Bürgermeister schauen nach Konzepten außerhalb der Stadtgrenze

Heutzutage sind Bürgermeister Botschafter des guten Willens, wirtschaftliche Schlichter und Vertreter des globalen Wandels. Als unser lieber Kollege und Mitbegründer des “Initiative für Städte”-Programms an der Universität von Boston, der ehemalige Bostoner Bürgermeister Tom Menino verstarb, erreichten uns viele Briefe in unseren Büros an der Universität von Boston. Ein inniges Beileid aus vielen Vierteln Bostons – Hyde Park, Roslindale, Dorchester – war erwartet worden. Aber die Briefe und liebevollen Erinnerungen von Staatsoberhäuptern, Gouverneuren, Botschaftern und zahllosen in- und ausländischen Bürgermeistern überraschten uns. Beide waren ein Testament für den Mann und den Anführer, zu dem er wurde, und eine Erinnerung, dass moderne Bürgermeister mehr als Helden ihrer Heimatstadt sind.

Meisterhafte Netzwerker im In- und Ausland

Die Bürgermeister sind heutzutage enger miteinander vernetzt, als es sich ihre Wähler vorstellen können.

Hier in den Vereinigten Staaten umfassen die nationalen Mitgliedsorganisationen für lokal gewählte Amtspersonen sowohl die United States Conference Of Mayors (USCM) als auch die National League Of Cities (NLC). Jeweils in den Jahren 1933 und 1926 gegründet, dienen beide als Lobbyisten auf Bundesebene und als Veranstalter und Abrechnungsstelle für Best-Practice-Methoden, obwohl sie sich im Aufbau ihrer Mitgliederstrukturen unterscheiden.

Die beeindruckenden Kameradschafts- und Verwandtschaftsbeziehungen, die es zwischen den Bürgermeistern gibt, werden auf diesen nationalen Konferenzen zur Schau gestellt, wobei informelle Gespräche unter vier Augen, das Netzwerken sowie die Beratung der Kollegen, gleichsam Teile des Tagesprogramms wie formale Präsentationen sind.

Die globale Zusammenarbeit zwischen Städten ist zudem nichts Neues. Es gibt hunderte von globalen Netzwerken, die Städte mit gemeinsamen Interessen und Zielen miteinander verbinden.

Das Partnerstadtprogramm wurde zum Beispiel durch den US-Präsidenten Dwight Eisenhower im Jahre 1956 gegründet und basierte auf der Vorstellung, dass die formale Bindung zwischen Städten über die Kontinente hinweg das kulturelle Verständnis fördert. Der Austausch zwischen Partnerstädten wurde über die Jahrzehnte fortgeführt. Die United Cities And Local Governments (UCLG) geht heute davon aus, dass 70 Prozent der Städte und ihrer Verbände an internationalen Partnerstadtprogrammen teilnehmen.

Die themenbezogenen Netzwerke sind eine mehr zeitgenössische Sache, die Themen von der Gegnerschaft zu Kernwaffen, zur Gegnerschaft zu Schusswaffen bis zu der Förderung von Kultur und Handel abbilden.

Am University College London zeigte Michele Acuto in seiner wissenschaftlichen Veröffentlichung “Stadtführung und Lokale Regierung” aus dem Jahr 2013 auf, dass es die Gegnerschaft zur nuklearen Aufrüstung war, die zur Gründung des weltweiten Netzwerks “Bürgermeister für den Frieden” im Jahre 1982 führte.

In den Vereinigten Staaten fanden die Bürgermeister Menino und Bloomberg, und hunderte ihrer Kollegen, ein gemeinsames Ziel um die Gewalt durch Schusswaffen zu bekämpfen und zu mindern und gründeten im Jahre 2006 “Bürgermeister gegen illegale Schusswaffen”.

Aber es war die Umwelt, die ein beständiges, katalysierendes Problem war.

