Was Weblogs von traditionellen Medien lernen können. Anregungen von Gastautor Jan Tißler Viele Journalisten und alte Medien könnten von Bloggern und ihren Seiten viel lernen: Begeisterung für ihre Arbeit beispielsweise, die Lust am Berichten, Spaß an der eigenen Meinung und den Mut, einfach mal aus der Reihe zu tanzen, wenn einem danach ist. Von der "Lesernähe" wollen mir mal gar nicht reden. Erstaunlicherweise können Weblogs aber auch von Zeitungen und Zeitschriften einiges lernen. Jedenfalls, wenn es um eine bestimmte Art von Weblogs geht. Weblogs spiegeln eine Lebenseinstellung, haben kaum Regeln. "Verlinke Deine Quellen" könnte eine wichtige Regel sein, um es sich mit der Blogosphäre nicht zu verscherzen. "Spamme nicht" eine andere. Ansonsten sind Weblogs dazu da, mit einer Öffentlichkeit zu teilen, was einem wichtig ist. Weblogs als Technologie können allerdings viel mehr. Problemlos ist eine Software wie Wordpress einsetzbar, um ein Online-Magazin zu starten. Sie ist geradezu dafür prädestiniert. Manch einer hat sogar plötzlich ein gefragtes Weblog - und hatte es gar nicht geplant. Die Leserzahlen steigen und die ersten Einnahmen sind da. Und dann? Dann hat manch einer vielleicht Lust, noch mehr Leser zu haben (und noch mehr Einnahmen). Aber wie begeistert man denn Leser? Wie hebt man sich eigentlich ab von all den anderen Weblogs? Thema 1: Verlässlichkeit Zum Beispiel mit etwas extrem Altmodischen: Verlässlichkeit. Wer sich einmal bei den alten Medien umschaut wird feststellen, dass es nicht ohne Verlässlichkeit geht. Die Zeitung liegt morgens im Briefkasten. Die Abendausgabe der "Tagesschau" beginnt um 20 Uhr. Der neue "Spiegel" ist am Montag am Kiosk. Warum machen die das? Weil viele Leute das mögen. Und weil man sich so besser in den Alltag der Menschen integriert. Regelmäßigkeit prägt sich ein. Sie erleichtert den Interessenten, sich an die Sendung, die Zeitung oder die Zeitschrift wieder zu erinnern. Außerdem gibt sie ein Gefühl von Sicherheit. Denn nicht nur die Erscheinungsweise ist verlässlich, auch der Inhalt ist verlässlich gegliedert. Zeitungen haben beispielsweise bestimmte Rubriken wie Politik, Wirtschaft, Lokales usw. Die erscheinen immer, meist sogar in derselben Reihenfolge. Wer sich als erstes für die Lokalseiten interessiert, schlägt die Zeitung dort auf, wo sie in der Regel zu finden sind. Das erleichtert den Medienkonsum und befriedigt die Erwartungen. Natürlich kommt man dann in den Zwang, diese Erwartungen befriedigen zu müssen. Das ist eine Schattenseite dieses sehr regelhaften Arbeitens. Zudem ist gerade das Weblog für schrankenloses Veröffentlichen gedacht. Klar. Es geht auch nicht darum, aus einem Weblog eine Tageszeitung zu machen. Es geht aber um die Überlegung: Kann ich meinen Lesern nicht (zusätzlich) etwas anbieten, auf das sie sich auf jeden Fall verlassen können? Jeden Tag ein Foto, immer freitags eine Bücherrezension, mittwochs der kuriose Surftipp der Woche? Wer das macht und es gut macht, wird sich mehr und mehr in den Alltag seiner Leser schleichen. Leser werden zu Stammlesern. Stammleser werben neue Leser. Logisch ist auch: Langweiliger Mist wird auch durch regelmäßiges Erscheinen nicht besser. Das behauptet auch keiner (hoffentlich). Zur inhaltlichen Verlässlichkeit gehört auch ein klares Profil. Viele Blogs entstehen aus dem Bauch heraus und werden gerade deshalb von ihren Lesern gemocht. Angesichts der Vielzahl von Informationsquellen wird es aber immer schwerer, mit einem Vielfaltblog zu punkten. Wer sich ein scharfes Profil gibt und zeigt, wo er sich auskennt und worum es in dem Blog geht, hat bessere Chancen. Nicht nur Berichte Obwohl es sehr viele journalistische Darstellungsformen gibt, findet sich in Blogs meist eine Art kommentierender Bericht. Man könnte es als Leitartikel bezeichnen. Das ist okay. Aber das machen alle. Tatsächlich gibt es noch sehr viel Möglichkeiten. Im Volontariat lernt man sie und übt sie und probiert damit herum. Und dann kommt der