> hat das Zeug, viel zu erreichen. Das Open-Source-Projekt hat sich einen großen Brocken vorgenommen, den es reformieren will: das weltweite Währungs- und Finanzsystem. Bitcoins könnten die neue Verkehrswährung im Netz werden. </p>
<p><strong>1 Was leisten Bitcoins? </strong></p>
<p>Bitcoins ermöglichen eine anonyme Transaktion von virtuellem Geld, direkt von Nutzer zu Nutzer. Sie kommen ohne eine vermittelnde Stelle wie PayPal oder ein Kreditkarten-Unternehmen aus, die Gebühren entfallen somit&#8230; </p>
<p><span id="more-24667"></span></p>
<p><strong>2 Wie funktionieren sie? </strong></p>
<p>Man lädt den Bitcoin-Client herunter und installiert ihn, das System weist einem eine eigene Bitcoin-Adresse zu. Bitcoins kann man auf eigens dafür eingerichteten Börsen kaufen, privat von anderen Nutzern erwerben oder über ein aufwändiges Mining mit dem eigenen PC selbst berechnen. Bei einer Transaktion wird der jeweilige öffentliche Schlüssel des Empfängers an die Zeichen-Abfolge des Bitcoins angehangen. Ein am System beteiligter Mining-Rechner überprüft die Transaktion, gibt sie frei, und das Geld gelangt zum Empfänger. </p>
<p><iframe width="560" height="345" src="http://www.youtube.com/embed/Um63OQz3bjo" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p><strong>3 Hintergrund </strong></p>
<p>Bitcoins basieren auf einem unendlich komplizierten <a href="http://www.bitcoin.org/bitcoin.pdf" class="lipdf">mathematischen Modell</a>, das kryptographische Verfahren mit der Peer-to-Peer-Technologie verbindet. Bitcoins bestehen aus einer Menge an Bits, also einer Zeichen-Abfolge. Die Gesamtmenge ist auf eine absolute Zahl von 21 Mio. Bitcoins beschränkt, zur Zeit sind bereits 7 Mio. berechnet. Der Rest wird durch Netzwerk-Teilnehmer, die ihre Rechenleistung an das System anschließen, berechnet. Das geschieht, indem eine Art kryptographisches Rätsel geknackt wird. </p>
<p>Die beteiligten Rechner überprüfen gleichzeitig anstehende Transaktionen auf Unstimmigkeiten. Das ist möglich, da die Historie aller Transaktionen in Netzwerk gespeichert ist. Der Gegenwert aller im Moment fluktuierenden Bitcoins entspricht etwa 100 Mio. US-$. Zu Beginn war ein Bitcoin nur wenige Cent wert, die Währung hat aber einen rasanten Aufstieg erlebt und lag im Juni 2011 bei <a href="http://bitcoincharts.com/charts/mtgoxUSD#tgCzm1g10zm2g25" target="_blank" class="liexternal">etwa 30 $</a>. Sie ist dann innerhalb weniger Tage auf die Hälfte des Werts abgestürzt und Anfang August noch einmal auf 7 $. Seitdem hat sie sich wieder leicht erholt. </p>
<p>Es gibt einige Börsen, die sich auf den Tausch von Bitcoins und klassischen Währungen spezialisiert haben. Die Zahl der Händler, die Bitcoins akzeptieren, ist noch begrenzt. Größtenteils sind es Firmen im Umfeld von Netz-Technologie und -Dienstleistungen (im deutschen <a href="https://de.bitcoin.it/wiki/Handel#Online_Produkte" target="_blank" class="liexternal">Bitcoin-Wiki</a> gibt es eine Übersicht). </p>
<p><strong>4 Risiken und Nachteile</strong></p>
<p>Die extremen Kursschwankungen von Bitcoins schaffen eine große Unsicherheit, vor allem wenn man echtes Geld, also Euro oder Dollar, eintauscht. </p>
<p><a href="http://www.netzpiloten.de/wp-content/uploads/2011/08/Kurs-Bitcoin-Dollar.png" class="liimagelink"><img src="http://www.netzpiloten.de/wp-content/uploads/2011/08/Kurs-Bitcoin-Dollar.png" alt="" title="Kurs Bitcoin-Dollar" width="500" height="219" class="alignleft size-full wp-image-24669" /></a></p>
<p>Kurs Bitcoin-Dollar, Quelle: <a href="http://bitcoincharts.com/charts/mtgoxUSD#rg30ztgCzm1g10zm2g25" target="_blank" class="liexternal">bitcoin-charts.com</a></p>
<p>Bitcoins werden aus vielen Richtungen attackiert: US-Senatoren fordern ein Verbot, die renommierte Zeitschrift The Atlantic sieht das <a href="http://www.theatlantic.com/technology/archive/2011/08/the-bitcoin-economy-is-collapsing-with-no-sign-of-recovery/243253/" target="_blank" class="liexternal">Ende von Bitcoins</a> kommen (allerdings mit eher schwachen Argumenten). Der deutsche Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) <a href="http://www.bvdw.org/medien/bvdw-warnt-verbraucher-und-haendler-vor-bitcoins-als-zahlungsmittel?media=3006" target="_blank" class="liexternal">warnt</a> drastisch vor der Verwendung und wählt dabei einen Ton, der an Kalte-Kriegs-Propaganda erinnert: <em>„Auch in Zukunft werden einzelne, zersetzende Kräfte immer wieder ihr Interesse bekunden, eine eigene neue Währung losgelöst von staatlicher Kontrolle zu schaffen.“</em></p>
<p>Die zwei am häufigsten vorgetragenen Argumente contra Bitcoins lassen sich bei genauerer Betrachtung schnell relativieren: </p>
<p><strong>(1) Eine Währung ohne staatliche Kontroll-Möglichkeit befördert Kriminalität:</strong> Vom Segen aller Anonymisierungs-Tools im Netz können auch Bösewichter profitieren. Moralisch fragwürdige Geschäfte lassen sich somit vielleicht leichter abwickeln, da Kriminelle nicht auf PayPal oder komplizierte Konten-Konstrukte angewiesen sind. Doch auch Bargeld hat schon immer eine anonyme und kaum nachvollziehbare Bezahlung ermöglicht. Menschenhandel, Drogen- und Waffengeschäfte in größerem Stil wurden bevorzugt in Dollarscheinen abgewickelt. </p>
