Über datengetriebenes Campaigning: Die Daten der Demokraten

Seit der Wiederwahl von Obama gilt datengetriebenes Campaigning in den USA als Faktor für den Erfolg bei Wahlen. Gab es im Vorwahlkampf nun einen Datendiebstahl?

Während sich Hillary Clinton, Bernie Sanders und Martin O‘Malley auf die dritte TV-Debatte der demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten vorbereiteten, entwickelte sich in der innerparteilichen Auseinandersetzung ein Nebenkriegsschauplatz: Verantwortliche aus dem Team von Sanders hatten unberechtigter Weise Zugriff auf Datenmaterial der Clinton-Kampagne. Diese Episode wirft ein Schlaglicht auf die Bedeutung, die die Vermessung der Wählerschaft für die Kampagnenführung haben kann. Und freilich markiert der Vorfall einige Probleme des “computational campaign management”.

Die Berichterstattung über die Relevanz digitaler Wahlkampfinstrumente für Obamas erfolgreiche Kampagnen war von Beginn an überschwenglich; 2012 geriet sie dann zur Mythologisierung: In einer “Höhle” in Obamas Hauptquartier hausten demnach Hipster-Nerds, deren technologische Raffinesse dem Amtsinhaber die Wiederwahl sicherten. Vor allem durch diverse Datenerhebungsverfahren gespeiste Modelle der Wählerschaft ermöglichten ein exaktes Micro-Targeting potenzieller Spender, Influencer und schließlich Wähler sowie die punktgenaue Verausgabung der finanziellen und organisatorischen Ressourcen. Denn das Profil der Wähler steuerte nicht nur zielgruppenspezifische Mailings, sondern auch den Einsatz von Freiwilligen, die von Tür zu Tür zogen und Sympathisanten zur Stimmabgabe mobilisierten.

Sanders Blick über die Firewall

Nachdem der linke Außenseiter Bernie Sanders bei der Mobilisierung von Unterstützung im Vorwahlkampf gegen die Favoritin Hillary Clinton Achtungserfolge erzielen konnte, spielen nun diese Aspekte bereits im Kampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur eine erhebliche Rolle. Dabei stützen sich beide Kampagnen auf eine beständig aktualisierte Datenbank der Demokratischen Partei (Democratic National Committee – DNC).

Dies hat damit zu tun, dass sich Bürger zur Teilnahme an den Vorwahlen als Unterstützer der Demokraten registrieren. Insofern setzen die Anwendungen der innerparteilichen Konkurrenten also auf der gleichen Plattform des Dienstleisters NGP VAN auf und sind dort durch technische Vorkehrungen voneinander getrennt: “Das Unternehmen pflegt eine Stammwählerliste für das DNC und verleiht diese an nationale und staatliche Kampagnen, die dann ihre eigenen, geschützten Informationen, gesammelt von Außendienstmitarbeitern und Freiwilligen, hinzufügen.”

Ein Fehler ermöglichte nun Zugangsberechtigten von Seiten Sanders einen kurzen Einblick in das Datenmaterial der Clinton-Kampagne. Seitens NGP VAN wurde protokolliert, dass diese Gelegenheit auch dazu genutzt wurde, betreffende Daten zu sichern. Die Demokratische Partei reagierte darauf mit einer drakonischen Maßnahme und entzog Sanders den Zugriff auf die Datenbank. Dagegen wehrte sich Sanders mit juristischen Mitteln und erreichte eine Einigung, die seiner Kampagne wieder Zugang zur Partei-Plattform gewährt.

Kritische Kollaboration

In der Auseinandersetzung um den Vorfall argumentierten beide Lager mit der immensen Bedeutung der Daten wie die Formulierungen von Clintons Kampagnen-Manager Robby Mook und Sanders Kampagnen-Manager Jeff Weaver verdeutlichen: “Mook sagte, dass die in den Datenbanken gespeicherten Informationen ‘fundamentale Teile von unserer Strategie’ beinhalten. Weaver (…) sagte, dass die Partei Sanders Team vom ‘Lebensnerv jeglicher Kampagne’ abgegrenzt hat.”

Die Sanders-Kampagne bezifferte den Verlust, der in diesem Zusammenhang unter anderem im Bereich des Fundraising entstehe auf 600.000 US-Dollar pro Tag. Vor dem Hintergrund dieser Angaben liegt es nahe, auch die Rolle des Dienstleisters als Gatekeeper zu problematisieren. Dass nahezu jede Kampagne eines demokratischen Bewerbers in den USA auf NGP VAN vertraut, ist eine strategische Entscheidung, betont Nancy Scola: “Es ist eine Glaubensfrage unter den demokratischen Parteimitgliedern, dass sie mit Hilfe von Shareware und anderen Dateninformationen Vorteile gegenüber den Republikanern erlangen, die sich an einem weitaus kleineren Set an Softwareanbietern bedienen.”

American Exceptionalism?

Wer nach der Relevanz dieser Episode für Parteidemokratien fragt, braucht selbst in Europa nicht weit zu blicken. Der Überraschungserfolg des Linken Jeremy Corbyn bei der Wahl zum Vorsitzenden der Labour-Partei, war unter anderem auch datengetrieben:

Die Geheimwaffe des digitalen Teams war der leise sprechende junge Technik-Experte Ben Soffa. (…) Soffa entwickelte eine App – unter Nutzung von NationalBuilder, einer Software, welche die amerikanische Politik organisiert – die es Freiwilligen erlaubt, vom eigenen Heim aus Anrufe zu potenziellen Unterstützern zu tätigen. Die App beinhaltet Informationen über eine individuelle Labour-Mitgliedschaft, in welchem Wählerkreis sie lebten und die Daten ihrer Wahlkampfgeschichte. Freiwillige sollen hiermit einige Fragen verfolgen, deren Antworten durch das Team von Soffa mit der App gekoppelt sind.

Dabei stützte sich die Corbyn-Kampagne auf Daten der Parteiorganisation und konnte Sympathisanten zu Wählern machen, denn nicht nur Parteimitglieder waren wahlberechtigt.

Dies mag in Deutschland auf den ersten Blick undenkbar sein, aber vor einigen Jahren brachte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel für die Kür des Kanzlerkandidaten seiner Partei schon einmal Vorwahlen nach US-Vorbild ins Gespräch. Auch hier wäre also der Zugriff auf die Datensammlungen der Partei für alle Bewerber gleichermaßen zu gewährleisten. Dass beispielsweise E-Mail-Adressen von Sympathisanten von besonderen Bedeutung sind, scheint sich jedenfalls schon bis zu den Volksparteien herumgesprochen zu haben. Im Kontext der Bemühungen zur Modernisierung der Parteiarbeit haben CDU und die von Obamas Wahlkampfstrategie Jim Messina für die nächste Bundestagswahl beratene SPD erst kürzlich die Erhebung von E-Mail-Adressen zum zentralen Bestandteil ihrer Websites gemacht.


Image “Top Three 2016 Democratic Candidates” by DonkeyHotey (CC BY-SA 2.0)


 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,
Erik Meyer

Erik Meyer

ist Politikwissenschaftler und arbeitet freiberuflich als Online-Redakteur sowie Dozent in der politischen und beruflichen Weiterbildung. Zu seinen Schwerpunkten zählt Erinnerungskultur 2.0, Netzpolitik und politische Online-Kommunikation.

More Posts - Website - Twitter - Facebook - Google Plus