Buzzriders — Demokratisierung der Medien im Lokalen

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Robert Basic arbeitet derzeit mit einer Schar von Mitstreitern an seinem neuen Projekt Buzzriders. Im Interview mit den Blogpiloten erklärt er, wie Buzzriders die Demokratisierung der Medien vor allem für das Lokale und das Sublokale unterstützen will und welche Philiosophie insgesamt hinter dem Projekt stehen wird.

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Blogpiloten: Mit Deinem Projekt Buzzriders hast Du vor, zusammen mit vielen vielen anderen in einem offenen Entwicklungsprozess ein neues Onlineportal aufzuziehen. Eines der Ziele dabei ist es, das Internet zu lokalisieren. Was genau ist damit gemeint?
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Grundidee ist, das weltweite Internet und dessen Werkzeuge soweit herunterzubrechen, dass man Lokales virtuell in seiner Vielfalt – nämlich Menschen, Themen und Plätze – erleben und sich untereinander informieren kann. Wenn sich heute ein User fragt, wo er auf lokaler Ebene Menschen kennenlernen, sich lokal erkundigen und sich lokal austauschen kann, dann gibt es keine etablierte Antwort darauf. Er wird viele, verschiedenste Lösungen (= Webseiten) vorfinden, meistens mit absolut begrenzter, geografischer Reichweite. In jeder Region wird man andere Empfehlungen bekommen, welche Seite man aufsuchen soll. Wenn überhaupt. Bis heute existiert in Deutschland keine Webseite, die ähnlich eBay (= Verkaufen), Amazon (= Kaufen) oder Google (= Suchen) bundesweit so populär ist, wenn es um diese lokale Ausrichtung geht. Egal, ob man in Flensburg auf die Idee kommt oder auf der Zugspitze. Ziel ist demnach, im Kopf der Kunden Buzzriders mit Lokalem zu verknüpfen. Wenn das gelingt, haben wir es geschafft. Wenn es nur so einfach wäre :)
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Blogpiloten: Die „vor-Ort-Tagesschau“ ist eine weitere Idee bei Buzzriders. Dabei geht es um eine kurze und knackige Zusammenfassung über das, was in einer Region, einer Straße, einem Ort passiert ist. Tagesschau-ähnliche Formate sind ja auf den Websites von Regionalzeitungen insgesamt eher gescheitert. Wie wollt ihr das Thema anpacken?
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Die Idee dahinter ist zunächst einmal klar. Kurz und knackig über eine visuelle Form das wichtigste vom lokalen Tagesgeschehen zu vermitteln. Neben weiteren Möglichkeiten wie Text und Bildern. Wir haben die konkrete Ausgestaltung noch nicht ausdekliniert, aber es geht in die Richtung, dass es die Bürger selbst tun können und wollen. Emfpangen wollen viele. Senden natürlich weniger. Aber es brauchte noch nie viele, um Seiten wie YouTube oder Wikipedia zu befüllen. Solange man den Menschen nicht im Wege steht und sie nicht reguliert in ihrer Vielfätligkeit. Hintergrund ist, dass Lokales durch eine unglaubliche, kulturelle Vielfalt geprägt wird, nicht nur in Deutschland. Dementsprechend sind auch die Menschen unterschiedlich, lokal eigen. Wenn Du nun auf einer Seite wie Buzzriders völlig verschiedene Menschen auf ihre Art und Weise inkl. Dialekt die Nachrichten senden lässt, wird das alleine ein Stück weit zur Faszination beitragen. Nicht einer sendet vor Ort, sondern es können mehrere sein. Die Schwäche der Zeitungen war und ist, dass sie der Vielfalt nie gerecht werden konnten, sowohl inhaltlich als auch vom Stil der Sendeform her. Geschweige denn vom Budget und den Ressourcen her.
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Blogpiloten: Mit der readers-edition gab es 2006 ja auch mal einen Versuch, ein von Nutzern mit Inhalten bestücktes Portal aufzuziehen, das auch von den Nutzern selbst verwaltet wurde. Ich war damals beim Launch mit dabei und einer der „Moderatoren“. Die Erfahrung war, dass das mit der Selbststeuerung des Projekts durch die Schreiberlinge eine harte Nuss war. Warum bist Du optimistisch, dass das bei Buzzriders klappen wird?
