Das Internet ist der Dorfplatz der Moderne – doch weil dieses neue Dorf global ist, gelangen die alten Modelle an ihre Grenzen. Es ist an der Zeit, transparent zu ermitteln, welche Regeln in der neuen Netzöffentlichkeit gelten sollen.

Wir sind Facebook

Dürfen Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) von Internet-Giganten wie Google oder Facebook den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs im Netz beeinflussen? Diese Frage verhandelte ein Expertenpanel am zweiten Tag der Berliner Bloggerkonferenz Republica unter dem Titel: „Der digitale Dorfplatz: Privat oder öffentlich?“.

Kommerzielle Plattformen könnten sich zu einem Rohrkrepierer für virtuelle Menschenrechte entwickeln, wenn Accounts willkürlich gelöscht oder geschäftspolitisch über die Zulässigkeit von Meinungsäußerungen entschieden wird. Es muss ja nicht gleich das von Sascha Lobo ins Spiel gebrachte Profilbild mit erigiertem Penis sein, der zu einem Exitus der eigenen Facebook-Präsenz führt. Nacktheit bringt bei amerikanischen Konzernen auf Knopfdruck die Hohepriester von Sittlichkeit und Moral auf den Plan. Aber genau hier muss der Meinungsstreit anfangen. Beispielsweise über die anmaßende Haltung von Infrastruktur-Anbietern, die uns den Zugang zum Internet gewähren und nach Gusto wieder nehmen können.

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Liquide Demokratie ist unglaublich anstrengend – aber sie lohnt sich, denn im Schwarm gibt es wertvolles Expertenwissen. Wie groß der Widerstand gegen diese Art der Entscheidungsfindung ist, sieht man beim Blick auf die Transparenz-Debatte.

water drops

„Zeit“-Autorin Susanne Gaschke sieht die Piraten als ideologische Partei. Wer auf elektronisch verbundene Schwarmintelligenz setzt, zerstöre die repräsentative Demokratie. Liquide Demokratie ist für sie ein Albtraum. Man brauche doch auch Antworten und die beruhen auf Interessen, Werten, Konflikten und Lebensstilen. Deshalb sei es Aufgabe professioneller Politik, zwischen all diesen erträglichen Kompromissen zu vermitteln. „Die richtige Welt ist ein unordentlicher Ort und mit technikfixiertem Objektivismus nicht in den Griff zu kriegen.“

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The droids we’re googling forSuchmaschinenoptimierung, tägliches Brot und mit Vorurteilen gespicktes Hassobjekt, spielt täglich in unserem Netzleben eine große Rolle. Hendrik Terbeck hat nun unter dem Titel „Der Einfluss sozialer Empfehlungen auf das Selektionsverhalten in Suchmaschinen“ eine Bachelorarbeit vorgelegt, die mittels Blickaufzeichnung und problemzentrierter Nutzerbefragung Antworten auf brennende SEO-Fragen geben möchte.

Suche: keine Muster mehr, sondern heterogene Strategien

Zunächst einmal widmet er sich bekannten und oft gestellten Fragen: Wonach selektieren Nutzerinnen Inhalte bei der Suche? Welche Elemente animieren sie zum Klick? Gibt es Muster in der Ergebnisselektion?

Wenig Bedeutung kommt der Studie zufolge älteren Modellen wie dem F-Muster oder dem goldenen Dreieck zu, da Suchende angesichts der immer vielfältiger werdenden Ergebnisdarstellungen heterogene Strategien wählen – wenn Suchmaschinen von reinen Textlinks zur Darstellung von Bildern, Anzeigen, lokalen Ergebnisse, sozialen Empfehlungen und vielem mehr übergehen, haben alte Selektionsmuster wenig Bestand. Wichtig sind vielmehr neben der Position der Ergebnisse (Hypothese 5, wenngleich nicht uneingeschränkt, wie in den Hypothesen 12 bis 14 gezeigt wird) die Bekanntheit der Marke (Hypothese 6) und besonders Titel (Hypothese 4) und URL (Hypothese 7) – ein Grund mehr für ein flexibles Content-Management-System wie etwa WordPress, das die freie Anpassung dieser Elemente erlaubt.

