Biz Stone im Interview: „Wir entwickeln neue Features für die Demokratie“ (Teil II)

Gast-Blogpilot Christoph Bieber hatte auf seiner aktuellen US-Reise die Gelegenheit mit Biz Stone von Twitter ein Gespräch zu führen. Im ersten Teil des Interviews ging es um die Rolle von Twitter als Kampagnentool und die Art, wie Twitter die (politische) Kommunikation und Kultur verändern kann. Im zweiten Teil spricht Christoph mit Biz über Signal and Noise im Twitterverse, die Kooperation mit Current.TV und die Rückschlüsse, die sich aus der Auswertung des weltweiten Gezwitschers über den aktuellen Themenpuls ziehen lassen.

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Das ist eine typische Entwicklung für US-amerikanische Wahlkämpfe: sobald eine neue Technologie aufkommt, wird sie in den Wahlkampf eingegliedert. 2004 waren Weblogs das „must-have“, ist es dieses Jahr Twitter?

Das könnte sehr gut sein, ja. Twitter hat ganz sicher die Möglichkeit sich hier im politischen Bereich zu platzieren.

Aber kann es sich denn auch halten? Viele Trends verschwinden so schnell wieder wie sie gekommen sind – in Deutschland gab es 2005, kurz nach dem Launch der iTunes-Plattform, eine ganze Reihe von politischen Podcasts. Aber gleich nach der Wahl waren sie wieder verschwunden, ganz ähnlich war es in Deutschland auch mit Blogs von Politikern. Kann Twitter so etwas auch passieren?

Nein, das denke ich nicht. Wenn man Twitter mit Podcasting vergleicht, fallen doch die unterschiedlichen Zugangsvoraussetzungen auf: ich muss etwas aufnehmen, es sollte gut klingen, dann muss ich es schneiden. Dafür sind viele Kenntnisse und Fähigkeiten notwenig. Es ist eine große Herausfordernung und sehr aufwändig, guten Audio-Content bereitzustellen. Da kann ich mir gut vorstellen, dass man das nur für den begrenzten Zeitraum des Wahlkampfs macht.

In ähnlicher Weise, vielleicht mit nicht ganz so hohen Hürden, gilt das auch für das Bloggen – man muss in diese Technologien viel investieren, damit es gut wird. Mit Twitter dagegen ist die Einstiegshürde sehr viel niedriger, wir fragen nur nach ganz wenigen Dingen. Es kommt aber auch darauf an, ob es sich lohnt für den Anbieter oder nicht. Auch das ist bei Twitter ganz einfach: wenn sich Follower eintragen und sie auf deine tweets reagieren, dann entsteht ein gewisser Wert und die Anwendung lohnt sich. Und dann macht man weiter damit.

Sehen so die Erfolgsgeschichten bei Twitter aus?

Ich denke schon. Ein besonderes Beispiel ist der Twitter-Feed der Mars-Sonde Phoenix. Die NASA, sonst eher bekannt für eine besonders offizielle Kommunikation, hat einen Account eingerichtet, über den vor und während der Landung der Sonde berichtet werden sollte. Hintergrund war, dass die Landung am frühen morgen durchgeführt wurde, als viele Menschen in den USA noch auf dem Weg zur Arbeit waren. Durch die kurzen und schnellen Updates auf Twitter konnten aber viele Menschen doch live dabei sein.

Hinzu kam, dass die Meldungen aus der Perspektive des Roboters formuliert waren: „Ich beginne nun mit den Landevorbereitungen“ – „Jetzt fahre ich die Landeeinheit aus“ – „Oh, das war holprig, aber ich bin unten und nun fahre ich ein wenig in der Gegend herum“. Diese „Antropomorphisierung“ der Kommunikation war ein großer Erfolg: innerhalb eines Tages hatten sich etwa 40.000 Follower registriert. Daraufhin entschied die NASA, dieses Publikum auch weiterhin mit Informationen zu versorgen. Ich glaube, bei den Präsidentschaftskandidaten wird etwas ganz ähnliches passieren.

Einfachheit spielt also eine Rolle für den Twitter-Erfolg – könnte das nicht auch eine Gefahr sein, wenn es um die Entwicklung eines neuen Werkzeugs für die Demokratie geht? Sind dann nicht Inhalte und Substanz gefährdet, bei einer solch „niederschwelligen“ Kommunikation?

Natürlich wird auch beim politischen Twittern viel Rauschen dabei sein – aber man muss das eben im Gesamtzusammenhang sehen: wo sind die großen Ausschläge und Spitzen bei den Debatten oder während einer Ansprache? Da haben wir auch schon einige Erfahrungen bei großen Massenereignissen wie etwa dem SuperBowl oder bei der Oscar-Verleihung. Nach dem NFL-Finale in 2007 etwa haben wir eine Grafik gemacht und die Twitter-Nutzung an den Verlauf des Football-Spiels gekoppelt.

Dann konnten wir sagen, was genau zum Beispiel um 20.44 Uhr passiert ist, als es einen besonders hohen Wert von tweets pro Sekunde gab. Bei den TV-Debatten dürfte es ganz ähnlich sein – ich denke, wir sehen an manchen Stellen sehr deutliche Kommentare, die kein Blatt vor den Mund nehmen werden. Das wird genau bei den wichtigen Punkten, den großen Themen sein, um die es bei der Wahl geht – und das werden wir mit unseren Daten auch zeigen können.