Alltagsstress und alles ist vergessen. Ein Beispiel ist das Interview. Für den Leser ist es sehr angenehm, weil der Text automatisch gut strukturiert ist und man sich die interessantesten Themen raussuchen kann. Außerdem interessieren sich Menschen immer für andere Menschen. Für den Blogger ist es angenehm, weil er nur einen Teil des Artikels erarbeiten muss. Man erstellt den Fragenkatalog, verschickt ihn per E-Mail und bekommt den fertigen Text zurück. Sehr bequem. Etwas unbequemer ist das Telefon-Interview. Dafür fällt es hier leichter, den Text hinterher zu gestalten. Außerdem schreiben manche Menschen wesentlich umständlicher als sie sprechen. Dann wirkt das Mail-Interview unnatürlich und gestelzt und das echte Gespräch ist besser. Eine Rubrik wie "Fünf Fragen an..." findet sich in vielen Zeitungen und Zeitschriften und eignet sich ebenso für Weblogs. Das eignet sich auch für Artikelserien: Interviews zu einem Thema. Dann ist es sogar sinnvoll, dass alle dieselben Fragen beantworten, was es für den Blogger noch einfacher macht. Interessant ist es auch noch. Ein anderes Stilmittel ist die Reportage. Hier war der Autor selbst an Ort und Stelle und schreibt hinterher einen Text, der eigene Eindrücke und Fakten möglichst unterhaltsam und informativ miteinander verknüpft. Das gehört schon zur hohen Schule, liest sich dann aber auch wirklich klasse. Die letzte Anregung ist eigentlich keine Darstellungsform: Hintergrund und Service. Der Gedanke: Nicht jeder Leser hat Zeit, immer auf dem Laufenden zu bleiben. Um so dankbarer wird es aufgenommen, wenn jemand Geschehnisse zusammenfasst, Zahlen und Fakten sammelt und Listen erstellt. Solche Artikel gehören übrigens auch immer zu denen, die am ehesten verlinkt und als Lesezeichen abgespeichert werden. Team statt Einzelblogger Die meisten alten Medienprodukte entstehen im Team. Blogger bloggen meist allein. Und wenn sie im Team bloggen, dann bloggen sie oftmals gemeinsam allein. Was ich damit meine: Weblogs gestalten bislang selten, was sie tun. Sie verteilen die Last nicht auf mehreren Schultern. Sie "fahren" keine Themen. Das wäre so, als würde eine Tageszeitung nur von lauter freien Journalisten gemacht, bei denen jeder von den Themen der anderen aus der Zeitung erfährt. Es läuft aber anders: Eine Redaktion setzt sich zusammen, bespricht Themen, sammelt Ideen und verteilt dann Aufgaben. Am Ende bekommt der interessierte Leser viele Informationen und keine Dopplungen. Das Gesamtprodukt ist nützlicher und interessanter. Zudem findet der Leser die Artikel auch, weil sie gemeinsam auf einer Seite stehen oder der eine auf den anderen verweist und muss nicht erst mühsam danach suchen. Blogs könnten das auch, sogar besser. Technisch geht das sowieso, inhaltlich auch: Denn im Gegensatz zu den Journalisten in den Redaktionen werden Weblogs nicht selten von Experten auf ihrem Gebiet gemacht. Wer kann schon Rechtsfragen sicher beurteilen? Lawblogger aber gibt es einige. Außerdem Selbstständige, Designer, Autoren, Firmeninhaber und und und. In der Blogosphäre gibt es so ungeheuer viel Fachwissen und wertvolle Information, dass es manchmal richtig wehtut, dass es bislang so wenig gesehen und beachtet wird. Jan Tißler, Jahrgang 1973, ist Journalist und Blogger - beides aus Leidenschaft. Mit seinem neuesten Projekt "Upload - Magazin für digitales Publizieren" will er beides zusammenbringen. [MEHR]
Jan Schmidt hat uns mit "Wie ich blogge?!" die umfangreichste Studie zur Nutzung von Weblogs im deutschsprachigen Raum beschert. Er hat sich darüberhinaus auch genauer mit der Subspezies des "Politikbloggers" beschäftigt. Darüber sprach er mit Igor Schwarzmann in einem exklusiven Interview für die Blogpiloten. Blogpiloten: Kannst Du für uns zusammenfassen, was Deine Untersuchung ergeben hat? Jan Schmidt: Also, zunächst mal gibt es einen beträchtlichen Anteil von Bloggern, die als Autoren oder Leser an politischen Themen interessiert sind. Die Umfrage, die allerdings im strengen Sinn nicht