Der weltweite Bikesharing-Boom – warum die Städte Fahrräder lieben

Während die Urbanisierung und Modernisierung ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht hat, sind Verkehrsstaus zu einer modernen Bedrohung geworden. Dichter Verkehr wird gleichgesetzt mit Luftverschmutzung, enormen Sicherheitsrisiken und verminderter Erreichbarkeit. Man denkt an eine zu geringe Wettbewerbsfähigkeit, zu wenig nachhaltiges Wachstum und den Verlust des sozialen Zusammenhalts. Wenn wir entschlossen sind, unsere Städte attraktiv und nachhaltig zu machen, müssen wir uns diesen Herausforderungen stellen.

Es gibt viele mögliche Maßnahmen um dieses Problem anzugehen: entweder, indem wir schlichtweg weniger Autos benutzen, oder durch das Bereitstellen brauchbarer Alternativen. Keine dieser Lösungen ist derzeit mehr im Trend und besser vermarktbar als das gemeinsame Nutzen von Mobilitätsresourcen – zum Beispiel Carsharing. Und keine von ihnen ist umweltfreundlicher als Radfahren, was immer mehr Leute als bestgeeignete Möglichkeit entdecken, um kürzere Strecken zurückzulegen.

Wenn man diese beiden kombiniert, ergibt das eben: Bikesharing. Eine Innovation, die die besten Eigenschaften beider Lösungen kombiniert und dabei die Reichweite des öffentlichen Personennahverkehrs erweitert. Bikesharing bezeichnet ein Verleihsystem, bei dem jeder Räder an verschiedenen Punkten der Stadt ausleihen, fahren und abstellen kann – üblicherweise an automatisierten Stationen.

Die Vorteile des Bikesharing

Zu den Vorteilen des Bikesharing zählen Transportflexibilität, Reduktion der Fahrzeugemissionen, gesundheitliche Vorteile, weniger Staus und Treibstoffverbrauch und nicht zuletzt finanzielle Ersparnisse für den Einzelnen. Aber das Besondere an öffentlichen Fahrrädern ist die Idee, sie zu teilen. Durch das Teilen mit anderen über ein öffentlich erreichbares Programm können die Fahrräder von jedem benutzt werden, der sie braucht – ohne die Kosten und Verantwortung, die mit Eigentum verbunden sind. Dadurch ermöglichen es diese Programme, Leuten, die sonst womöglich keine Fahrräder nutzen würden, die Vorteile des Radfahren zu genießen – seien es nun Touristen oder Einheimische.

Bikeshare-Programme können auch als Türöffner für mehr Radverkehr dienen, indem sie ein starkes visuelles Statement setzen, dass Fahrräder sehr wohl zu den Straßen einer Stadt gehören. Gemäß meiner Recherchen nehmen Pendler Bikesharing als eine mächtige, straßengebundene “Fahrradwerbung” wahr.

Darüber hinaus berichten andere Studien, dass der Radverkehr in Städten, in denen Bikeshare-Systeme eingeführt wurden, zugenommen hat, und führen aus dass diese Ergebnisse den kombinierten Effekt von einer Verbesserung der Radfahr-Einrichtungen sowie der Einführung von Bikeshare-Systemen widerspiegeln. Einige gehen sogar noch weiter, indem sie andeuten, dass die Einführung von Bikeshare-Systemen dazu führen kann dass Radfahren in Kontexten, wo es nicht sonderlich verbreitet ist, als sicheres und alltägliches Verkehrsmittel angesehen wird.

Ursprünge

Bikesharing ist ein Konzept, das seinen Ursprung in den 1960ern hat. Allerdings war es nicht sonderlich verbreitet, bevor Techniken entwickelt wurden, die Echtzeitinformationen über das Programm bereitstellen, Räder orten und gegen Diebstahl sichern helfen konnten. Heutzutage boomt Bikesharing in einem nie dagewesenen Ausmaß, größtenteils dank der angemessen niedrigen Kosten der Programme und wie einfach, zumindest verglichen mit anderer Transportinfrastruktur, es ist, diese Programme zu implementieren. Und es ist ein einfacher Sieg für Regierungen und städtische Gesellschaften, die ihr grünes Image unterstreichen können, indem sie sich für so ein umweltfreundliches Design einsetzen.