<p><strong>(2) Der Währung steht kein eigener Wert entgegen, sie ist ausschließlich auf ihre Legitimität angewiesen: </strong>Auch das ist eine eher schlichte Logik. Zwar kann man natürlich mit Gold nach einem Wertverfall immer noch schöne Schmuckstücke basteln, wie das Wirtschaftsmagazin <a href="http://www.forbes.com/sites/timothylee/2011/08/07/the-bitcoin-crash/" target="_blank" class="liexternal">Forbes</a> argumentiert, das ist mit einer Abfolge von Bits nicht möglich. Doch auch Papiergeld besitzt keinerlei Eigen-Wert, außer dem, den es Kraft seiner Legitimität symbolisch trägt.</p>
<p>Ein wirkliches Problem sind die verschiedene Sicherheitspannen, die in den letzten Wochen aufgetreten sind. Zwar ist die Bitcoins-Technologie nach einhelliger Meinung (bis jetzt) manipulationssicher, doch das gilt nicht für die beteiligten Akteure. Bei der größten Börse Mt. Gox hat ein Hacker <a href="http://www.dailytech.com/Inside+the+MegaHack+of+Bitcoin+the+Full+Story/article21942.htm" target="_blank" class="liexternal">Mitte Juni</a> Bitcoins entwendet, die etwa 7% der weltweiten Gesamtmenge ausmachten. Die polnische Börse Bitomal.pl hat durch einen Konfigurationsfehler bei der Umstellung ihrer Server den kompletten Datensatz verloren, und damit auch die Bitcoins der Kunden. </p>
<p><strong>5</strong> <strong>Fazit</strong></p>
<p>Wie bei jeder anderen Währung ist der eigentliche Knackpunkt die Akzeptanz als Zahlungsmittel und die Verbreitung. Steigt diese, steigt der Wert der eigenen Bitcoins, sinkt sie, sind große Verluste möglich.</p>
<p>Der eher mäßige Erfolg des Micro-Bezahlsystems <a href="http://flattr.com/" target="_blank" class="liexternal">Flattr</a> zeigt, dass auch ein geniales Konzept scheitern kann, weil einfach zu wenige mitmachen.Während bei Flattr, genau wie beim Wettbewerber <a href="http://www.kachingle.com/" target="_blank" class="liexternal">Kachingle</a>, die Vorteile für die meisten Nutzer aber rein ideell sind,  bieten Bitcoins auch Anreize jenseits des Glaubens an die gute Sache. Da wären zum Beispiel die hohen Gebühren von Finanzdienstleistern, die wegfallen, oder eine Umgehung der selektiven <a href="http://www.golem.de/1108/85421.html" target="_blank" class="liexternal">Sperrpolitik von PayPal</a>. </p>
<p>In jedem Fall trägt das Bitcoin-Projekt das Potenzial in sich, die Welt auf eine Art zu verändern, die wir jetzt noch nicht einmal abschätzen können. </p>
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		<title>Wir Netz-Zombies &#8211; Emanzipation des Menschen von den Maschinen</title>
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		<pubDate>Wed, 24 Aug 2011 07:55:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Mey</dc:creator>
		
	<dc:subject>Netztheorie</dc:subject>
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		<description><![CDATA[Das Leben im Internet ist eine seltsame Sache: Auf-dem-Bildschirm-Starren, digitale „Kontakte“, Kommunikationsfragmenten und eine durch Links verbundene unendliche Abfolge von Dokumenten. Anders als Fernsehen erfordert Online-Sein Aktivität: permanente Entscheidungen und sogar soziale Interaktionen. Doch nach der Arbeit vor dem Rechner kann sich das eigene Gehirn so weich anfühlen, als hätte man sich genau so lange [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.netzpiloten.de/wp-content/uploads/2011/08/Netz-Zombie-hoch-drei.jpg" class="liimagelink"><img src="http://www.netzpiloten.de/wp-content/uploads/2011/08/Netz-Zombie-hoch-drei.jpg" alt="" title="Netz-Zombie hoch drei" width="500" height="85" class="alignleft size-full wp-image-24597" /></a></p>
<p><strong>Das Leben im Internet ist eine seltsame Sache: Auf-dem-Bildschirm-Starren, digitale „Kontakte“, Kommunikationsfragmenten und eine durch Links verbundene unendliche Abfolge von Dokumenten. </strong></p>
<p>Anders als Fernsehen erfordert Online-Sein Aktivität: permanente Entscheidungen und sogar soziale Interaktionen. Doch nach der Arbeit vor dem Rechner kann sich das eigene Gehirn so weich anfühlen, als hätte man sich genau so lange durch‘s private Nachmittagsprogramm gezappt&#8230; </p>
<p><span id="more-24595"></span></p>
<p>Wenn man sich nach drei Stunden Fernseh-Konsum die Frage stellt, was man in der Zeit getan hat, lautet die die Antwort selbstverständlich: „nichts“. Seltsamerweise kann sich das Gefühl, nichts getan zu haben, auch nach drei Stunden Internetnutzung einstellen. Ach ja, da war doch was … man hat etwa 20 Blogposts überflogen, zweimal auf Facebook gepostet und bei Freunden kommentiert, mindestens 5-Mal Mails gecheckt und beantwortet, und auf Twitter war man auch noch unterwegs. </p>
<p>Die nicht-endende Fülle an Mini-Tasks und Mikro-Aktivitäten formt sich zum Gefühl, seine Zeit vergeudet zu haben, obwohl man doch so viel gemacht hat. Doch man hat nichts „erreicht“, denn dafür fehlt ein greifbares Ergebnis – und man hat sich nicht entspannt, denn der Kopf fühlt sich leer und gleichzeitig hoffnungslos überfüllt an. </p>