statistisch repräsentativ ist, haben wir im Sommer 2006 durchgeführt: Da haben etwa ein Drittel der aktiven Blogger gesagt, dass sie (auch) über politische Themen schreiben - das waren zwar etwas weniger als im Oktober 2005 bei der ersten Welle, aber damals war die Bundestagswahl auch knapp vorbei. Etwa ein ähnlich hoher Anteil ist 2006 auch als Leser an politischen Themen interessiert (da haben wir leider keine Vergleichszahlen). Wir haben dann die soziodemographischen Merkmale dieser beiden Gruppen ermittelt und festgestellt, dass unter den "Politbloggern" Männer deutlich überrepräsentiert sind, ebenso wie ältere Personen (ab 30 Jahren aufwärts). Außerdem besteht ein Zusammenhang mit der formalen Bildung: je höher gebildet, desto eher Politblogger. D.h. von der Soziodemographie her handelt es sich bei den Politbloggern um eine Gruppe, die etwas vom "normalen" Bloggerprofil abweicht, denn generell sind ja Teenager und Frauen auch sehr aktiv beim Bloggen. Wir haben außerdem Fragen zum generellen politischen Engagement gestellt. Dabei kam raus, dass Blogger im Großen und Ganzen ein etwas höheres Maß an politischer Partizipation aufweisen. Das betrifft sowohl konventionelle Formen (Wählen gehen) als auch unkonventielle Formen (an einer Demonstration teilnehmen, in einer Bürgerinitiative mitarbeiten). Unter den Politbloggern sind die Anteile nochmal höher, d.h. hierbei handelt es sich um politisch sehr interessierte und aktive Personen. Zusammengefasst kann man aus unseren Studien also erkennen, dass Politblogger meistens Männer sind, etwas älter als der durchschnittliche Blogger und mit einer höheren Schulbildung, also meist Abitur und/oder Studium. Außerdem sind sie generell stärker politisch interessiert und engagiert als der Durchschnittsbürger. Blogpiloten: Können Politikblogger in Deutschland zu Multiplikatoren und Meinungsführern werden wie man das aus den USA kennt? Jan Schmidt: Ja. Allerdings sind sie noch nicht so weit wie in den USA. Etwas ausführlicher: Blogs ergänzen in meinen Augen den traditionellen (auch politischen) Journalismus, weil sie Themen aufgreifen, kommentieren und weiter verbreiten. Ich sehe durchaus das Potenzial, dass Blogger in Deutschland zu bestimmten Themen Anlaufstelle werden, wenn man sich über neue gesellschaftspolitische Entwicklungen informieren und Meinungen, Kommentare und Diskussionen verfolgen will. Die Frage ist, wie weit der Einfluss reichen kann - ein Meinungsführer innnerhalb der Blogosphäre hat ja trotzdem nur eine begrenzte Reichweite. Ich glaube aber, dass sich für bestimmte politische Themen (IT- & Datenschutz, Bürgerrechte, ...) durchaus politische Öffentlichkeiten in der Blogosphäre in Deutschland ausbilden werden, die sehr wichtig für den generellen Diskurs sein können. Netzpolitik.org ist da beispielsweise schon ein erster Anfang; im Moment sicher noch stark auf die Filterung und Verbreitung von Informationen konzentriert, aber das wird sich meiner Ansicht nach noch weiter entwickeln. Blogpiloten: Ein wenig wissenschaftlicher gefragt: Übernehmen Politikblogs - oder auch Blogs allgemein - eine Gatekeeping-Funktion? Jan Schmidt: Ja und nein. Ich sehe, dass (Polit)Blogs eine Filterfunktion übernehmen, insofern also auch Gatekeeping betreiben, aber die Mechanismen sind meines Erachtens etwas anders als im klassischen Journalismus: Im professionellen Journalismus ist es ja klassischerweise der einzelne Journalist oder die Redaktion (je nach Perspektive), die Gatekeeping betreibt und Informationen anhand bestimmter Relevanzkriterien/Nachrichtenfaktoren selektiert. Das verschwindet natürlich nicht, auch im Internet gibt es ja den professionellen Journalismus. Aber es entstehen im Web 2.0 auch neue Öffentlichkeiten, die an die "klassischen Öffentlichkeiten" andocken und sie weiter fortsetzen. Und dort greifen eben nicht mehr die herkömmlichen Relevanzkriterien (zumindest nicht mehr uneingeschränkt), sondern da wird nach persönlicher Relevanz entschieden, ob Nachrichten