Bis zu diesem Punkt ist die Studie ein interessante Beleg für bereits bekannte oder stark vermutete Erkenntnisse. Richtig spannend werden jedoch die folgenden Fragen zu den sozialen Empfehlungen.

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Hier mal noch ein gesonderter Linktipp zum Blog von Bruno Kramm. Herr Kramm hat sich tatsächlich mal die Mühe gemacht, jedem "Urheber" der 100 Köpfe aus der Handelsblatt-Depesche zu antworten. Außerdem gibt er einen Einblick in die Vorgeschichte dieser Kampagne.


Kommentar zu den 100 Köpfen

"Bevor man sich im Detail mit der propagandistischen Großinquisition des Handelsblattes „Kreative hört die Signale“ und „Mein Kopf gehört mir“ auseinander setzen kann, muss man die Vorgeschichte beleuchten, aus welcher die Initiative zu dieser und noch vielen folgenden Beiträgen hervorging und die Fehlinformationen bewusst in Kauf nehmend, einsetzt."

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#Umsonstkultur #Piraten #Verlegerinteressen #Lobby

Mein Kopf gehört mir...

Da haben sich die Verleger aber eine hübsche Kampagne ausgedacht, die jetzt in Etappen über die klassischen Massenmedien ausgegossen wird. Nach der Wutrede von Sveni Regner und dem offenen Brief der GEZ-beseelten Tatort-Autoren werden nun im Handelsblatt 100 “kreative” Schriftsteller, Sänger, Künstler, Werber, Softwareentwickler und Unternehmer in Szene gesetzt, um gegen die “Umsonstkultur” im Internet und deren politischen Protagonisten, die Piraten, zu protestieren. Das ist wohl ein bislang einmaliger Vorgang in der Untergangsgeschichte des medialen Establishments, dass sich Meinungsbildner nicht nur vor den Karren von Lobbyinteressen spannen lassen, sondern expliziert gegen eine politische Partei lamentieren, die in Deutschland noch nirgendwo in der politischen Verantwortung steht. Peinlich auch der verkrampfte 68er-Habitus der Handelsblatt-Titelseite: “Mein Kopf gehört mir!”

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Hier müsste eigentlich der Wochenrückblick stehen. Ob Google eine gute Strategie fährt mit seiner Neuausrichtung, ob sich die Sonstigen (früher bekannt unter dem Namen FDP) einen Gefallen getan haben mit dem Bashing der Piratenwähler, ob am Ende Facebook bald eine valide Alternative mit Good Privacy erhalten wird, sowas würde hier eigentlich stehen...

Über all dieses und noch viel mehr hätte ich gern weiter geschrieben. Aber heute ist mein letzter Tag als Redaktionsleiter bei netzpiloten.de (früher blogpiloten.de) und ich schaue wehmütig auf die letzten 30 Monate zurück. Es gibt Tage, da gehen mir die Nabelschauen der Internetexperten und ihrer Vasallen gehörig auf den Geist. Es gibt Tage, da erreicht die Relevanz des Internet für mich kaum die Höhe eines Flohsprungs. Aber im Grunde bin ich noch immer beeindruckt von der Wucht, die vom Web ausstrahlt.

In anderen Ländern, da ist aus dem Internet eine Medienmasse geworden. Ganze Volksgruppen oder gar Völker betrachten sich selbst in den 1000 Spiegeln, die die Unzahl an Webseiten darstellt. Ich habe das Netz vor einem Jahr bei telepolis als Massenvergewisserungswaffe bezeichnet. In vielen Ländern, deren Kultur auf arachischen Stammesstrukturen basiert, entdecken die Frauen das Web als Mittel der Befreiung...

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Buchtitel: David Weinbergers neues Buch

Harvard-Forscher David Weinberger legt ein profundes Buch vor über die digitale Republik der Buchstaben und die Auswirkungen auf unseren Umgang mit Wissen.