<p>Die Art, wie das Netz funktioniert, scheint aus dem Gehirn eine Art Brei zu machen und Menschen zu Zombies, die gleichzeitig tätig und untätig sind. Egal was wir tun, die Aufgabe wird erledigt, indem wir auf den Bildschirm starren, mit der rechten Hand die Maus steuern und auf die vor uns liegende Tastatur einhämmern. Eine der am meisten durchs Netz gereichten Bilder hat das mit wenigen Zeichen-Strichen illustriert. </p>
<p><a href="http://www.netzpiloten.de/wp-content/uploads/2011/08/Mensch-vs.-Zombie.jpg" class="liimagelink"><img src="http://www.netzpiloten.de/wp-content/uploads/2011/08/Mensch-vs.-Zombie.jpg" alt="" title="Mensch vs. Zombie" width="500" height="443" class="alignleft size-full wp-image-24596" /></a><br />
Quelle: <span style="color: #000080;"><span style="text-decoration: underline;"><a href="http://i.imgur.com/PUHZo.jpg" target="_blank" class="liexternal">http://i.imgur.com/PUHZo.jpg</a> (Ausschnitt)</p>
<p>Das Internet erzieht mich zu seinem idealen Nutzer, einem hirn- und gefühllosen Multitasker. Die Frage ist: Nutze ich das Netz, oder nutzt das Netz mich? </p>
<p><strong>Wer bin ich online? </strong></p>
<p>Der Journalist und Buchautor Nicholas Carr hat eine ähnliche Veränderung bei sich selbst beobachtet. Als Reaktion darauf hat in „Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn so lange?“ (<span style="color: #000080;"><span style="text-decoration: underline;"><a href="http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=309804" target="_blank" class="liexternal">Blessing-Verlag</a>) alle verfügbaren Studien zum Thema durchgearbeitet. Sein Fazit: </p>
<p>- Das Netz reduziert tatsächlich erheblich die Konzentrationsfähigkeit.</p>
<p>- Menschen verstehen online weniger, als wenn sie gedruckt lesen.</p>
<p>- Multitasking führt zu weniger Kreativität und Produktivität.</p>
<p>- Wir lernen schnell wechselnde Signale zu verarbeiten, doch gleichzeitig verflacht unser Denken.</p>
<p>- Multimedial geschulte Multitasker sind weniger in der Lage, wichtiges von unwichtigen zu unterscheiden und haben weniger Kontrolle über ihre Aufmerksamkeit.</p>
<p>- Durch die Plastizität des Gehirns verändern sich Strukturen unseres Denkapparats, so dass die kognitiven Defizite auch in der Offline-Welt bestehen bleiben.</p>
<p>Das bedenkliche ist, dass es nicht kleine Schönheitsfehler des Netzes sind, die unsere kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen, nein: jeder Link reduziert die Verständlichkeit gegenüber gedruckten Texten. Dabei bilden Hyperlinks so etwas wie die Blutbahn des World Wide Web. Und gerade die Instant-Kommunikation, auf der Twitter, Facebook &amp; Co. basieren, fragmentiert unsere Aufmerksamkeit, bis nur noch Rudimente übrig bleiben. </p>
<p><strong>Was tun? </strong></p>
<p>Natürlich ist ein Abschied vom Internet kaum möglich. Dafür ist es zu wichtig, sei es im beruflichen oder im privaten Leben, und dafür ist es trotz allem auch zu schön und zu praktisch. Das Ziel ist es statt dessen, vom Netz-Maschinen-Zombie wieder zum souveränen Akteur im Internet zu werden. </p>
<p>Der US-Autor Timothy Ferriss hatte im Jahr 2008 einen Bestseller zur Optimierung des eigenen Lebens in Zeiten der Digitalität geschrieben: die 4-Stunden-Woche (<span style="color: #000080;"><span style="text-decoration: underline;"><a href="http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteintb/buch.php?id=13222&amp;page=suche&amp;auswahl=a&amp;pagenum=1&amp;page=buchaz" target="_blank" class="liexternal">Ullstein</a>). Größtenteils geht es darum, wie man im Internet viel Geld verdienen kann, doch am Anfang des Buchs schlägt er einige Maßnahmen vor, mit denen man es schafft, trotz Bildschirmarbeit ein klar denkender und souverän Menschen zu bleiben. Bei aller berechtiger <span style="color: #000080;"><span style="text-decoration: underline;"><a href="http://www.taz.de/%2172022/" target="_blank" class="liexternal">Kritik</a> an seinem Optimierungswahn sind doch einige kluge und praktikable Überlegungen dabei. Sie haben, neben eigenen Erfahrungen als Web-Worker, die folgenden Tipps inspiriert.</p>
<p><strong>Back to life</strong></p>
<p>1. Der Umgang mit Emails</p>
<p>Ein permanent geöffneter Email-Client ist der größte Verursacher permanenter Ablenkung. Mit jeder Meldung über eine neue Mail ist man versucht, in den Posteingang zu schauen, ob sie wichtig war oder nicht und wenn möglich gleich zu antworten. Ich habe mein Mail-Programm meistens geschlossen und checke höchstens alle zwei Stunden den Posteingang. Dann lese ich alle Mails und beantworte sie sofort. Schon dieses kleine Veränderung hat das Arbeitsleben sehr viel weniger stressig gemacht. </p>
<p>2. Social Media ist keine Pause </p>
<p>Man hat zwei Stunden auf den Bildschirm gestarrt, und Körper und Geist brauchen eine Pause. In einer Mischung aus Trägheit und mangelndem Mut gönnt man sich aber nur die „kleine“ Erholungs-Variante man geht auf Facebook, überfliegt seine Pinnwand, kommentiert bei Freunden, man likt ihre Status-Mitteilungen und postet selbst etwas. Das Problem ist, dass Social Media nicht als Pause von der Bildschirmarbeit funktioniert. Die körperliche Tätigkeit ist die selbe, und wie schon zuvor reagiert der Geist auf eine Reihe von Mini-Reizen. Also: lieber aufstehen, in die Küche gehen und sich einen Tee machen, einen kurzen Smalltalk mit Kollegen führen. Dann ist der Kopf auch wieder wirklich bereit für weitere zwei Stunden produktive Bildschirmarbeit. </p>