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Buzzriders ist von Beginn an so aufgezogen, dass es nicht von einigen wenigen Personen geprägt und ausgestaltet wird, sondern durch viele Hände und Köpfe geht. Exakt das gleiche System bzw. die gleiche Haltung wird sich auch demnach auf der Seite widerspiegeln, wenn es die Kunden = User in die Hand bekommen. Readers Edition war von Beginn an imho sehr von oben herab reguliert, man fuhr eine bestimmte Linie, bezog zu wenig die Menschen da draußen ein. Nur muss man fairerweise dazu sagen, dass Buzzriders nicht ein bloßes Nachrichtenportal werden will. Erstens muss man sich dazu ein Bild machen wollen, was eine Nachricht im journalistischen Sinne ist. Zweitens muss man entscheiden, ob man klassischen Denkmustern der Nachrichtenbranche folgen möchte. Drittens will Buzzriders mehr als nur Nachrichten senden, will Lokales im Netz erlebbar machen. Was weitaus mehr ist, als über den blutigen Unfall um die Ecke zu berichten. Ein Vergleich mit Readers Edition hinkt demnach. Aber anyway. Gehen wir auf die Frage ein, was Nachrichten sind und was uns von Readers Edition nachrichtlich unterscheidet.
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Die Idee selbst, Bürger zu Wort kommen zu lassen, war und ist nach wie vor grandios. Nur: es ist ein Unterschied, ob Du Bürger zum Wort beglücken willst oder es sie selbst suchen und finden lässt. Ob Du ihnen vorschreibst, was es wert ist, gesendet zu werden oder sie selbst den Wert bestimmen und sie selbst senden lassen möchtest.
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Mehr noch: Der Prozess, ob ein Ereignis von (wenigen=) Journalisten gefiltert, gewichtet und gesendet werden soll, wird ersetzt durch einen neuen Prozess. Es bestehen im Zeitalter des Internets und der damit einhergehenden Kollaborationspotentiale zunehmend weniger wertschöpfende Notwendigkeiten, dass Journalisten – als Kontrolleure der Realität – Geschehnisse filtern und nur einen Ausschnitt davon den Empfängern präsentieren. Wir lernen zunehmend, mit der gesamten Menge an Ereignissen umzugehen, diese 1:1 zunächst digital zu erfassen und weiterzugeben. Während die Empfänger umgekehrt immer besser – auch und gerade maschinell immer besser unterstützt – lernen, aus dem immer kompletteren Informationsstrom der Realität Ereignisse selbst herauszugreifen, mit wertenden Informationen anzureichern, wo auch immer man diese findet. Das bedeutet auch, dass die Definition, was eine Nachricht sein soll und dass ein Journalist dieser Nachricht einen Wert mitgibt (über den faktischen Vorgang des Sendens), langsam aber sicher aufgelöst wird.
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Die Zeit in der wir uns befinden, kann man unter einem bestimmten Blickpunkt auch als die „Zeit der Demokratisierung der Medien“ bezeichnen. Ich habe keinen Zweifel, dass das kurze Zeitalter der „alten Medien“ – wenige verarbeiten und senden wenig – durch ein Zeitalter der „neuen Medien“ – viele senden viel – ersetzt wird. Ob eines Tages jeder senden und empfangen kann und will? Ob es zu 100 % so sein wird, weiß ich nicht, aber wir bewegen uns definitiv weg vom „0,01 % senden, 100 % hören zu“.
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Man denke dabei an eine interessante Analogie: Früher schnitten wir das Eis aus den Seen und brachten es zu den Kunden. Dann kamen die Eisfabriken. Heute gewährleisten wir die Kühlung zu Hause. Produktionsmittel kommen immer näher zum Kunden. Warum sollte man dieses Prinzip nicht auch für die Informationswelt denken, sich über Ereignisse selbst zu informieren und umgekehrt diese selbst zu produzieren? Statt dass es große „Kühlfirmen“ für einen tun?
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Kommen wir zum Abschluss des langen Gedankens, warum Bürger-generierte Nachrichten (verstanden als Produktion von digitalisierten Wirklichkeiten) auf Buzzriders eine größere Chance haben als auf Readers Edition: Mit Buzzriders schaffen wir Möglichkeiten, sich über Menschen, Plätze und Themen auszutauschen. Abstrakt betrachtet sind das Informationscontainer, die mit Inhaltsobjekten befüllt und abgerufen werden können. Zugleich generieren sie Anlässe und Motivationen vielfältiger Art, um einen nachrichtlichen Austausch in Gang zu setzen.
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Blogpiloten: Welche Rolle spielt Deiner Ansicht nach die Tatsache, dass seit 2006 einfach wahnsinnig viel im Web auch in den Köpfen der User passiert ist und sich die Ahnung weiter durchgesetzt hat, dass das Internet „Gesellschaft abbildet“ und wir als User besser verstehen, wie das Leben und Kommunizieren im und mit dem Netz funktionieren?
