Bleecker Street: Konzertmitschnitte statt Smartphone-Fotographie

Das Unternehmen Bleecker Street will mit professionellen Audio- und Video-Aufnahmen Konzertbesucher daran hindern, selber mit dem Smartphone zu filmen. // von Daniel Kuhn 

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Konzerte sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Früher wurden je nach Musikrichtung entweder Fäuste oder Feuerzeuge in die Luft gereckt – heute sind es Smartphones. Jeder Besucher versucht den Moment festzuhalten, statt ihn schlicht zu genießen und verhindert dadurch auch, dass die Mitbesucher sich dem Moment so richtig hingeben können. Aber diese Bildschirm-Flut soll nun eingedämmt werden, wenn es nach dem Unternehmen Bleecker Street geht. Professionelle Ton- und Videoaufnahmen werden unmittelbar nach dem Konzert auf USB-Sticks zum Kauf angeboten.


Warum ist das wichtig? Bei Konzerten kann man inzwischen das Geschehen auf der Bühne nur noch durch die Smartphone-Displays der vor einem stehenden Konzertbesucher sehen – diese Entwicklung sollen hochwertige Aufnahmen nun aufhalten.

  • Bei größeren Konzerten kann man vor lauter Smartphone-Displays die eigentliche Bühne kaum noch ausmachen.

  • Der Filmende ist mehr mit seinem Smartphone als mit dem Genuss des Moments beschäftigt und stört auch die Menschen um sich herum.

  • Mit hochwertigen Ton- und Film-Aufnahmen will das Unternehmen Bleecker Street Konzertbesucher dazu bringen, das Smartphone gar nicht erst aus der Tasche zu ziehen.


Right here, right now

„Ohhh, jetzt spielen sie mein Lieblingslied! Toll! Das muss ich unbedingt auf Video aufnehmen, damit ich mir diesen tollen Moment zu Hause unendlich oft ansehen und es meinen Freunden über Facebook zeigen kann.“ So ungefähr muss der Gedankengang vieler Konzertbesucher heutzutage aussehen, anders lassen sich die Unmengen leuchtender Displays bei Konzerten einfach nicht mehr erklären. Doch das Problem ist allerdings zum einen, dass die Qualität überwiegend unterirdisch ist und beim erneuten Betrachten zu Hause beim besten Willen nicht als Genuss bezeichnet werden kann – und zum anderen ist man mehr mit der Aufnahme des Momentes beschäftigt, statt ihn tatsächlich zu erleben. Obwohl man dabei war, nimmt man die Ereignisse also nur noch als Aufzeichnung wahr.

Es gibt mehrere Bestrebungen, dieses Verhalten zu unterbinden. Das Unsound-Festival in Polen hatte vergangenes Jahr ein lockeres Film- und Fotoverbot verhängt, mit dem erfreulichen Ergebnis, dass viele Festivalbesucher von den Auftritten Zeichnungen und Skizzen per Hand angefertigt haben. Der Berliner Techno-Club Berghain ist ebenfalls für sein striktes Kameraverbot berüchtigt und der in der Techno-Szene angesehene DJ DVS1 hat sich kürzlich in einem sehr langen Blog Post für die Ausweitung dieses Kameraverbots in Clubs ausgesprochen. Doch das Problem ist natürlich, dass dies alles in recht kleinen Szenen und überschaubaren Maßstäben geschieht. Die große Masse bei Konzerten von Superstars kann man schwer dazu bringen, das Telefon während des Konzerts in der Tasche zu lassen, oder? Das Unternehmen Bleecker Street hat einen Plan, wie man dies doch schaffen könnte.