<p>3. Dem Endlosen einen klaren Rahmen setzen</p>
<p>Netz-Recherchen haben per se keinen organischen Endpunkt. Jeder Blogpost führt zu einem nächsten, unter jedem Wikipedia-Artikel sind weitere spannende Quellen verlinkt. Es hilft, sich einen klaren zeitlichen Rahmen zu setzen. Das interessante ist, dass Tätigkeiten oft genau so viel Zeit brauchen, wie man sich dafür nimmt. Eine zeitlich begrenzte Netz-Recherche von einer halbem Stunde ist verblüffenderweise oft genau so effektiv wie ein anderthalb-stündiges Navigieren durchs Netz. </p>
<p>4. Mut zur Ignoranz</p>
<p>Nur ein kleiner Teil der im Netz verfügbaren Informationen hat irgend eine Relevanz für uns. Timothy Ferriss hat dafür folgende Analogie gefunden: so wie wir unseren Körper zu viele Kalorien zuführen und dann noch aus den falschen Quellen, konsumieren wir in unserer Gesellschaft zu viele Informationen, und oft solche, die keinerlei Bedeutung für uns haben. Bei einer „Low-Information-Diet“ widerstehen wir der Verlockung etwas nur des Wissens wegen wissen zu wollen. Die Folge ist, dass wir mehr auf Sachen fokussieren können, die uns tatsächlich konkret weiter bringen. </p>
<p><strong>Lasst uns den Netz-Zombie überwinden und wieder zum Menschen werden. </strong></p>
<p>Quelle oberes Bild: Quelle: <a href="http://i.imgur.com/PUHZo.jpg" target="_blank" class="liexternal">http://i.imgur.com/PUHZo.jpg</a> (Ausschnitt und eigene Montage)</p>
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		<title>Hacker-Revolte gegen die Maschinen-Diktatur</title>
		<link>http://www.netzpiloten.de/2011/08/16/hacker-revolte-gegen-die-maschinen-diktatur/</link>
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		<pubDate>Tue, 16 Aug 2011 07:30:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gunnar Sohn</dc:creator>
		
	<dc:subject>Netztheorie</dc:subject>
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		<description><![CDATA[Mit Professor Joseph Weizenbaum und Professor Wolfgang Wahlster disputierten vor einigen Jahren auf der Berliner Fachmesse „Call Center World“ zwei der profiliertesten Informatiker über Chancen und Grenzen der Mensch-Maschine-Kommunikation. Weizenbaum, der in den 60er-Jahren zu den bahnbrechenden Forschern auf dem Gebiet der Informatik zählte und unter anderem am Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitete, stellte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit Professor Joseph Weizenbaum und Professor Wolfgang Wahlster  disputierten vor einigen Jahren auf der Berliner Fachmesse „Call Center  World“ zwei der profiliertesten Informatiker über Chancen und Grenzen  der Mensch-Maschine-Kommunikation. Weizenbaum, der in den 60er-Jahren zu  den bahnbrechenden Forschern auf dem Gebiet der Informatik zählte und  unter anderem am Massachusetts Institute of Technology (MIT)  arbeitete, stellte sich im Lauf seiner Karriere immer kritischere  Fragen über die gesellschaftlichen Folgen der Fortschritte in der  Computertechnik. Was ihn im Kern immer mehr bewegte, war die Frage nach  der Wechselwirkung zwischen technischer Entwicklung und  gesellschaftlichen Veränderungen. Sein Hauptvorwurf: „Die Extremisten,  die Ideologen der Künstlichen Intelligenz, versuchen, Gott zu spielen.  Da muss man von Größenwahn, buchstäblich von Wahnsinn sprechen.“</p>
<p><span id="more-24288"></span></p>
<h2>„Mein Ausgangspunkt ist der Mensch“</h2>
<p>Wolfgang Wahlster, Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI)  in Saarbrücken und einziges deutsches Mitglied des Nobelpreiskomitees,  spricht hingegen von einer „Informatik für den Menschen“: Eine der  wichtigsten Herausforderungen für die zukünftige Wissensgesellschaft sei  die Schaffung intelligenter Technologien für die  Mensch-Technik-Interaktion, die den natürlichen Kommunikationsstil von  Technik-Laien akzeptieren, einen direkten Dialog mit der Technik  unterstützen und damit Hemmschwellen bei der Nutzung von Hochtechnologie  abbauen. „Semantische Technologien überbrücken die Lücke zwischen der  Fachsprache der Informatik und den Sprachen ihrer Anwender, weil sie es  erlauben, verschiedene Begriffssysteme ohne Bedeutungsverlust ineinander  zu übersetzen. Automobilingenieure, Medizintechniker oder  Logistikexperten sind mit semantischen Technologien in der Lage, sein  Wissen und seine Prozessmodelle digital in der eigenen Fachsprache zu  formulieren, ohne die speziellen künstlichen Sprachen zur maschinellen  Wissensrepräsentation erlernen zu müssen“, betonte Wahlster in Berlin.</p>