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Wir haben nun 20 Jahre Zeit gehabt, das Internet zu nutzen. Wie man Nachrichten verschickt, und warum. Wie man einkauft. Wie man sich kennenlernt. Wie man sich vernetzt. Soziale Netzwerke (damit meinst Du wohl das Jahr 2006) haben ein eigenes Element eingebracht, auch eine sehr menschliche Komponente öffentlich in den Vordergrund zu stellen, womit immer mehr Internetnutzer umzugehen lernen (natürlich lernt man auch mit dem Thema „Partybilder“ vermehrt umzugehen). Tag für Tag, Jahr für Jahr haben wir den Erfahrungsschatz vergrößert und zugleich um neue Anwendungsszenarien erweitert. Stück für Stück entdecken wir, was wir damit noch alles tun können. Wir digitalisieren nicht nur menschliche Kommunikation, sondern immer umfänglicher unser soziales Verhalten. Womit wir aber immer noch angesichts denkbarer Szenarien erst am Anfang stehen.
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Wir Mensch wurden als Organismus dazu geschaffen, uns an unsere Umwelt anzupassen und sich diese sogar zurechtzuschnitzen, wo und wann es sein muss. Wir haben nicht nur gelernt, Energiequellen gezielt einzusetzen, um Lebensumstände zu verbessern, sondern auch, dass wir nicht alles mittels unserer biologisch vorgegebenen Physiognomie lösen müssen („Werkzeuge u. Maschinen“).
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Ich zweifle nicht einmal eine Sekunde daran, dass wir nach den gleichen, uns gegebenen Verhaltensmustern als selbstorganisierende Überlebenswesen Informationstechnologien und als eine Ausprägung davon das Netz uns zu eigen machen bzw. es uns zu eigen machen werden. So haben wir demnach schon längst die Frage, ob das Netz die Gesellschaft abbildet und verändert, beantwortet. Dieses weltumspannende Kommunikationsnetz verbindet uns als Wesen mehr denn je in unserer Geschichte. Niemals zuvor konnten wir dermaßen übergreifend miteinander in Kontakt treten. Und zugleich erhöhen wir damit unser Lerntempo, vergrößern unseren Erfahrungshorizont.
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So eigen uns das selbstbestimmende Element als Organismus ist, die eigene Umwelt formen zu könne, so eigen ist uns zugleich unser Intellekt, Voraussagen zu treffen, wo und was wann passieren wird, wenn wir an diesem großen Rad drehen. Ich nehme lediglich an, dass wir das Netz für Lokales zunehmend nutzen werden, weiß aber ebenso wenig wie andere, was es sein wird und wie es aussehen wird. Mit Buzzriders greifen wir diese Ahnung auf, geben ihr eine Form, in der Hoffnung, künftigen Tendenzen Vorschub zu leisten. Die schon längst im Jetzt angekommen sind.
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Blogpiloten: Welchen Traum verbindest Du mit dem Buzzriders-Projekt? Sprich: Was wünschst Du Dir persönlich und (großes Wort) „gesellschaftlich“, wenn das Projekt live gegangen ist?
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Zu Beginn des Projekts habe ich mich geschämt, meine eigenen Wünsche damit in Verbindung zu setzen. Zu menschlich, zu schön um wahr zu sein erscheint mir diese Vorstellung. Aber in der Tat, mit Buzzriders hoffe ich ein Stück weit, die realen Anonymitäten einer Großstadt (und nicht nur dort) zu überbrücken, wo wir keine Brücken mehr im Physischen finden. Sollte dies dazu führen, dass sich gerade und insbesondere – um ein exaltiertes Beispiel zu nennen – zum Fest der Besinnlichkeit der Alleinstehende, Einsame, Unglückliche dennoch freuen kann, weil es andere gibt, um sich vor Ort einander zu finden und zu wärmen, dann hat Buzzriders seinen Sinn gehabt. Wenn die Nachbarn eine Straße mit Tischen, Kaffee und Kuchen pflastern, um Vorbeigehende (früher nicht Hinschauende) von Angesicht zu Angesicht am Tisch kennenzulernen, dann hat Buzrriders ein Stück weit Menschlichkeit an Orte gebracht, wo wir an dem zweifeln, was uns in modernen Gesellschaften immer weniger ausmacht. Als Mensch. Ja, Buzzriders ist nicht, will nicht ein webzwonulliges Trafficprojekt sein, nicht wenn es nach mir alleine gehen würde, sondern ein Menschprojekt.
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Blogpiloten: Apropos: Gibt es schon einen konkreten Launchtermin?
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Die erste, sehr frühe Alpha steht bereits, aber noch nicht wesentliche Grundelemente. Meine Hoffnung ist, dass wir dieses Jahr eine komplette Alpha zeigen können, dass Buzzriders im Groben deutlich werden lässt.

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Steffen Büffel

Steffen Büffel

ist freiberuflich als Medien- & Verlagsberater, Trainer und Medienwissenschaftler tätig. Schwerpunkte: Crossmedia, Social Media und E-Learning. Seine Blogheimat ist der media-ocean. Außerdem ist er einer der Gründer der hardbloggingscientists.

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