WordPress (Bild: mkhmarketing [CC BY 2.0], via Flickr)

Automattic: Wie wertvoll ist das Unternehmen hinter WordPress.com?

WordPress.com-Betreiber Automattic ist auf Expansionskurs: 160 Millionen Risikokapital, fünf Übernahmen in einem Jahr und die Aufnahme im „Billion Dollar Club“. // von Katharina Brunner

WordPress (Bild: mkhmarketing [CC BY 2.0], via Flickr)

Die Journalisten beim Wall Street Journal sollten bald tun, was sie in ihrer Fußnote versprechen: Die Infografik „Billion Dollar Club“ updaten. Dort zählen sie diejenigen Startups auf, deren Wert auf mehr als eine Millarde Dollar geschätzt wird. Zwischen Fab, einem Onlineshop für „fashionable products“ (1,2 Milliarden US-Dollar), und Gilt Groupe, einem Online-Outlet für Luxus-Kleidermarken (1,1 Milliarden US-Dollar), sollte das Wall Street Journal Platz machen für Automattic, Betreiber u.a. von WordPress.com (1,16 Milliarden US-Dollar).


Warum ist das wichtig? Das Unternehmen Automattic steht hinter der Plattform WordPress.com ist auf Expansionskurs.

  • Im letzten Jahr schrieb Automattic-Gründer Matt Mullenweg, die Firma brauche kein Risikokapital.
  • Anfang Mai steigt eine Investorengruppe mit 160 Millionen US-Dollar in Automattic ein.
  • Automattic hat im vergangenen Jahr fünf Startups übernommen.

Eine Investorengruppe um Insight Venture Partners hat den Wert von Automattic auf über eine Milliarde Dollar angesetzt und bekannt gegeben, 160 Millionen US-Dollar in das 2005 gegründete Unternehmen zu investieren. Dieses Risikokapital kommt überraschend, das letzte Mal gab es eine solche Finanzierung 2008. In der Vergangenheit hat Automattic-Gründer Matt Muellenweg nicht ohne Stolz betont, die Firma wolle auf Investitionen von außen verzichten. Noch vor einem Jahr schrieb er auf seinem Blog: „Es ist nicht nötig, direkt Geld aufzunehmen – es gibt keine Finanzierungsengpässe„. Seit dieser Aussage im Mai letzten Jahres war Automattic sehr aktiv: Es hat fünf andere Startups übernommen und im Januar hat Mullenweg mit CEO Toni Schneider die Posten gewechselt. Mullenweg ist nun Chef, Schneider für neue Produkte verantwortlich.

WordPress hat Konkurrenz Raum gelassen

Matt Mullenweg, Mitgründer der Open-Source-Software WordPress, hat Automattic als den kommerziellen Zweig von WordPress aufgebaut. WordPress.com fungiert als Blog-Hoster, der sich über Werbung und kostenpflichtige Zusatzangebote, wie Domains (eine der Übernahmen im letzten Jahr war die eines Domain-Namen-Generators) oder Themes finanziert. Zudem betreibt Automattic WordPress-relevante Dienstleistungen wie den Backup-Dienst VaultPress oder die populären Plugins Akisment, Jetpack oder BuddyPress, aber auch die WordPress-unabhängige Notiz-App Simple Notes. Seit 2012 sollen mit WordPress VIP Großkunden geworben werden. Unter anderem das Wirtschaftsmagazin Quartz und das Time-Magazin setzen auf diese Lösung. Nicht zuletzt leiten Mitarbeiter von Automattic einen nicht unerheblichen Teil an der Weiterentwicklung der Open-Source-Variante von WordPress.