kommentiert und verbreitet werden. Bei Politbloggern sind nun wieder unterschiedliche Formen denkbar, gerade was den Anspruch an die eigene Publikationsform angeht; beispielsweise sind Politblogger denkbar, die vorrangig informieren möchten, während andere aktuelle Themen kommentieren wollen. Diese beiden Formen haben vermutlich jeweils andere Kriterien, nach denen sie Themen und Ereignisse aufgreifen. Hier ist vielleicht auch der Vergleich mit den USA aufschlussreich. In den USA hat sich die politische Blogosphere ja vor allem über zwei Schlüsselereignisse formiert: 1) den zweiten Irak-Krieg, als durch Blogs Informationen direkt aus dem Krisengebiet verfügbar wurden und sich eine kritische Öffentlichkeit gebildet hat. 2) die Präsidentschaftswahl 2004, als Blogs als Mittel zum Campaigning, zur schnellen Informationsweitergabe, zum Fundraising entdeckt wurden - aber gleichzeitig in den Blogs auch heftige Kämpfe zwischen den beiden ideologischen Lagern ausgefochten wurden. Vergleichbare Schlüsselereignisse haben wir in Deutschland bisher nicht gehabt. Dazu kommt, dass a) unser politisches System und b) unser Mediensystem anders strukturiert ist als das amerikanische. Anders und abstrakt gesagt: Das amerikanische politische System (mit stärkerem Fokus auf einzelnen Kandidaten als auf Parteien) und das Mediensystem (das viel kommerzialisierter ist und innerhalb dessen es weniger Möglichkeiten für unabhängige Informationen gibt, wie sie bei uns bspw. der öffentlich-rechtliche Rundfunk bietet) fördern das Entstehen der Blogosphäre als lebendige politische Öffentlichkeit in den USA. Ein dritter Faktor: Historisch-kulturell haben die USA eine starke Tradition des bürgerschaftlichen Engagements (da kann man bis zu den Schilderungen von Tocqueville zurückgehen). Das mag noch eine Rolle spielen, wobei ich mit kulturalistischen Erklärungen etwas vorsichtiger sein möchte; für mich sind die ersten beiden Faktoren (politisches System und Mediensystem) entscheidend. Blogpiloten: Nun ein wenig plakativ gefragt: Brauchen wir in Deutschland einen Irak-Krieg, damit Poltikblogger sich formieren können? Jan Schmidt: Ich hoffe nicht! Sagen wir mal so: Es gibt zwei Spielarten von Politikblogs, die ich oben ja für die USA skizziert habe - Politblogs als Gegenöffentlichkeit und Politblogs als Instrument des Campaigning - nicht nur, aber auch von Parteien und Kandidaten. Das zweite wird in Deutschland sicher bei den nächsten größeren Wahlen aktuell werden. Das erste (Gegenöffentlichkeit) sehe ich im Moment noch nicht so ausgeprägt (was aber ja, wie gesagt, auch mit unserem etwas anderen Mediensystem zu tun hat). Ich weiß auch nicht so recht, ob sich so etwas steuern oder gezielt aufbauen lässt, vermutlich passiert und entsteht es einfach irgendwann - am ehesten vermutlich in den Bereichen der Sicherheitspolitik, Datenschutz, Überwachung etc. Also dort, wo vielleicht nicht die großen Debatten geführt werden, an der sich die halbe Nation beteiligt, aber zumindest eine informierte und engagierte Gruppe (die Blogger) sich mit aktuellen politischen Entscheidungen und Tendenzen kritisch auseinandersetzt. Damit aber das Bloggen wirklich was bewegt, müsste eine Rückkopplung stattfinden: Entweder direkt an die Politik oder vermittelt über Massenmedien, die Themen und Meinungen aus den Blogs aufgreifen und so in die "öffentliche Meinung" einspeisen. Also: hoffentlich kein Irak-Krieg (oder Terroranschlag), sondern ein langsames "Emergieren" einer ausgeprägten politischen Blogosphäre. Blogpiloten: Wenn ich das richtige verstehe, siehst Du in (Politik)Blogs keine Massenmediumqualitäten? Jan Schmidt: Sagen wir mal so: Ein Blog, das von vielen Leuten gelesen wird, ist natürlich "Massenmedium" im Sinne einer hohen Reichweite. Aber es wird trotzdem anderen Selektionskriterien und Darstellungsformen folgen als professionell journalistisch hergestellte Angebote. Das Besondere von erfolgreichen Politblogs ist ja gerade, dass sie nicht das gleiche machen wie die