Black and White Suspension Bridge (Image: Unsplash [CC0 Public Domain], via Pexels).jpeg

2004 gab es nur in elf Städten ein Bikeshare-System. Heute gibt es mehr als 1000 öffentliche Bikeshare-Systeme mit verschiedenen Größen und Eigenschaften in über 50 Ländern auf fünf Kontinenten. Das größte System Europas ist das Pariser Vélib’ mit 1800 Stationen und über 20.000 Fahrrädern. Hangzhou in China besitzt das größte System der Welt – drei mal größer als Vélib‘ – welches bis 2020 auf 175.000 Räder expandieren soll. Das vielleicht raffinierteste System ist Bycyklen in Kopenhagen. Hier gibt es eine Flotte elektrischer Fahrräder, die mit wetterfesten Tablets mit GPS ausgestattet sind.

Gemäß neuester Forschungen über das Styr & Ställ –System in Göteborg spürt die Bevölkerung der Stadt – einmal angemessene Werbung für Bikeshare vorausgesetzt – dass solche Systeme eine umweltfreundliche, billige und gesunde Transportalternative bieten. Insbesondere wurden sie als Ergänzung zu städtischen ÖPNV und als ein Beitrag zu einem menschenfreundlicheren Antlitz der Stadt wahrgenommen.

Wie es richtig geht

Aber Forschung und Erfahrung sagen uns, dass es zu Problemen mit Bikesharing kommen kann. So gibt es zum Beispiel einige Systeme, die lediglich 0,3 Fahrten pro Rad und pro Tag ermöglichen, obwohl die Nutzungsrate dieser Systeme weltweit üblicherweise zwischen drei und acht Fahrten pro Rad pro Tag schwankt. Neben mangelnder Auslastung kann sich die Ausweitung der Programme schwierig gestalten, oder es könnte Probleme mit schwerfälligen und komplizierteren Planungsprozessen geben. Sie können auch zu politischen Spannungen führen, wenn Kommunen nicht willens sind, Parkplätze für Fahrradstationen aufzugeben.

Doch strikte Radfahrregeln können auch ein Hindernis sein: in den beiden australischen Metropolen Melbourne und Brisbane wurde festgestellt, dass die Helmpflicht viele potentielle Radfahrer abschreckt. Sicherheitsbedenken und fehlende Fahrradinfrastruktur wurden auch als erfolgsverhindernde Faktoren ermittelt. Trotz dieser Schwierigkeiten sind Bikeshare-Programme insgesamt eine großartige Errungenschaft für uns alle. Etwas so gewöhnliches wie Radfahren in der Stadt in einer Weise neu zu erfinden, die Shared Economies einbezieht und von der Öffentlichkeit gut angenommen wird, ist eine günstige Investition in das aktive Bewerben nachhaltigen Verkehrs. Städte, die starke und zusammenhängende Pläne entwickeln, werden feststellen, dass wiedererkennbare Bikeshare-Programme ein mächtiger und positiver Teil ihres Images werden können. Unterdessen können Bürger jeglicher Couleur von leereren Straßen und saubererer Luft profitieren – ob sie nun Rad fahren oder nicht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

The Conversation


Image “City Bikes” by Picography.co (CC0 Public Domain)

Image “Black and White Suspension Bridge” by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Alexandros Nikitas

Alexandros Nikitas

arbeitet als Dozent an der Universität von Huddersfield beim Institut für Logistik im Bereich Produktions-und Verfahrensmanagement. Er ist Master of Engineering , Master of Science, Master in der angewandten sozialen Forschung und führt einen Doktortitel im Bereich Verkehr und Gesellschaft. Seine derzeitigen Arbeitsschwerpunkte liegen auf der Qualitative sowie Quantitative Sozialforschung und der Verkehrstechnik.

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