Wir brauchen mehr Fähigkeiten im Jiu-Jitsu, wenn es um die Informationsflut im Web geht. Denn laut Dr. Weinberger lehrt uns die asiatische Kampfkunst, in die permanenten Handkantenschläge der Millionen Informationen einzutauchen, um aus dem Datenstrom den eigenen Schwung zu entwickeln. Konsequent breitet er auf rund zweihundert Seiten seine Theorie aus, laut der wir zukünftig eine angstlose und offene Hinwendung zum Internet brauchen. Denn nur dort lauert all das Wissen, was wir für die Lösung unserer Probleme brauchen.

Bisher war für die meisten von uns das Wissen eine Art Stoppschild für unser Hirn. Erst wenn Fragen beantwortet wurden, kam unser Geist zur Ruhe. Damit soll es nun vorbei sein. Denn genau genommen war diese Art, Wissen zu nutzen schon vor dem Web zum Scheitern verurteilt. Wissen war immer begrenzt durch Regalplatz, eine strenge Auswahl an Mitgliedern eines Fachbereichs in einer Universität und nicht zuletzt durch die Bildung, also die akademischen Meriten. Hier geht der freundlich Harvard-Experte leider gar nicht auf die begrenzten mentalen Fähigkeiten einiger Zeitgenossen ein. Aus seiner Sicht sind alle potentiell schlau...

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Algorithmus

Es kam, wie es kommen musste. Der Algorithmus. Eine Handlungsvorschrift, die sequentiell, also nacheinander abgearbeitet wird, um ein Problem zu lösen bzw. eine Aufgabe zu erfüllen, wird zum Spielball der Dichter und Denker. Als Miriam Meckel darüber geschrieben hat - und nichts anderes fand als die fade recommendation engine aus dem eCommerce - war es mir der Mühe zu gering, darauf zu antworten. Als aber nun die geschätzte Kathrin Passig in der SZ sich bemüßigt sah, auf die am Boden argumentierende Meckel auch noch einzuschlagen, da wurde der Beschützerinstinkt in mir geweckt...

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Netzwerk

Um die Kulturtechnik Internet zu verbessern, sollten Programmierer und Nutzer sich besser verstehen. Viele Standardbegriffe verhindern dies jedoch. Vielleicht vernebeln sie sogar ganze Bedeutungsbereiche in Sachen Kommunikation.

Gerade Wörter wie Netzwerk oder Datenflut sind ständige Begleiter der Diskussionen über technologische Gegenwart und kulturelle Zukunft. Aber helfen uns diese Begriffe überhaupt beim Formulieren und Verstehen aktueller Probleme und Wünsche?

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Im Jahr 1890 hatten der amerikanische Richter Louis Brandeis und der Anwalt Samuel Warren den Begriff privacy zum ersten Mal als Recht formuliert, den Schutz des privaten Bereichs als Teil der persönlichen Freiheit durchzusetzen. Es handelte sich dabei vor allem um ein Abwehrrecht gegen die anstürmenden Kräfte der Presse, des Staates und öffentlicher Behörden. Denn zu jenem Zeitpunkt begann ein organisatorischer und technischer Fortschritt bei Medien und behörden den Bereich der persönlichen Aktivitäten zu beobachten, die vorher schlicht nicht der öffentlichen Hand zugänglich waren und auch die Presse bis dato unangetastet gelassen hatte. Zwar war das eigene Land und die körperliche Unversehrtheit schon vorher geschützt, die beiden Juristen sahen jedoch in der zunehmend ökonomisch agierenden Presse sowie den Aufzeichnungsmöglichkeiten für Bild und Ton eine neue Form des externen Übergriffs auf die persönliche Schutzzone. Sie mahnten daher an in ihrem Grundsatzartikel The Right To Privacy an, das Recht an der eigenen Person müsse angesichts der modernen invasiven Praktiken durch Staat und Firmen gestärkt werden, damit die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Leben gewahrt blieben...

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Kann die Kommunikation in Echtzeit unsere Vorstellungen von Information und Wissen wirklich sprengen? Der Philosoph Martin Heidegger würde auf unseren kulturellen Überlieferungen zurückschauen.