Wie Acuto hervorhob, sind die Vereinten Nationen ein entscheidender Befürworter der Betrachtung der Umweltproblematik auf urbaner und lokaler Ebene. Heute gibt es eine Fülle von kommunalen Netzwerkern, die sich dem Klimawandel und der Nachhaltigkeit widmen: von dem weltweit aktiven International Council For Local Environmental Initiative (ICLEI) bis zu dem EU-zentrierten Konvent der Bürgermeister.

Ein in der Öffentlichkeit stehendes Beispiel ist C40, ein weltweites Netzwerk von Städten, das von Londons Bürgermeister im Jahre 2005 ins Leben gerufen wurde und sich gezielt für die Reduzierung von Treibhausgasen verpflichtete. Ursprünglich war C40 eine Zusammenkunft von sogenannten Megastädten – Städte mit einer Bevölkerung von über 10 Millionen Einwohnern – inzwischen ist die Mitgliedschaft auf 80 Städte angewachsen, inklusive 12 Städte aus den USA.

Das wohl neueste Bürgermeisternetzwerk ist das globale Parlament der Bürgermeister und das geistige Produkt von Ben Barber, einem Politiktheoretiker der City University von New York. Eine globale, selbstregierende Organisation, die vergleichbar mit der Konferenz der Bürgermeister ist (und tatsächlich damit verbunden) und sich agnostisch bei Problemen verhält und alle Bürgermeister ohne Bezug auf deren Prioritäten in der Politik begrüßt.

Aber eine kritische und wenig erforschte Frage bleibt: Wann sind diese Maßnahmen erfolgreich und warum? Unsere Forschung blickt auf eine eng verwandte Frage: Wie sehen die Beziehungen zwischen den Bürgermeistern selbst aus?

Eine Gemeinschaft der gegenseitigen Bewunderung

In einer Studie über die Bürgermeister in den Vereinigten Staaten, die wir im letzten Jahr an der Universität von Boston mit meinen Kollegen Katherine Levine Einstein und David Glick durchführten, fragten wir Bürgermeister nach ihrer Hauptquelle bei der Informationsbeschaffung für ihre Politik, nach Städten, bei denen sie nach Konzepten suchten, nach bestimmten Konzepten, die sie übernahmen und nach ihren Arbeitsbeziehungen.

Wenn Nachahmung die ehrlichste Form der Schmeichelei ist, dann strahlen Bürgermeister in gegenseitiger Bewunderung. Anders als Geschäftsführer sind Bürgermeister begeisterte Nachahmer und ahmen eher Verbündeten denn heftigen Konkurrenten nach.

Nur von in ihrem eigenen Stab übertroffen, verlassen sich Bürgermeister auf andere Bürgermeister bei der Informationsbeschaffung für die Politik. Gleichzeitig liegen ihre stärksten Arbeitsbeziehungen in denen mit den umliegenden Städten. Diese werden nur von den Arbeitsbeziehungen zur Geschäftswelt übertroffen.

Wenn sie konkret nach den Namen von Städten gefragt werden, wo sie ihre Konzepte und zudem die Art der Maßnahmen, die sie von anderen Städten übernahmen, gefunden haben, schrieb jeder Bürgermeister mit Leichtigkeit eine Liste. Die Bereitschaft der Bürgermeister Bindungen jenseits der Stadtgrenze und oft weiter als die unmittelbaren Sorgen der Wählerschaft zu schaffen, ist bezeichnend.

Was ist ihre Motivation für das regionale, nationale und weltweite Netzwerken? Wir würden behaupten, dass der Kontakt mit guten Konzepten, die in der Heimat nachhallen könnten, die bürgermeisterlichen Kooperationen weiter anregen.

Nach bestem Wissen ist unsere Studie mit US-amerikanischen Bürgermeistern, die wir kürzlich als Menino-Bürgermeisterstudie Bürgermeister Menino widmeten, die einzige mit dem systematischen Ansatz, eine repräsentative Stichprobe von Bürgermeistern und den Quellen ihrer Inspiration und den spezifischen Konzepten, die sie von ihren Kollegen übernahmen, zu erheben.