Qualität als Argument

Ich habe mich mit Bleecker-Street CEO Georg Bergheim unterhalten, um mehr über diesen Plan zu erfahren. Seit 2012, nachdem die Gründer Georg und Denise Bergheim bei Simfy ausgestiegen sind, arbeitet man mit Künstlern zusammen, um den Konzertbesuchern einen qualitativ hochwertigen Mitschnitt des Erlebnisses zu bieten. Angefangen hat das Unternehmen mit den Ärzten, inzwischen sind aber viele weitere Stars wie Chris Rea, Mark Knopfler, Peter Kraus und die Fantastischen Vier hinzu gekommen. Bisher wurden die Konzerte immer aufgezeichnet und den Besuchern am Ende der Veranstaltung auf einem entsprechend gestalteten USB-Stick zum Kauf angeboten. Dabei handelte es sich vor allem am Anfang nur um Audio-Mitschnitte. Als Andenken zwar schön, doch damit wird man die Konzertgänger wohl kaum überzeugen können, das Smartphone in der Tasche zu lassen. Es müssen also schwerere Geschütze aufgefahren werden, so wie auf der letzten DJ-Bobo-Tournee. Nein, nicht etwa die Musik von DJ Bobo ist gemeint, sondern die Tatsache, dass auf der Tour zum ersten Mal auch Video-Mitschnitte angeboten wurden. Und das soll künftig auf viel mehr Tourneen angeboten werden.

Doch wie macht man den Konzertbesuchern klar, dass sie sich auf das Konzert statt auf das Smartphone konzentrieren können? Ganz einfach, wie mir Bergheim erklärt. Zunächst nutzt man im Vorfeld die Social-Media-Kanäle der Künstler, um schon einmal den Service von Bleecker Street anzukündigen. Beim Konzert selber erhalten die Besucher dann Flyer am Einlass und bei großen Konzerten mit Video-Leinwänden neben der Bühne läuft auf diesen auch vor der Show noch ein Trailer. Es kann also niemand behaupten, er hätte es nicht mitbekommen. Und falls doch, gibt es nach dem Konzert noch die Möglichkeit, die Mitschnitte als USB-Stick und Download im Online-Shop zu erwerben. Vor Ort können die Besucher quasi im Vorverkauf bereits die Mitschnitte erwerben, damit sie sich hinterher nicht ins Gedrängel stürzen müssen. Die Möglichkeit, legale und qualitativ hochwertige Mitschnitte der Konzerte zu erwerben wird bereits sehr gut angenommen, wie Bergheim versichert. Je nach Künstler gönnen sich zwischen 10 und 15 Prozent der Zuschauer hinterher den legalen Bootleg.

Think Big

Noch ist die Auswahl der Künstler sehr überschaubar, was daran liegt, dass das Unternehmen noch nicht lange existiert. Was ebenfalls auffällt ist die Auswahl der Künstler. Bösartige Zeitgenossen könnten über Chris Rea, Peter Kraus und die Simple Minds behaupten, dass sie ihre besten Zeiten auch schon lange hinter sich haben. Doch dabei darf man auch nicht vergessen, dass eben diese Künstler auch eine sehr treue Fangemeinde besitzen, die nicht nur für die Konzerte, sondern auch für Mitschnitte und anderes Merchandise gerne Geld ausgibt, das auch vorhanden ist. Kleinere oder aufstrebende Künstler haben meist ein deutlich jüngeres und weniger zahlungskräftiges Publikum. Für die nahe Zukunft und den nächsten Konzertsommer laufen aber bereits die Verhandlungen mit neuen Musikern. Das Spektrum soll dann noch weiter ausgebaut werden.

Klar, viele Konzertbesucher haben ein größeres Interesse an Konzerten in guter Qualität und voller Länge, als an einer verwackelten und verzerrten Momentaufnahme und sind auch bereit dafür zu bezahlen. Doch ob dies das Ziel, den Smartphone-Drang beim Großteil des Publikums unterdrücken kann, bleibt nur zu hoffen – aber wenn es passiert, wird es leider nicht von heute auf morgen passieren. Viele Besucher werden zumindest vorerst sicher noch die kostenlose Momentaufnahme bevorzugen, denn es geht vielen gar nicht unbedingt um die Musik oder den Moment, sondern eher darum, das Event auf Facebook und Instagram zu teilen und der Welt zu zeigen, was man erlebt hat. Um Genuss oder Qualität geht es dabei nur selten, wie ein Blick auf die verwackelten und unscharfen Bilder und Videos in meinem Facebook-Feed leider deutlich macht.

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Daniel Kuhn

Daniel Kuhn

ist Wahl-Berliner mit Leib und Seele und arbeitet von dort aus seit 2010 als Tech-Redakteur. Anfangs noch vollkommen Googles Android OS verfallen, geht der Quereinsteiger und notorische Autodidakt immer stärker den Fragen nach, was wir mit den schicken Mobile-Geräten warum anstellen und wie sicher unsere Daten eigentlich sind. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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