Bausteln für eine bessere Welt

Um eine „neue Kultur des Selbermachens“ und darum, wie man per Netztechnologien die Gesellschaft verändern kann, geht es dieses Wochenende auf dem atoms&bits-Camp. „Web Hippies“ nennt Jay Cousins die Teilnehmer liebevoll. Der britische Erfinder ist selber einer und probiert auf dem Festival mit Teilnehmern einen der Ansätze aus, das „Bausteln“: Aus vermeintlichem Müll, den Teilen einer alten Waschmaschine, entstehen in zwei Tagen neue Produkte – „Upcycling“ statt Recycling.
 
„Bausteln“ ist eine über das Netz organisierte Heimwerker- und Selbermachkultur, die im englischsprachigen Raum unter dem Schlagwort „Do it Yourself“ (DIY) läuft. Es geht um eine „Demokratisierung des Produktionswissens“: Zu verstehen, wie Dinge gebaut sind und funktionieren. Sie selbst herzustellen, statt sie bei großen Firmen zu kaufen, die man nicht unterstützen will. Sie kreativ an eigene Bedürfnisse anzupassen. Und zweimal zu überlegen, ob da nicht noch eigentlich eine Menge Potential drin steckt, bevor man sie wegschmeißt.
 
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Beim Upcycling bekommen ausrangierte Gegenstände neues Leben.
 
Wie beim Upcycling. Die Praxis ist nicht neu. Schon immer werden Dinge wiederverwendet, umgebaut und zweckentfremdet. In vielen ärmeren Ländern ist diese Kultur schon aus der Not heraus weit verbreitet: Aus Nutella-Gläsern entsteht in Benin Tupperware, in Costa Rica werden gedrehte Plastiktüten zu Schnüren, auf Kuba goldene Handtaschen aus Dosenverschlüssen. In den reicheren Ländern der Welt gab es das lange vor allem im Kunstbereich. Daneben interessierten sich vor allem professionelle Recycler für Müll.
 
Die aber zerstören alte Gegenstände erst, um neue Materialien zu gewinnen. Jürgen Breiter will anders herangehen, zurück zu einer neuen Wertschätzung von ausrangierten Gegenständen. „Das Konzept Upcycling berührt viele Themen, Konsum, Nachhaltigkeit, Kunst und Kultur“, sagt der Kurator der Gallerie stadtfund, der alte Objekte wiederbelebt. „Es geht darum, sie auf eine höhere Ebene zu bringen, nicht zu zerstören“. Zum Beispiel, wenn man aus Kühlschrank-Thermostaten Lampen baut oder einen Einkaufswagen zu einem rollenden Stuhl macht. Wer das gut beherrscht, kann sogar ein Geschäft draus machen – eines der bekanntesten Beispiele sind die Freitag-Taschen aus LKW-Planen und Sicherheitsgurten.
 
Die Baustler in Jay Cousins Werkstatt im Betahaus sägen und bohren derweil weiter. Eine kleine Bauknecht-Waschmaschine soll zu einem Blumenübertopf werden, Kabel zu Schmuck, ein Wasserschlauch zu einem Lautsprecher. Zwei spanische Designer und ein italienischer Künstler sind noch in der Brainstorming-Phase, wie sie ihr Projekt umsetzen: Die „Gehirn-Waschmaschine“.

 
Was da entsteht, ist weder technisch innovativ noch unbedingt funktional. Aber das scheint auch nicht das Wichtigste zu sein. „Es geht darum, über den ‚normalen‘ Konsum nachzudenken, an dem wir teilnehmen“, sagt Jürgen Breiter. Und betont, dass Upcycling nicht per se gut ist: Man müsse immer genau hinschauen: Wer zum Beispiel Vinyl-Platten schmelze, gefährde seine Gesundheit. Wer bestimmte Produkte verwende, könne unter Umständen einer Firma einen coolen Anstrich geben, die diesen gar nicht verdient. Letztlich bedeutet DIY also: Raus aus der Unmündigkeit und selber machen und denken.

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Anja Krieger

Anja Krieger

ist freie Journalistin und Texterin mit Schwerpunkt Netzkultur und Technologie. Nach ihrem Studium der Kulturwissenschaften in Frankfurt (Oder), Berkeley und Salamanca war sie für den Hörbuch-Verlag DAV und die Online-Kulturplattform "Perlentaucher" tätig. Seit 2009 arbeitet sie als freie Journalistin. Ihre Beiträge finden sich auf anjakrieger.com.

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