Massenmedien, sondern a) über andere Themen schreiben, das b) auf eine andere Art und Weise tun (Fokus auf persönlicher Authentizität bspw.) und c) den "Rückkanal" zum Leser in Form von Kommentaren und weiterführenden Diskussionen in anderen Blogs haben. Nochmal anders gesagt: Erfolgreiche Politblogs, die großen amerikanischen Politblogs wie dailykos, littlegreenfootballs etc. allemal, haben natürlich eine Reichweite, die vermutlich zahlreiche Lokalzeitungen aus dem Feld schlägt. Aber um sie herum entstehen zusätzlich noch Diskussionen, Konversationen und Öffentlichkeiten, die die Massenmedien so nicht bereitstellen. Blogpiloten: Wir bedanken uns für das Interview, wünschen Jan einen schönen Urlaub und hoffen, dass er ihn nicht wegen dieses Gesprächs zu spät antreten muss. Jan Schmidt: Dankeschön – jetzt geht’s zum Zug.. :-) Igor Schwarzmann studiert Politikwissenschaft und ist an zahlreichen Weblogs als Autor beteiligt. Zu den bekanntesten dürfte medienrauschen.de zählen. [MEHR]
Fast alle Radiostationen verwerten inzwischen ihre Beiträge zwei Mal: im Radio und anschließend noch als Podcast. Zweitverwertungspodcasts also, die nur Interviews, Reportagen, Artikel etc.pp. bieten, die schon im Programm liefen. Die Frage ist: Was bedeutet das für Radiostationen, wenn die Nutzer per Podcast alles immer überall hören können? “Beiträge nochmal online stellen? Dadurch nehme ich mir doch selbst die Hörer weg.” - Tatsächlich: Warum sollte man das Radio zu einer bestimmten Uhrzeit einschalten, wenn die Inhalte jederzeit online zur Verfügung stehen? Nun, vielleicht einfach, weil man die Musik mag oder die Livesendungen gut findet. Und gerade kleine Stationen mit begrenztem Programm sollten sich fragen: Warum nicht Podcasts als ergänzendes Medium mit exklusiven Beiträge nutzen? Schließlich eignen sich Podcasts hervorragend als Marketinginstrument: Man bietet Hörern neue Inhalte mit Mehrwert, zum Beispiel indem man sie hinter die Kulissen des Radios blicken lässt. Ich finde es immer noch spannend zu erfahren, wie eine Sendung beim Radio produziert wird. “Was mit Medien“ etwa hat den Videopodcast, und wo die Jungs bei “Radio Kiepenkerl“ in Dülmen sind, da ist es amüsant und spannend zugleich. Und schließlich nutzen beide Medien denselben Kanal: Die Ohren. Radiowerbung funktioniert auch als als Podcasting-Datei. Aber auch Zweitverwertungspodcasts haben durchaus ihre Existenzberechtigung – kommen sie doch dem fragmentiertem Medienkonsum unserer Zeit entgegen: Jeder ist sein eigener Programmchef. Allein bei Youtube kann ich mir stundenlang mein eigenes Fernsehprogramm zusammenstellen und in den Staaten stellen die Sender auch vermehrt Streamingangebote ins Netz. Und führt das zu Hörerschwund, weil diese das Radio nicht mehr einschalten sondern nur noch Podcasts hören? Womöglich. Irgendwo muss der derbe Hörerschwund, mit dem die Radios in den letzten Jahren leben müssen, ja seine Ursache haben. Aber Podcasts allein sind es sicher nicht. Vielleicht haben eben immer weniger Menschen Spaß am Einheitsbrei der formatierten Radiolandschaft. Vielleicht gewinnt man aber durch das Bereitstellen von Serviceleistungen, die die Generation Ipod - unschönes Wort, aber es stimmt ja irgendwie - erwartet, gerade jene Zielgruppe junger Hörer, die den Radios doch allgemein flöten geht. Vielleicht hat man gerade durch Podcasts den Sendernamen im Ohr, verbindet etwas damit, kurz: wird neugierig auf das Angebot des Radiosenders. Die Frage sollte ja ohnehin nicht sein, ob Zweitverwertungspodcasts Gefahr oder Chance fürs Radio sind. Die Frage ist doch, ob Hörer nicht immer dringender eine Filterfunktion brauchen, die Podcasts erfüllen können. Und dass man sich nichts vergibt, wenn man Inhalte verschenkt, sollte vielleicht allmählich durchgedrungen sein. Skeptiker wird´s immer geben und Podcasting ist nicht für jeden Etwas - ebensowenig wie das Bloggen an sich. Interessant ist aber die Gegenbewegung, die es ab und an schon zu beobachten gibt: Da finden Podcasts den Weg zurück in Radio. Es wird spannend sein zu beobachten, wie wir damit umgehen werden. Ein Gast-Beitrag von Christian Spließ, Jahrgang 1975. Der Bibliotheksassistent studiert an der FH Köln und ist passionierter Podcast-Fan und -Macher. Er schreibt für diverse Weblogs und Online-Magazine. Zu hören ist er dienstags ab 20 Uhr beim Campus-Radio Due. [MEHR]