<p>Der Computer, die Maschine müsse im Kommunikationsverhalten dem  Menschen entgegenkommen, ist Wahlster überzeugt. „Mein Ausgangspunkt ist  der Mensch“, so die Position des inzwischen verstorbenen  Informatikveteranen Weizenbaum. Der „Pionier, Dissident und  Computerguru“ der KI-Forschung stellte den Begriff des „Verstehens“  infrage: „Heute ist es Mode geworden, über ‚computer understanding of  natural language’ zu sprechen. Dem Computer soll also beigebracht  werden, die natürliche Sprache – zum Beispiel Deutsch oder Englisch –  und nicht nur die künstlichen Sprachen wie eben spezifische  Computersprachen zu verstehen. Das beinhaltet die Idee, dass ein Satz  eine bestimmte Bedeutung hat.“ Maschinen fehle aber der menschliche  Erlebnishintergrund. Sie können sogar zu Vollstreckern von Befehlen  werden und wesentlich brutaler agieren. <br />
 Da lohnt die Lektüre des Werkes „Mythos der Maschine“ von Lewis Mumford.  Jedes System, jeder Automat, jede Maschine ist ein Produkt des  menschlichen Geistes, bemerkt Lewis Mumford in seinem Werk „Mythos der  Maschine“. So kann sich anfänglich hilfreiche Technik sehr schnell zum  repressiven Oberlehrer wandeln – mit und ohne semantische Technologien.  Es ist aber höchst bedenklich, wenn Systeme, Geräte oder Suchmaschinen  darüber entscheiden, was richtig und was falsch für uns ist, unser  Verhalten einschränken oder sogar sanktionieren.</p>
<p>In einer Debatte über die Abschaltung eines Google+-Accounts verwies  ein Diskutant auf das merkwürdige Serviceverständnis der liebwertesten  Internet-Gichtlinge auf der Anbieterseite: <a href="http://gunnarsohn.wordpress.com/2011/08/09/shoot-first-ask-later-merkwurdiges-verstandnis-im-umgang-mit-kunden-uber-die-sperrung-eines-google-accounts/" target="_blank" class="liexternal">Shoot first, ask later</a>.</p>
<p>Wer gegen die Regeln von Internet-Konzernen verstößt, wird erst  einmal mit der Auslöschung seiner virtuellen Existenz bestraft und kann  erst danach nachweisen, ob er überhaupt würdig ist, wieder in den Kreis  des Netzwerkes aufgenommen zu werden. Wer ist in diesem Spiel eigentlich  Knecht und wer König? Mit der Web-2.0-Revolution sollte die Über- und  Unterordnung doch vorbei sein. Mit den Peer-to-peer-Technologien wollte  man die alte Leitdifferenz zwischen Herrschaft und Dienerschaft  überwinden – wie es Markus Krajewski in einer interessanten Untersuchung  darlegt: „Der Diener – Mediengeschichte einer Figur zwischen König und  Klient“ (S. Fischer Verlag) Der König ist tot, lang lebe der Kunde, der  ohne weitere Kosten – seine Informationen aus dem Netz zu fischen und  weiter zu verschenken vermag. Krajewski vergleicht das mit der  Revolution von 1848 und dem berühmten Zitat der Köchin Trina, die im  Hause Buddenbrook diente: „Warten Sie man bloß, Fru Konsulin, dat duert  nu nich mehr lang, denn kommt ne annere Ordnung in de Saak; denn sitt  ick doar up’m Sofa in‘ sieden Kleed, und Sei bedeinen mich denn …“ Ob  dieser Rollentausch heute nicht mehr notwendig sei, wie Krajewski meint,  halte ich für fragwürdig. Im Virtuellen würden nunmehr nur  Gleichrangige kommunizieren. Das sehen die ausgestoßenen digitalen  Existenzen wohl etwas anders.</p>
<h2>Diktatur der Algorithmen</h2>
<p>Kippen die Machtverhältnisse in sozialen Netzwerken zugunsten der  Anbieter von Netzinfrastrukturen, so besteht die Gefahr einer neuen  Diktatur der Maschinen und Algorithmen. Der Anwender mutiert zum Knecht  und der Anbieter zum König. Eine Automaten-Diktatur könnte sich  nachhaltiger auswirken als das paternalistische Verhalten unter  Menschen, warnen die Wissenschaftler Sarah Spiekermann und Frank Pallas:  Zum einen würden Maschinen automatisch und autonom reagieren. Sie  lassen den Betroffenen nur wenig Möglichkeiten zur Antizipation oder  Reaktion – Google und „Shoot first, ask later“-Prinzip. „Zum anderen ist  Technik absolut. Hat beispielsweise ein Fahrer Alkohol in der Atemluft,  so ist es ihm gänzlich unmöglich, das entsprechende Auto zu starten –  auch in Notfällen, in denen das Fahren unter Alkoholeinfluss  üblicherweise akzeptiert würde.“</p>
<p>Der Paternalismus der gut meinenden Kontrolleure sei bei Technologien  nicht nur mit Gehorsam oder Obrigkeitshörigkeit verbunden, sondern  erzeuge einen Zwang zu absoluter Konformität. Autonom agierende  Maschinen werden zu absoluten Kräften, deren Entscheidungen und  Handlungen nicht umgangen oder missachtet werden können. Wer hat nun  wirklich die Macht, das Werkzeug oder der Meister, fragt sich der  Multimedia-Regisseur Jean-Noel Lafargue. Wie kann man sein digitales  Schicksal wieder in die eigenen Hände nehmen? Vielleicht brauchen wir  mehr Hacker-Revolutionäre, die Programme so einsetzen, wie es weder  vorgesehen noch erlaubt ist. So kann der Nutzer nach Auffassung von  Lafargue erfahren, wie ein Programm funktioniert und wie man es  verbessern kann – nicht nur technisch, sondern auch politisch.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>Crosspost von <a href="http://www.ne-na.de/" target="_blank" class="liexternal">www.ne-na.de</a> und <a href="http://www.theeuropean.de/gunnar-sohn/7698-hacker-revolten-gegen-die-maschinen-diktatur" target="_blank" class="liexternal">theeuropean</a></p>
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		<title>Scheitern am Gerät</title>
		<link>http://www.netzpiloten.de/2011/08/04/scheitern-am-gerat/</link>
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		<pubDate>Thu, 04 Aug 2011 08:00:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gunnar Sohn</dc:creator>
		
