Wie authentisch ist unser fotografisches Gedächtnis?

Seit der Erfindung der Fotografie nutzen die Menschen Fotografie-Metaphern, wenn sie über Erinnerungen nachdenken oder sprechen. Wenn wir beispielsweise Erinnerungen aus dem Alltag behalten wollen, dann machen wir ‚Schnappschüsse‘ im Kopf. An bedeutungsvolle Ereignisse erinnern wir uns als ‚Blitzlicht-Momente‘ zurück. Aber sind Erinnerungen wirklich wie Fotos?

Zumindest glaubt dies die Mehrheit der Menschen. In der Tat stimmten in einer aktuellen öffentlichen Studie 87 Prozent der Befragten – zumindest bis zu einem gewissen Grad – zu, dass einige Menschen wirklich ein fotografisches Gedächtnis haben. Als dieselbe Aussage jedoch einer wissenschaftlichen Gesellschaft für Hirnforschung gezeigt wurde, stimmte dieser Aussage lediglich ein Drittel zu. Die zahlreichen Wissenschaftler, die an der Existenz eines fotografischen Gedächtnisses zweifeln, wissen, dass uns viele Erinnerungen wie Fotos erscheinen. Bisher kann keiner der bisherigen Beweise diese Skeptiker vom Gegenteil überzeugen.

Bedeutungsvolle Ereignisse

Viele von uns haben bereits ein persönlich oder weltweit wichtiges Ereignis erlebt, das auch nach Jahren noch in unseren Köpfen so lebendig und detailliert vorhanden ist, als wäre an diesem Tag ein Foto geschossen worden. Dennoch zeigen aktuelle Studien, dass diese sogenannten ‚Blitzlicht-Erinnerungen‘ von einem echten Foto weit entfernt sind.

In einer Studie, die von US-Studenten durchgeführt wurde, wurden Menschen einen Tag nach dem Anschlag des 11. September 2001 in New York aufgefordert, zu dokumentieren, wie sie als erstes vom Anschlag erfahren hatten. Außerdem sollten sie auch ein alltägliches Ereignis beschreiben, dass sie erst kürzlich erlebt hatten. Diese Testpersonen wurden noch einmal nach einem Zeitraum von entweder jeweils einer Woche, sechs Wochen oder sogar 32 Wochen nach den beiden Ereignissen befragt.

911 Memorial (adapted) (Image by Rebecca Wilson [CC BY 2.0] via Flickr)
Viele Leute behaupten, dass sie sich an die Anschläge vom 11. September wie an Fotos erinnern. Image (adapted) „9/11 Memorial“ by Rebecca Wilson (CC BY 2.0)

Die Ergebnisse zeigen, dass die Teilnehmer ihr Alltagsereignis nach einiger Zeit immer weniger lebendig in Erinnerung hatten. Ihre Berichte über diese Erinnerungen wurden über die Zeit ebenso weniger detailliert und passten auch nicht mehr so gut zu ihrer ursprünglichen Aussage. Im Gegensatz dazu berichteten die Teilnehmer, dass ihre Erinnerungen an 9/11 auch nach 32 Wochen noch genauso lebendig seien wie direkt nach dem Tag des Anschlages. Ihre Berichte zeigten jedoch, dass diese ‚Blitzlicht-Momente‘ ebenso viele Lücken und Ungenauigkeiten aufwiesen wie die der Alltagsereignisse.

Außergewöhnliche Ereignisse

Wenn unsere Blitzlicht-Erinnerungen nicht fotografischer Natur sind, was ist dann mit anderen überwältigenden Erinnerungen? Es gibt zahlreiche historisch dokumentierte und gegenwärtige Fälle von Menschen mit einem erstaunlichen Erinnerungsvermögen, die visuell eine scheinbar unmöglich riesige Menge an Informationen aufsaugen – und das mit sehr geringem Aufwand. Es ist, als würden sie mentale Fotos schießen und diese später vor ihrem geistigen Auge durchgehen. Meist jedoch schärfen diese sogenannten “Erinnerungskünstler” ihre Fähigkeiten durch intensives Trainings und uralte Erinnerungstechniken, nicht jedoch mit mentaler Fotografie. Es gibt nur sehr wenige, die die Ausnahme darstellen und den Skeptikern neue Rätsel aufgeben.

Wenn wir diese Erinnerungskünstler einmal beiseitelassen, gibt es eine weitere bemerkenswerte Gruppe von Menschen: jene mit sogenannten ‚besonders starken autobiografischen Erinnerungen‘ (englisch: highly specified autobiographical memories, kurz: HSAM), die sich an jeden Tag ihres Lebens seit der Kindheit mit oft erstaunlich vielen Details zu erinnern scheinen.

Nachdem immer mehr Menschen mit dieser Art Fähigkeit entdeckt wurden, wurden diese meist Gegenstand von wissenschaftlichen Studien, die einhellig behaupten, dass diese Fähigkeiten kein Ergebnis jahrelangen Trainings ist, sondern weitgehend unbeabsichtigt auftritt. Die Fähigkeit ist sicherlich verblüffend, aber auch hier argumentieren einige Wissenschaftler, dass das Erinnerungsvermögen dieser Menschen nicht als fotografisch bezeichnet werden kann. Tatsächlich zeige eine Studie mit 20 HSAM-Fällen, dass diese genauso anfällig für falsche Erinnerungen sind wie eine Kontrollgruppe im selben Alter.

Fotografien verblassen

Unter bestimmten Umständen wären wir also bereit, einigen Skeptiker zuzugestehen, dass, obwohl einige Erinnerungen sehr detailliert und konsistent erscheinen, nur ganz wenige tatsächlich mit Momentaufnahmen zu vergleichen sind. Sind aber nicht alle diese Entdeckungen ein Hinweis darauf, dass unser Gedächtnis wie eine Fotografie funktioniert? Schließlich waren Fotografien schon lange vor Begriffen wie „postfaktisch“ und „Fake News“ nie ganz zuverlässige Quellen.

Ebenso wie unsere Erinnerungen können sich auch anschauliche und detaillierte Fotografien sich als gefälscht und bearbeitete herausstellen und die Ereignisse, die auf den Bildern zu sehen sind, in ein falsches Licht rücken. Ebenso wie unsere Erinnerungen sehen wir Fotografien auch nicht objektiv, sondern durch den Filter unserer eigenen persönlichen Prägungen und Vorurteile. Und wie auch in unseren Erinnerungen verblasst eine Fotografie über die Zeit, selbst wenn wir sie noch genauso wertschätzen wie zu Beginn. Letztlich hat wohl jeder von uns ein fotografisches Gedächtnis – auch wenn es nicht ganz der Art entspricht, wie wir es zunächst vermutet haben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Auge“ by 2488716 (CC0 Public Domain)


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Robert Nash

Robert Nash

ist Dozent für Psychologie an der Universität Aston in Birmingham. Er forscht und experimentiert im Themenbereich der Erinnerungs- und Kognitionspsychologie. Sein bsonderes Interesse gilt dabei den Erinnerungstechniken von autobiographischen und episodenhaften Begebenheiten. Er ist auch als Rechtspsychologe bei Zeugenbefragungen tätig.

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