Aber das wäre nur eine quantitative Analyse. Gibt es auch die Möglichkeit für qualitative Untersuchungen?

Für eine genauere Analyse haben wir auch schon einige Werkzeuge entwickelt, aber voraussichtlich werden wir sie in der Schlussphase des Wahlkampfs nicht einsetzen – die Fehlerrate ist noch ein wenig zu hoch, um seriöse Daten zu produzieren. Für die großen Ausschläge und Nutzungsspitzen arbeiten wir an einer sentiment analysis, also einer Auswertung, die uns sagt, welche Stimmungen in den gesammelten tweets vorherrschen.

Dann wüssten wir nicht nur, wann und an welchen Stellen die höchste Aktivität zu beobachten ist, sondern auch warum das so ist. Wir haben das in der Vergangenheit schon ein paar Mal gemacht, auch mit Marken und Produkten, und dabei bekommt man trotz der Fehlerquote schon eine ganz gute Idee davon, ob das Twitter-Feedback eher positiv oder negativ ist.

Wohin führen solche Untersuchungen der Twitter-Nutzung?

Das kann man noch gar nicht so genau sagen. Aber man gewinnt den Eindruck, als handelt es sich hier um das Publikum einer großen Live-Veranstaltung – etwas, was sonst bei einer Fernsehübertragung eben nicht vorhanden ist. Das ist dann eher wie im Kino oder im Theater – es gibt Applaus oder auch Buh-Rufe, je nachdem, ob die Akteure ihre Sache gut machen oder nicht.

Aber eine direkte Verbindung zu den Inhalten der Debatte besteht dadurch nicht, eine Veränderung des Debattenverlaufs ist bei der aktuellen Dominanz der TV-Networks nicht möglich.

Das stimmt. Es ist ein Experiment, und wir haben zumindest in der Zusammenarbeit mit current_TV die Chance, das Fernsehen etwas interaktiver zu gestalten als bisher – und das ist schon mal sehr interessant. Unsere Zeit kommt ganz sicher noch.

Führen denn solche Überlegungen für künftige Projekte nicht auch dazu, die Ausrichtung von Twitter insgesamt zu verändern? Der Service ist angetreten, um die direkte, interpersonale Kommunikation zu verändern und nun bemerkt man schon eine Orientierung in Richtung interaktives Nachrichtenzentrum…

Ich denke, wir sind nach wie vor ein Kommunikationsservice, der Werkzeuge zur Kontaktaufnahme und zum Austausch mit anderen bereit stellt. Es ging immer darum, das Senden von Mitteilungen einer Person zu einer oder mehreren anderen zu ermöglichen – damit meinten wir am Anfang wohl vor allem die Freunde und die Familie unserer Nutzer. Aber mit dem Anwachsen unserer Nutzerzahlen und dem Eintritt von Firmen und großen Organisationen hat sich der Charakter verändert: natürlich kann man auch weiterhin mit Freunden und Familie in Kontakt bleiben, aber wenn man sich für neue Produkte interessiert oder verschiedenen Medienereignissen folgen möchte, dann kann man das eben auch tun.

Die unterschiedlichen Quellen, die den Twitter-Service mit Nachrichten versorgen, bringen immer auch neue Anwendungsformen mit sich. Durch diese Vielfalt der Angebote und deren Auswertung etwa durch die Twitter-Suche haben wir nun ganz andere Möglichkeiten, darüber Auskunft zu geben, was für die Nutzer überhaupt eine Rolle spielt. Deshalb glaube ich schon, dass wir immer noch das gleiche tun, wie zu Beginn: wir sagen den Menschen, was sie und andere gerade tun und was für sie wichtig ist – aber eben auf einer viel größeren Basis und mit viel mehr Auswahlmöglichkeiten. Und dann stellt sich auch die Frage, wer Twitter nutzt – professionelle Mediendienstleister wollen viel eher wissen, was global gerade eine Rolle spielt oder wo etwas passiert. Menschen wie du und ich interessiert dagegen nur, was in unserer Familie gerade los ist. Aber grundsätzlich ist die Motivation gar nicht so verschieden.

Ist Twitter eine Social Network Site?

Nein, das denke ich nicht. Es ist nur ein einfaches Kommunikationswerkzeug, die Verbindungen entstehen dabei auf eine andere Art und Weise als bei Facebook oder MySpace. Bei uns muss man keine Freunde anfragen oder einladen, um eine Verbindung herzustellen und ein Netzwerk aufzubauen, man benötigt auch nicht deren Einverständnis für einen Kontakt. Die Twitter-User entscheiden selbst, wem sie folgen wollen und wem nicht. Die Frage, ob jemand ein Freund ist oder nicht, stellt sich gar nicht – bei uns heißt es einfach „Willkommen bei Twitter, welche Quellen sind für dich wichtig, was interessiert dich?“ Das ist schon ein Unterschied und daher verwenden wir den Begriff des „Freundes“ auch gar nicht. Und trotzdem sind wir ein Netzwerk, und es gibt auch soziale Aspekte – aber deshalb sind wir noch keine Social Network Site.

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Christoph Bieber

Christoph Bieber

ist Politikwissenschaftler am Zentrum für Medien und Interaktivität an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er ist seit der Gründung im Jahr 2000 Mitglied im Vorstand von pol-di.net e.V., dem Trägerverein von politik-digital.de.

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