Mit seiner enormen Reichweite – über 20 Prozent der zehn Millionen am häufigsten besuchten Webseiten laufen laut dem Standardisierungskonsortiums des World Wide Webs, W3C, auf WordPress-Basis – tut sich auch ein Problem auf: Soll sich WordPress auf seine Kernkompetenzen konzentrieren und seine Blogging-Plattform optimieren oder sollte sich WordPress seine Eigenschaften als Content-Management-System ausbauen, die auch Webseiten von großen Firmen oder Medien tragen? In den vergangenen Jahren schien der Fokus darauf zu liegen, ein vollwertiges Content-Management-System zu entwickeln – darunter hat der Blogging-Aspekt gelitten und Raum für Konkurrenz gelassen, bei denen das Posten von Texten oder Bildern nutzerfreundlicher ist: Tumblr, Medium oder Ghost.

File-Sharer, Editor, Kuratierer: Automattic ist in Shopping-Laune

Die Blogger könnte Automattic mit seinen Übernahmen wieder stärken. Ähnlich wie Twitter mit TweetDeck verfahren ist, hat Automattic die beliebte App zum mobilen Bloggen übernommen. Cloudup und Scroll Kit versprechen für die Zukunft neuartige Möglichkeiten, um Beiträge zu erstellen. Cloudup ist eine Filesharing-Plattform mit Stream-Option, Scroll Kit erlaubt über Drag-and-Drop spektakuläre Webseiten zu erstellen. Die bekannte Snowfall-Geschichte der New York Times, die angab, über Wochen daran gearbeitet zu haben, konnte mit ScrollKit innerhalb von einer Stunde nachgebaut werden. Die New York Times fand das gar nicht lustig und schickte eine Unterlassungsanordnung. Im Gegensatz zu Cloudup hat Scroll Kit seinen eigenständigen Betrieb bereits eingestellt. Ein Anzeichen dafür, dass Elemente des visuellen Editors schon bald in den vielkritisierten WordPress-Editor eingebaut werden könnten. Womöglich stehen diese Features dann auch nur Premium-Nutzern zur Verfügung. Wie dem auch sei, der Kauf von Scroll Kit verspricht das individualisierte WordPress-Webseiten, wie sie reguläre Themes ohne zusätzliches Coden nicht zulassen.

Auch inhaltlich will sich Automattic als Kurator breiter aufstellen. Davon zeugt die Übernahme von Longreads. „Die Redaktion von WordPress.com wächst und wir sind begeistert, Teil davon zu sein„, schreibt Longreads-Gründer Mark Armstrong. Longreads kuratiert lange Texte – journalistische genauso wie Kurzgeschichten. Das Geschäft basiert auf dem Freemium-Modell: Newsletter mit ausgewählten Texten gibt es einmal die Woche umsonst, als Member kann man für drei Dollar pro Monat die Seite unterstützen und bekommt dafür jeden Tag Geschichten. Die vier Angestellten von Longform sollen in Zukunft Texte auf der „Freshly Pressed„-Seite kuratieren. Longreads läuft in bisheriger Form auch unabhängig von WordPress.com weiter.

Bei keiner der Neuerwerbungen ist bekannt, wieviel sie Automattic gekostet haben. Doch ganz billig war der Expansionskurs sicher nicht, vielleicht war Longreads auch nicht die letzte Neuanschaffung. Nicht zuletzt deshalb werden sich die Entscheider bei Automattic doch für Risikokapitalgeber entschieden haben. Den entscheidenden Vorteil gegenüber der Konkurrenz sieht CEO Mullenweg in der Open-Source-Bewegung. In der „Billion Dollar Club“-Liste des Wall Streets Journals setzen nur drei von 45 Firmen (Stand: Januar 2014) auf Open Source – bald kommt eines hinzu.


Teaser by Nikolay Bachiyski (CC BY 2.0)

Image by (CC BY 2.0)


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Katharina Brunner

Katharina Brunner

studiert Volkswirtschaftslehre in Regensburg und will Journalistin werden. Sie beschäftigt sich digitalem Journalismus, insbesondere der technischen Umsetzung. Ihr Blog heißt Schafott. Auf Twitter ist sie mit @cutterkom unter einem weniger martialischen Namen unterwegs. | Kontakt

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