Subjekte - also die Träger von Bewusstsein - sind gerichtet auf Gegenstände wie Kaffeetassen, Freudenhäuser oder sündhaft teure Schuhe von Manolo Blahnik. Bewusstsein wird seit Beginn des 20. Jahrhunderts verstanden als Ort der eigenen Absichten eines Menschen. Diese intentionale Bestimmung ist geschuldet der Distanz zwischen Subjekt und Objekt. Hier der Wunsch und dort das Chalet in der Schweiz oder der Porsche. Seit Descartes war dieses Verhältnis hauptsächlich ein Problem zwischen Ich und der räumlichen Umwelt. Erst im letzten Jahrhundert begann ein Deutscher die Zeit und ihre Auswirkungen grundlegend in den Blick zu nehmen...

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Bisher galten die Natur und die Kultur als unversöhnliche Geschwister der Schöpfung höherer Wesen. Aber in dem vermeintlichen Abgrund lebt eine Subkultur: Die Komplexität und die Emergenz.

Als Kain und Abel ihre Bruderzwistigkeiten ins dramatische Fach verlegten, hatten sie noch keine Vorstellung davon, dass ihre Urenkel Tausende Jahre später den alten Streit noch immer ausfechten müssen. Je nach Bedürfnislage kriegen sich die Streithähne über Ackerland, Vieh, Frauen und seit einigen Jahrhunderten sogar wegen ihrer Götter in die Haare. Und dass, obwohl bis zum heutigen Tag noch niemand einem Gott begegnet ist. Aber auch der Natur und der Kultur hat bis heute noch keiner die Hand geküsst oder ein Haar gekrümmt. Und doch ist das Tischtuch zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern zerschnitten – und zwar mit Gründen...

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Einige wenige Netz-Ideen krempeln die Gesellschaft um. Wikipedia etwa hat den Umgang mit öffentlichem Wissen verändert. Auch Bitcoin hat das Zeug, viel zu erreichen. Das Open-Source-Projekt hat sich einen großen Brocken vorgenommen, den es reformieren will: das weltweite Währungs- und Finanzsystem. Bitcoins könnten die neue Verkehrswährung im Netz werden.

1 Was leisten Bitcoins?

Bitcoins ermöglichen eine anonyme Transaktion von virtuellem Geld, direkt von Nutzer zu Nutzer. Sie kommen ohne eine vermittelnde Stelle wie PayPal oder ein Kreditkarten-Unternehmen aus, die Gebühren entfallen somit...

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Das Leben im Internet ist eine seltsame Sache: Auf-dem-Bildschirm-Starren, digitale „Kontakte“, Kommunikationsfragmenten und eine durch Links verbundene unendliche Abfolge von Dokumenten.

Anders als Fernsehen erfordert Online-Sein Aktivität: permanente Entscheidungen und sogar soziale Interaktionen. Doch nach der Arbeit vor dem Rechner kann sich das eigene Gehirn so weich anfühlen, als hätte man sich genau so lange durch‘s private Nachmittagsprogramm gezappt...

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Mit Professor Joseph Weizenbaum und Professor Wolfgang Wahlster disputierten vor einigen Jahren auf der Berliner Fachmesse „Call Center World“ zwei der profiliertesten Informatiker über Chancen und Grenzen der Mensch-Maschine-Kommunikation. Weizenbaum, der in den 60er-Jahren zu den bahnbrechenden Forschern auf dem Gebiet der Informatik zählte und unter anderem am Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitete, stellte sich im Lauf seiner Karriere immer kritischere Fragen über die gesellschaftlichen Folgen der Fortschritte in der Computertechnik. Was ihn im Kern immer mehr bewegte, war die Frage nach der Wechselwirkung zwischen technischer Entwicklung und gesellschaftlichen Veränderungen. Sein Hauptvorwurf: „Die Extremisten, die Ideologen der Künstlichen Intelligenz, versuchen, Gott zu spielen. Da muss man von Größenwahn, buchstäblich von Wahnsinn sprechen.“

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