	<dc:subject>Netztheorie</dc:subject>
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		<description><![CDATA[Durch das Leben des Bloggers Sascha Lobo zieht sich ein roter Faden, und es ist kein schöner. „Er taugt so gerade eben noch zum Kokettieren auf Partys, aber nur für ein paar Sekunden. Dann wird die Wirkung des Mitleids wieder vom Schmerz verdrängt. Dieser rote Faden ist das Scheitern am Gerät. Ein gerätebezogenes Lebensmotto von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://gunnarsohn.files.wordpress.com/2011/07/cct-023.jpg" target="_blank" class="liimagelink"><img title="cct 023" src="http://gunnarsohn.files.wordpress.com/2011/07/cct-023.jpg?w=455&amp;h=304" alt="" width="455" height="304" /></a></p>
<p>Durch das Leben des Bloggers Sascha Lobo zieht sich ein roter Faden, und es ist kein schöner. „Er taugt so gerade eben noch zum Kokettieren auf Partys, aber nur für ein paar Sekunden. Dann wird die Wirkung des Mitleids wieder vom Schmerz verdrängt. Dieser rote Faden ist das Scheitern am Gerät. Ein gerätebezogenes Lebensmotto von mir könnte sein: ‘Hier stehe ich, ich kann nicht.’ Und zwar weder so noch anders, sondern gar nicht“, <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,771171,00.html" target="_blank" class="liexternal">schreibt Lobo in seiner Mensch-Maschine-Kolumne.<span id="more-23606"></span></a></p>
<p>Vom Handy bis zum Kaffeevollautomaten habe er schon an fast jedem Apparat die abstrakte Nachrichtenformulierung „menschliches Versagen“ mit lebendigem Inhalt gefüllt. „In beeindruckender Geschwindigkeit bin ich in der Lage herauszufinden, wie Dinge schon mal nicht funktionieren“, so Lobo. Dabei sei er in technologischen Dingen doch überhaupt nicht unbegabt. Aber sein Wissen und Können in der direkten Konfrontation mit dem Gerät kommt ihm vor wie die funzelige Beleuchtung in einem ansonsten stockfinsteren Riesenlabyrinth. „Schon Zentimeter außerhalb des Lichtkegels stoße ich im besten Fall auf massiven Widerstand. Der schlechteste Fall ist ein Fall ins Nichts: vor einem Apparat zu sitzen, der offensichtlich eingeschaltet ist, aber einfach nicht reagiert. Auf nichts. Gibt es überhaupt eine Steigerung der Verhöhnung, wenn eine unbelebte Maschine einen Menschen ignoriert“, fragt sich der Kolumnist von Spiegel Online.</p>
<p><strong>Generalverdacht der Hersteller und die Dummheit des Benutzers</strong></p>
<p>Beim Wechselspiel von Mensch und Gerät geht es um einen Wettstreit, bei dem nie eindeutig gesagt werden kann, wer eigentlich wem dient. Aber nicht nur Versagensängste und die tägliche Plage im Umgang mit Geräten werden als schmerzliche Erfahrung der Moderne empfunden. <strong>Der Benutzer ist zudem einem Generalverdacht der Hersteller ausgesetzt. </strong>Er ist ein potentieller Störenfried. Diese Botschaft vermittelt schon die Bedienungsanleitung und spätere Disputationen beim Umtausch der Ware. Der Benutzer verendet in einer „Zirkulation von Schuldzuweisungen und Unterstellungen“, wie es Jasmin Meerhof in ihrem Buch „Read me! Eine Kultur- und Mediengeschichte der Bedienungsanleitung“ ausdrückt.</p>
<p>Schuldig ist nicht das Gerät, sondern der Benutzer, dieser Idiot. Die Über- und Unterordnung zwischen Gerät und Benutzer werden über zahlreiche Ge- und Verbote, Vorsichtsmaßnahmen und Hinweise zur Garantiert zementiert. Das Ganze ist eine Demonstration der Macht und das Scheitern am Gerät soll uns in die Rolle der Demut pressen. Glücksmomente, oder Flow, wie es der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi bezeichnet, entstehen in dieser Konstellation nicht. Alle Bewegungsabläufe werden im Flowzustand in harmonischer Einheit durch Körper und Geist mühelos erledigt.</p>
<p>Ob Kommunikationsdienste, Endgeräte oder Serviceprovider: Die Auswahl ist unüberschaubar, die Bedienung unübersichtlich und kompliziert. Hier wäre eine Umkehrung des Machtverhältnisses vonnöten. Als Flow-Qualitätssiegel könnte der Oma-und-Opa-Test fungieren.</p>
<p>Wie die Technologien der Zukunft konzipiert sein sollten, skizzierte Bernd Stahl auf dem Innovationsforum von Harvey Nash und Nash Technologies in Stuttgart. „Jeder Mensch ist auf der Suche nach einfachen, eleganten und effektiven Lösungen“, sagt der Systemarchitekt von Nash Technologies. Genau das würden Kunden aber immer nicht ausreichend geboten bekommen: Versende ich meine Nachricht per SMS, Facebook-Message, Chat oder Mail? Warum brauche ich immer fünf Schritte, bis die Nachricht versendet ist? Warum wird mein Netzzugang gedrosselt? Die meisten Technologien sind selbst für den IT-Spezialisten immer noch zu umständlich. „Erst wenn ein Fünfjähriger und ein 95-Jähriger Mensch die gleiche Technik wie selbstverständlich nutzt, sind wir am Ziel“, erläutert Stahl.</p>
<p>Die technologische Basis dafür ist schon vorhanden. Rechnerleistungen sind bald allgegenwärtig – Stichwort „Ubiquitous Computing”. Immer mehr Technik wird mit dem Internet ausgestattet. Eine Uhr mit den Funktionen eines Smartphones sei bald ebenso selbstverständlich wie ein Anorak mit GPS-Notfallsender, sagt Stahl. Per UMTS oder LTE umgibt uns das Internet wie eine Wolke. „Zuerst ist es für viele ein Schock. Aber wenn man es willkommen heißt, gibt es ganz neue Möglichkeiten“, sagt der Systemarchitekt.</p>