Tatsächlich waren die Bürgermeister, mit denen wir sprachen, äußert begierig die Ergebnisse dieser Studie kennenzulernen, da diese die einzigen Fragen beinhaltete, die wir in den Menino-Studien von 2014 und 2015 wiederholten. (Die Ergebnisse der Studie von 2015 werden am Treffen der “Konferenz der Bürgermeister der Vereinigten Staaten” im Januar 2016 herausgegeben)

Welche Konzepte überschreiten die Grenze?

Die geliehenen Konzepte rangieren dabei von großformatigen Investitionen wie in Nahverkehrsprojekt wie den Bus-Rapid-Transit (bei dem Busse ausschließlich auf speziellen Busstrassen fahren) und erhöhten Parks bis zu bescheideneren Anstrengungen, wie den Treffen von Bürgermeistern aus der Region oder Sommerarbeitsprogramme für Jugendliche.

Vielleicht war es jedoch wichtiger, dass wir herausfanden, dass jene Städte bei denen US-amerikanische Bürgermeister nach Konzepten suchen, sich enorm in der Größe der Stadt, in der Parteizugehörigkeit des Bürgermeisters und im Reichtum der Stadt, unterscheiden und sowohl inländische als auch ausländische Städte von Boston zu Dublin bis Hyderabad mit einschließen.

Unsere Studie zeigte interessanterweise, dass es keine einzige Stadt gibt, die überproportional die Politikkonzepte der Bürgermeister beeinflusst.

Eine weitere Frage bleibt: Können Städte und Bürgermeister erreichen, was die Nationalstaaten nicht können?

Die Zusicherung der Städte den Klimawandel zu bekämpfen – so auch der recht neue Bürgermeisterpakt – beinhaltet enorme Versprechen, die der Rolle, die die Städte bei den Emissionen spielen, entsprechen. Jedoch könnte es schwierig sein, die Wirkung dieser Versprechen ohne bessere Werkzeuge zur Feststellung der Reduktion von Emissionen, zu messen.

Wie bereits eine weitere Kollegin der Universität von Boston, Lucy Hutyra, mit ihren Kollegen in einem kürzlich erschienenen Kommentar im Nature-Magazin herausstellte, ist die Setzung von Emissionszielen nur ein erster Schritt. Sie und ihre Mitautoren argumentieren, dass Städte umfangreiche und vergleichbare lokale Emissionsdaten und Werkzeuge brauchen, die das Kartieren von Emissionen auf genauere Maßstäbe von Raum und Zeit ermöglichen und die die menschliche Dimension bei Karbonemissionen wiederspiegeln. Denken Sie an Straßen, Parks oder einzelne Gebäude.

Nur dann können Städte die Wirkung einzelner Methoden abschätzen, gezielte Einflussnahmen fördern und Fortschritte überwachen. Nur dann werden sie wissen, ob die Konzepte, die sie austauschten und die Anstrengen, die sie unternahmen, wirklich bedeutsam waren. Bürgermeister können große Ziele haben und Teil der globalen Agenda sein. Aber sie werden danach beurteilt, was sie zu Hause erreichen.

Bürgermeister Menino hatte den berühmten Spitznamen: der “Städtische Mechaniker”. Er beurteilte sich selbst nach den Wegen, inwiefern er das Leben der Leute verbesserte, wie sauber die Straßen und Wasserstraßen blieben, und wie die Qualität der Schulen war. Er wusste, wie viele seiner Kollegen, dass es die menschliche Dimension war, die am wichtigsten war.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Teaser & Image “Los Angeles City Hall and sister cities signs”(adapted) by Cesarexpo (CC BY-SA 4.0).


The Conversation

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Katharine Lusk

Katharine Lusk

ist die gründende und geschäftsführende Leiterin der Stadtinitiative an der Universität in Boston, wo sie die Spitze von neuen universitätsweiten Programmen und Forschungen bildet, darin eingeschlossen das Menino Survey of Mayors.

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