Als jemand, der sich ein klein bisschen für die alten und neuen Medien und insbesondere für "Das Internet" interessiert, muss man schon in einer recht tiefen, finsteren Höhle gelebt haben, um nichts von Second Life mitbekommen zu haben. Nicht nur, dass auf dieser neuen 3D-Plattform die Nutzerzahlen aktuell mit 20 Prozent pro Monat wachsen. Nahezu täglich kündigen große und kleine Unternehmen an, eine "Niederlassung" in dieser virtuellen Welt zu eröffnen. Adidas, BMG, Toyota, Reebok, MTV, Nissan, Werbeagenturen, Unternehmensberater, PR-Truppen ... Erinnert irgendwie an die späten 90er, als jeder Firmenboss davon überzeugt war, dass er jetzt eine Website haben MUSS - auch, wenn er noch nicht wusste, wozu. Hype! Ist Second Life also auch nur so ein Hype, von dem in zwei Jahren niemand mehr spricht? Ich glaube nicht. Second Life bringt etwas Neues ins Internet, etwas Neues, das auf einen echten Bedarf trifft. Beispiel Online-Shopping: Die Websites, die sich hochtrabend Web-Shops nennen, sind im Grunde nicht mehr als Kataloge. Einkaufen kann man damit, aber "shoppen gehen"? Männer, die diese Aussagen bezweifeln, sollten mal ihre Frauen zum Thema Shopping befragen. Zitat "Wenn es beim Shopping nur darum ginge, einzukaufen, hieße es 'Buying'!" Shops (und richtige Malls) in virtuellen Welten, werden das echte Shopping ins Netz bringen. Das sehe nicht nur ich so, dass meint auch IBM:
The essence of ecommerce today is built around the idea of catalogs. That’s very useful, it fits with the idea of Web pages and catalog pages, but most people don’t think of shopping in terms of catalogs and pages, but in terms of stores that they go into, meint IBM chief technology strategist Irving Wladawsky-Berger
Das ist aber nur eine - meiner Meinung nach allerdings sehr wichtige - Anwendungskategorie für diese neue Plattform. Die dreidimensionale Darstellung, die Anordnung von Informationen im Raum, Konzepte wie Nähe und Distanz sind in unserem Alltag in vielen Bereichen extrem wichtig. Das Internet ist bis heute aber wenig anderes als ein zweidimensionales Medium, das mehr mit gedruckten Informationen gemeinsam hat, als mit der realen Welt. Interaktivität und Hyperlinks ändern daran nichts. Sie sind im Gegenteil eher eine Hürde beim Verstehen der Online-Welt für ungeübte Anwender. Virtuelle Welten wie Second Life räumen einige dieser Hürden aus dem Weg. Sie machen es zum Beispiel möglich, die Angebote eines Unternehmens oder einer Institution zu erkunden, indem man "umhergeht" - und nicht blättert, sie bieten eine einfache, leicht verständliche Metapher für Online-Meetings usw. Mich haben diese Möglichkeiten schon Anfang 2005 fast erschlagen. Nur damals war es ungemein schwierig, jemand anderen davon zu überzeugen. Zu exotisch erschien diese Umgebung, zu verspielt. Das hat sich nun - mit Markteintritten von Unternehmen wie IBM, Dell, Reuters, Toyota, Sony BMG und ähnlichen - fast schlagartig geändert; frei nach dem Motto: "Wenn das interessant genug für Toyota ist, sollten wir uns das vielleicht auch einmal ansehen ..." Das ist aber nur der normale Herdentrieb. Dahinter steht trotzdem Substanz - etwas wirklich Neues, das in der Welt des Internets erschienen ist. Das haben inzwischen sogar kluge Kollegen aus der Nicht-Computer-Presse erkannt: so schreibt David Kirkpatrick von FORTUNE Magazine:
Second Life may be more important, longterm, than even this much publicity [from Starwood Hotels, Reuters, IBM, Adidas, Nissan etc.] would suggest. That's because what it really may represent is an alternative vision for how to interact with information and communicate over the Internet.