<p><strong>Der High-Tech-Umgang der Zukunft: „Flow“ statt Ärger</strong></p>
<p>Stahl denkt an ein Ende der unzähligen, sich in ihren Funktionen überschneidenden Endgeräte, er denkt an ein Ende des Wirrwarrs. Alle Applikationen verschwinden unter der Haube eines Systems – gesteuert durch die Sprache und den Handlungen des Menschen. „Ich spreche meine Frage aus wie in einem Gespräch. Die jeweilige Technik, zum Beispiel in meiner Armbanduhr, versteht, was ich möchte und liefert mir die passende Antwort.“ Die Antwort besteht nicht mehr aus 500 Millionen Ergebnissen wie eine derzeitige Google-Suche, sondern aus einer präzisen, brauchbaren Aussage – ermittelt aus dem über die Zeit gewachsenen eigenen sozialen Profil. „So wie wir einem Kind das Sprechen beibringen, werden wir unserer Technik beibringen, wie wir denken und handeln.“ Neue High-Tech-Entwicklungen würden so auch für Menschen nutzbar, die kein Interesse daran haben, unbrauchbare Antworten auszusortieren und Bedienungsanleitungen durchzulesen, so wie es fast jeder in Gesprächen mit seinen Großeltern erlebe. „Wir wollen aber alle den Flow erleben – den angenehmen, lockeren, inspirierenden Umgang mit Technik.“ Für Unternehmen erweitert Stahl seine Formel „einfach, elegant, effektiv“ um ein „G“. Und das steht nicht für Google, sondern für „Geschäftsmodell“.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>Foto: Gunnar Sohn</p>
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<p><br class="spacer_" /></p>
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		<title>Das Medium ist die Botschaft: Nordafrika=Revolution.</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Aug 2011 07:45:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Raimar Oestreich</dc:creator>
		
	<dc:subject>Netztheorie</dc:subject>
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		<description><![CDATA[Geburtstage sind nicht nur Anlass für Geschenke, oft sind sie mit Erinnerungen an die Vergangenheit verbunden. Das rückwärts gewandte Sinnen bringt so manch gern Vergessenes wieder ans Licht. In der Psychotherapie ist dies die Methode, um traumatische Erlebnisse der Vergangenheit aufzuarbeiten. Nicht zu verwechseln mit dem Begriff der Vergangenheitsbewältigung, der in Deutschland und Österreich gewöhnlich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Geburtstage sind nicht nur Anlass für Geschenke, oft sind sie mit Erinnerungen an die Vergangenheit verbunden. Das rückwärts gewandte Sinnen bringt so manch gern Vergessenes wieder ans Licht. In der Psychotherapie ist dies die Methode, um traumatische Erlebnisse der Vergangenheit aufzuarbeiten. Nicht zu verwechseln mit dem Begriff der Vergangenheitsbewältigung, der in Deutschland und Österreich gewöhnlich die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus bezeichnet. </p>
<p>Bei den Geburtstag-Hymnen für den intellektuellen Popstar Marshall McLuhan war diese Begriffsvertauschung aber anzutreffen. So wurde vor einer Woche auf dem Titelblatt des Zeit-Feuilletons neben der Lobpreisung zum 100. Geburtstag die Vergangenheit von Marshall McLuhan ausgekramt. Denn mit Anfang 20 soll McLuhan Franco und Hitler gelobt haben: „Sie seien‚ auf dem richtigen Weg‘ zwischen der ‚Gier des Kapitalismus‘ und der ‚Entmännlichung durch den Sozialismus‘“. Das Hervorholen unliebsamer Erinnerungen scheint besonders zu einem runden Geburtstag Usus zu sein. So traf es auch den französischen Regisseur Jean-Luc Godard zu seinem 80. Geburtstag. Neben der Huldigungen für den glorreichen Vertreter der Nouvelle Vague fragte die FAZ, ob Godard ein Antisemit sei. Anlass dafür gaben verschiedene Hinweise in seinen Filmen. Die FAZ räumte selbst ein, dass die Frage nicht lösbar sei, aber interessant. Wohl interessant, aber nicht ernster zu nehmen als die Schlussfolgerung des dänischen Regisseurs Lars von Trier auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes: „Meine Vorfahren sind Deutsche, ich bin also ein Nazi.“&#8230;<span id="more-23405"></span></p>
<p>Doch auch auf die Gefahr hin, dass dieser Geburtstag-Hommage an Marshall McLuhan die interessante Würze fehlt, soll hier die Vergangenheitsbewältigung außer Acht gelassen werden. Stattdessen erinnern wir uns an den Medientheoretiker McLuhan und wiederholen seine Theorie, um ihre Relevanz auf aktuelle Ereignisse zu prüfen. Denn „Wiederholung und Erinnerung sind die gleiche Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung; denn dasjenige, woran man sich erinnert, ist gewesen, wird rückwärts wiederholt, während die eigentliche Wiederholung eine Erinnerung in vorwärtiger Richtung ist“, schrieb Sören Kierkegaard.</p>
<p>McLuhans Prophezeiung einer medial vernetzten Welt, in der wir von viel zu vielen Menschen alles sofort und gleichzeitig erfahren, ist unbestreitbar. „Die Welt ist ein globales Dorf“, schrieb er. Durch neue Medien „nehmen wir, ob wir wollen oder nicht, Anteil am Leben aller anderen“. Daraus entsteht eine neue „Politik“ auf eine Weise, die wir noch nicht wahrgenommen haben, führt McLuhan fort. Oder nehmen wir sie heute wahr?</p>
<p>Nicht nur Fernsehen und Radio berichten von den Aufständen im mittleren Osten. Die arabische Welt scheint auf dem Kopf zu stehen, das zeigt sich vor allen in den neuen Medien. Youtube-Kanäle, Facebook-Seiten und unzählige Blogs berichten über die Revolutionen in Syrien, Ägypten, Libyen, und anderen nordafrikanischen Staaten.</p>
<p>Aufstände gab es durch die gesamte Geschichte hindurch. Menschen, die sich für höhere Löhne oder ein freies Land spontan in einer Bewegung zusammen schlossen, um sich gegen die Obrigkeit trotz Repressionen durch Polizei und Armee aufzulehnen, gab es zu jeder Zeit. Doch etwas ist an den Bewegungen in Nordafrika anders. Zum einem ist die Geschwindigkeit der Ausbreitung neu. Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich die Revolutionen beinahe über die gesamte arabische Welt. Und das, obwohl jedes Land seine eigene Regierung und Geschichte hat und die Menschen unterschiedliche Lebensstile führen. Zum anderen ist die Dauer neu. Aus dem arabischen Frühling ist ein Sommer geworden.</p>
<p>Die Welt hat sich verändert, soziale Netzwerke ermöglichen den Kontakt mit Lichtgeschwindigkeit über die Landesgrenzen hinaus. Sie haben eine Öffentlichkeit mit egalitäreren Zugangsmöglichkeiten geschaffen. Facebook, Twitter und Youtube sind durchaus wichtige Werkzeuge der Revoltierenden, aber sind sie Grund für eine derartige Bewegung? Ist eine schnelle Kommunikation Voraussetzung für weitreichende Massenbewegungen?<br />
Fehlende Kommunikationsmittel lassen einen spontanen Aufstand nicht scheitern. 1989 berichteten in Ostberlin und Ostdeutschland weder Fernsehen noch Radio von den spontanen Demonstrationen. Telefone waren nur spärlich in den ostdeutschen Haushalten vorhanden. Der Grund für die Revolution lag an den gesellschaftlichen Veränderungen, gegen die sich der DDR-Staat abzuschotten versuchte.</p>
<p>Die neuen Medien verändern unsere Welt, schrieb McLuhan, sie erlösen uns vom Übel der Gutenberg-Galaxie. Der Buchdruck prägte unser Denken und unsere gesamte Kultur. Die Aufeinanderfolge der Buchstaben hat unsere „Rationalität“ und Logik von der Verwendung zusammenhängender, sequentieller Fakten und Konzepte abhängig gemacht. Wie die Schrift sich aus einzelnen Buchstaben zusammen setzt, so zerlegt sie die Welt. Handlungen und Gewohnheit werden in Einzelschritte zerlegt. McLuhan vergleicht die Zergliederung in Buchstaben mit der Spezialisierung und Aufteilung in Fachgebiete in unserer Gesellschaft. Symbolisch zeigt sich das in der uniformierten Fließbandware der Massenproduktion und anhand des Rasenmähers in der amerikanischen Reihenhaussiedlung.<br />
Erst die neuen Medien, so McLuhan, erlösen uns von den Grenzen der Schrift und führen uns zurück in den akustischen Raum. Einen Raum ohne Grenzen, in dem wir nicht eins nach dem anderen, sondern alles gleichzeitig wahrnehmen können. Das globalen Dorf ist ein „Happening der Gleichzeitigkeit“, Raum und Zeit sind verschwunden.</p>
<p>In der arabischen Welt sind neuen Medien präsent wie anderswo. Menschen surfen im Internet, es gibt Fernsehen und Radio. Dennoch ist diese Welt schriftlich geprägt. Der Koran formte die Kulturen als geschriebenes Wort. Er setzte das Bilderverbot konsequenter um, als die Bibel in christlich geprägten Kulturen. Ein Ausdruck dieses Verbots ist die Arabesken-Kunst, in der Schriftzeichen als Ornamentik kunstvoll ausgearbeitet werden. Die schriftlich lineare Welt, nach McLuhan, wird durch strikte Hierarchien geordnet, die ihre Strukturen gewaltsame durchsetzt und religiös indoktrinieren.<br />
Im Gegensatz dazu sind neuen Medien anstatt linear, anonym, sofort und gleichzeitig. Sie bieten einen egalitären und freien Zugang, sodass über die Teilnahme zu jeder Zeit frei entschieden werden kann.<br />
Obwohl neue soziale Medien wie das Internet sich weiterhin der Schrift bedienen, sind sie nicht mehr linear. Blog-Kommentare, SMS und Kurznachrichten sind wie die mündliche Sprache flüchtig, widersprüchlich und paradox &#8211; sie sind geschriebene Mündlichkeit.</p>
<p>Warum also diese Aufstände in der arabischen Welt? Nach McLuhan erschließt sich der Grund dieser Revolutionen nicht nur aus dem Leid und Hunger der Menschen. Auch theoretische Begriff wie „Freiheit“ oder „Demokratie“ treiben nicht die Menschen auf die Straße.<br />
Vielmehr wehren sich die Bürger der nordafrikanischen Staaten gegen eine Ordnung, die in ihrem Leben und für den medialen Lebensalltag keinen Sinn mehr macht. Sie nutzen wie wir Internet, Smart-Phone, Fernsehen und andere Medien. Die Logik dieser Medien ist der Logik einer hierarchisch geordneten Schrift entgegengesetzt. Eine neue Logik bedeutet auch ein neues Denken. Wenn sich also die mediale Umwelt verändert, verwandelt dies auch den Menschen. „Und das verändert alles“, prophezeit McLuhan. </p>
<p>Ob die arabische Welt wirklich von Grund auf verändert wird, bleibt abzuwarten. Eine Wiederholung McLuhans Medientheorie auf aktuelle Ereignisse zeigt sich aber mindestens genauso interessant wie biographische Einzelheiten zu seiner Person.</p>
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