Meine Überzeugung ist es, dass Second Life tatsächlich ein erster Ausblick auf künftige Generationen des Internets ist. Die Vorzüge der 3D-Darstellung sowie der uns so altvertrauten Konzepte wie Nähe und Distanz sind für viele Anwendungszwecke einfach zu attraktiv, als dass man diese links liegen lassen kann. Das 2D Web ist nicht schlecht, aber für manche Anwendungen wie Online Shopping und Online Meetings (siehe oben) einfach zu beschränkt. Ich will damit nicht vorhersagen, dass Second Life das World Wide Web ersetzen wird. Sicherlich nicht. Zum einen ist es sicherlich nicht effizient, einen Großteil des Informationen, die heute im Internet zu finden sind, in 3D Form zu übertragen - es wäre oft auch kein Zusatznutzen. Das Web 3.D wird das alte Web (2.0) nicht ersetzen sondern ergänzen. Und es wird eng mit ihm verwoben werden. Diese künftige Web 3.D muss aber nicht Second Life heißen. Es ist unwahrscheinlich, dass ein proprietäres Produkt wie Second Life eine solche Position erreicht. Standards für Darstellung und Datenaustausch sind notwendig, die nicht in der Hand einer Firma sind. Und es mag andere Plattformen geben, die einfach besser sind als Second Life - was in mancher Hinsicht wirklich nicht schwierig ist. Andererseits darf man aber nicht die typischen Konzentrationseffekte in solchen Projekten vergessen (siehe auch hier). Wenn eine solche andere Plattform den Markt erobert, werden die Erfolgsprinzipien von Second Life aber weiter existieren. In weniger als 5 Jahren werden wir häufig nicht mehr einen Link anklicken, um eine andere Website (deutsch: Ort im Netz) aufzusuchen sondern uns dorthin "bewegen". Websites werden dann wirklich "Orte" im Netz sein, in einer virtuellen Welt. Ein Gast-Beitrag von Software-Entwickler Markus Breuer, Jahrgang 1960. Er lebt in Paderborn, wo er als Business Consultant arbeitet und als Technologie-Trüffelschwein bei der Elephant Seven AG einen neuen Geschäftsbereich mit aufbaut. Mehr von Markus Breuer gibt´s unter notizen.typepad.com/aus_der_provinz/ [MEHR]
"Suchen Sie eine ehrenhafte und erfüllende Tätigkeit? Dann werden Sie die gute Seele unserer Community! Wir sind ein aufstrebendes Garagenunternehmen aus Berlin-Mitte und kümmern uns hingebungsvoll um die Belange der Elite von Morgen. Das sind Ihre Aufgaben. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie sich vor allem um die folgenden drei Bereiche kümmern. Schützen Sie unsere Community. Wir sind eine gute Firma. Das ist nur nicht bei allen unseren Mitgliedern angekommen. Die stehen oft vor überlasteten Seiten. Das ist uns zu anstrengend stets zu erklären. Im Prinzip lassen wir die machen, was sie wollen. Das ist weniger anstrengend. Wir schreiben lieber lange sinnentleerte Beiträge in unserem Blog und moderieren Kommentare. Journalisten, Kritiker, Freunde werfen uns eine zu große Distanz zwischen Mitgliedern und Machern vor. Wir wissen zwar nicht, was das bringt, aber wir wollen eine stabilere Community. Sie sollen das erreichen. Schützen Sie unsere Firmengründer vor sich selbst. Durch kleine Missgeschicke und falschen Verständnis seitens der Presse, wirken unsere Vertreter suboptimal. Auch kleine Partygags werden ungerechtfertigt in die Nähe brauner Gruppierungen gerückt. Wie unschön. Unsere Investoren schätzen Geld, Klingeltöne und Zeitschriften, können mit unserer ausgeklügelten PR-Methode nichts anfangen. Ihre Aufgabe: Erklären Sie unseren Gründern den Zusammenhang zwischen Aussage und Wirkung in der Öffentlichkeit. Es ist so unschön falsch verstanden zu werden. Da hilft auch kein Gruscheln. Schützen Sie unsere Mitglieder vor sich selbst. Wir konnten unseren Mitgliedern die Wirkung des Internets noch nicht vermitteln. Wir haben schon viele schöne Partybilder gesehen. Wir haben auch schon Fälle persönlicher Demontage erlebt. Die Geschichte einer Jurastudentin aus Münster zum Beispiel. Auf einer befreundeten Internetplattform tritt sie die ekelige Geschichte ihrer Reise zu ihrer Online-Liebe in ein Nachbarland breit. Bei dieser Geschichte kommt niemand gut weg. Mit den Angaben dieser Geschichte lassen sich durch unsere Community die Beteiligten genau bestimmen. Ihre Aufgabe: Zeigen Sie unseren Mitgliedern, dass Gruscheln schön ist und was es bedeutet im Internet zu veröffentlichen. Unsere Community läuft super. Wir sind studentisch, hipp und unabhängig. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Ihnen. Teilzeitbewerbungen werden berücksichtigt. Haben Sie Interesse? Bitte schicken Sie uns Ihre Bewerbungen als private Nachricht. Bewerbungen mit Videos an ungewöhnlichen Drehorten werden bevorzugt behandelt." Diese Tischvorlage habe ich die Tage auf einer Regionalexpressfahrt skizziert. Vielleicht schenke ich den Entwurf dem StudiVZ. Vielleicht weise ich die Jurastudentin aus Münster darauf hin, dass jeder ihre Texte im Internet lesen kann; wirklich jeder. Vielleicht mache ich das auch nicht. Ein Gast-Beitrag von DANIEL FIENE, 1982 in Münster geboren. Lässt sich von seinem Geschichtsstudium durch Bloggen und Podcasten ablenken. Er macht "Was mit Medien", den wöchtenlichen Medienpodcast und ist bei Radiosendern in Düsseldorf und Münster tätig. [MEHR]
Brauchbare Kategorien zu finden, in die man große Informationsmengen zergliedern kann, ist eine ordentliche Herausforderung. In den Bibliotheken von etwa 180 Ländern der Erde wird beispielsweise die 1873 von Melvil Dewey eingeführte Dewey Decimal Classification (DDC) [1] verwendet. Sie ordnet alles Wißbare von 10 Hauptgruppen ausgehend, die sich in jeweils 10 Untergruppen verzweigen, deren jede wiederum in 10 Unteruntergruppen, undsoweiter. Ein Nachteil der DDC ist, dass für Ihre Nutzung Lizenzgebühren an die amerikanische Kongreßbibliothek zu entrichten sind [2], deren Folgekosten nicht absehbar sind. Mit der Digitalisierung kamen Suchmaschinen und Webkataloge und -Listen wie Yahoo!, für die eine eigene Redaktion handgesiebte lexikalische Ordnungen herzustellen versuchten. Was in welcher Abteilung untergebracht wird, ist allerdings für viele Nutzer nach wie vor schwer nachzuvollziehen. Suchmaschinen andererseits werfen Ergebniskonvolute aus, die oft ungenau sind oder aufwendige Nacharbeit erfordern. Nun haben wir eine neue Art der Nutzbarmachung von Information: Tagging [3]. Tagging heißt, Information nicht mehr nach vorgegebenen Kriterien zu strukturieren, sondern die Leute selbst über die Zuordnungen bestimmen zu lassen. Mit den zugehörigen anklickbaren Wortwolken (“tag clouds” [4]) haben die Tags gleich ein elegant benutzbares Symbol gefunden. In absehbarer Zeit könnten die anwachsenden Tag-Strukturen auch einen Suchmaschinen-Monolithen wie Google in etwas anderes verwandeln - oder ablösen. Durch die uneigennützig erstellten Zuordnungen und Bewertungen werden bestehende Informationskonvolute deutlich aufgewertet. Man wird sehen, ob die Nutzer es sich einfach gefallen lassen werden, wenn Google ihr Gemeinschaftswerk zu nutzen versucht, um für sich einfach weitere Werbeeinnahmen zu erwirtschaften.


[1] http://www.ddc-deutsch.de [2] http://www.oclc.org/dewey/versions/webdewey/ [3] http://de.wikipedia.org/wiki/Tagging [4] http://de.wikipedia.org/wiki/Wortwolke

Ein Gast-Beitrag von PETER GLASER, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin. Mitglied des Chaos Computer Clubs (alter Datenadel). Für Titelerzeuung seines Buchs 'Geschichte von Nichts' 2002 mit dem Ingeborg Bachmann-Preis ausgezeichnet. [MEHR]
Der YouTube-Hype, den Google jetzt mit dem Kauf adelt, ist mir ein Rätsel: Das ist doch nicht Web 2.0, sondern höchstens 1.05. YouTube ist in Sachen Usability nicht weiter als Amazon 1998(*). Acht Jahre Stillstand. Und der Rest der neuen Web-Welle ist ebenfalls kaum zu benutzen. Zwischendurch blitzen mal Hoffnungsschimmer auf: z.B. „riya Visual Search“(**), Betaversion einer Bilder-Suche und -Community. Die lässt einen ziemlich fix durch Bildmassen browsen (***). Das ist dann vielleicht schon Web 1.3. Aber weiter sind wir noch nicht. (*)Screenshot von Amazon 1998 in der Wayback-Machine: hier (**) http://www.riya.com (***) Beispielseite fürs Browsen über Icon-Leisten: hier Ein Gast-Beitrag von Niels Boeing, Boeing ist Technikjournalist und Blogger bei Technology Review online
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 später
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