Sechs Möglichkeiten, das Aussterben zu betrachten

Der neue Living Planet-Bericht des WWF hebt einen Rückgang der Artenvielfalt um 58 Prozent durch das Aussterben von 3.706 Tierarten seit 1970 hervor und verstärkt damit die Angst, dass die Menschheit ein sechstes Massensterben hervorrufen könnte.

Die Ursprünge dieser Angst reichen mehr als ein Jahrhundert zurück, als eine Reihe von öffentlichen Fällen von Artensterben einen unumstößlichen Beweis dafür lieferten, dass die Menschenn andere Arten, auch reichlich vorhandene wie die Passagiertaube, auslöschen könnten. Diese Fälle hatten waren sehr einflussreich und der Artenschutz ist seitdem zu einem grundsätzlichen Anliegen geworden.

Weniger bekannt ist, dass die heutige Verwendung des Begriffs „Aussterben“ eine breite Vielfalt von Bedeutungen und Anwendungen umfasst, die jeweils eine besondere Rolle bei der Initiative zur Arterhaltung spielen. In einem Artikel aus dem Jahr 2008 haben wir verschiedene Arten von „Aussterben“ eingestuft, um die rhetorische Macht jeder Einzelnen besser zu verstehen und die Frage zu stellen, ob sie die Artenerhaltungsbestrebungen verstärken oder untergraben. Hier ist eine aktualisierte Version unserer Liste:

Das komplette Aussterben ist durch die IUCN-Definition gut zusammengefaßt, dass es „keinen ernsthaften Zweifel daran gibt, dass das letzte Individuum [der Spezies] gestorben ist“. Diese Kategorie umfasst viele unwiederbringliche Arten wie den Dodo, die Passagiertaube, den Riesenalk und Stellers Seekuh. Hier bezieht sich das Aussterben nur auf Arten, die wir kennen – denn wenn wir sie nicht kennen, wie könnte dann das Schicksal eines letzten Individuums festgestellt werden?

Ökologisches Aussterben nennt man es, wenn eine Art nur in Zoos und privaten Sammlungen überlebt. Die Säbelantilope, der Spix-Ara und der fasanartige Mitu fallen in diese Kategorie und werden von der IUCN als ‚ausgestorben in freier Wildbahn‚ klassifiziert.

Lokales Aussterben bezieht sich auf den Fall, wenn eine Spezies aus einem Teil ihres Bereichs ausgelöscht wurde, beispielsweise beim Biber. Früher war er in Großbritannien wegen seiner massiven Ausbreitung gejagt worden, bis er im 16. Jahrhundert ausstarb. Mittlerweile arbeiten viele Leute daran, ihn zurückzubringen.

Wallacesches Aussterben ist benannt nach Alfred Russel Wallace, ein Zeitgenosse von Charles Darwin, der eine eigene Theorie der natürlichen Selektion entwickelte. Es bezieht sich auf Arten, die irrtümlich als ausgestorben eingestuft worden sind aufgrund unserer Unkenntnis darüber, wo sie tatsächlich leben. Das heißt, Arten, die „verloren“ statt ausgestorben waren. Das berühmteste Beispiel ist der Quastenflosser, der als ausgestorbener fossiler Fisch eingestuft wurde, bis ein lebendes Exemplar 1938 vor der Ostküste Südafrikas gefunden wurde. Diese Wiederentdeckungen sind eine fortgesetzte Quelle der Hoffnung für Leute, die versuchen, Tiere wie den tasmanischen Tiger oder den Elfenbeinspecht zu finden.

Linnaeussches Aussterben, benannt nach Carl Linnaeus, der das System der wissenschaftlichen Artennamen erfunden hat, schließt die große Diskrepanz zwischen der offiziellen Zahl der Arten und der wahrscheinlichen Zahl der tatsächlich in freier Wildbahn lebenden Arten ein. Hier werden die ausgestorbenen Expemplare aus der Rate der Habitatverluste für bekannte und unentdeckte Arten extrapoliert. Diese Art des Aussterbens untermauert weit verbreitete Schätzungen von Zehntausenden von Fällen von ausgestorbenen Tierarten pro Jahr.

Das Lazarus-Aussterben bezieht sich auf Fälle, in denen es immer noch Hoffnung auf Wiederauferstehung gibt, weil DNA von ausgestorbenen Arten in häuslichen Rassen lebt und eine „Replik“ der Spezies durch Rückzucht wiederhergestellt werden könnte. Die Entwurzelung (Dedomestikation) ist ein Bestandteil der europäischen Wiederauswilderung. In den Niederlanden, Portugal, Spanien, Kroatien, der Tschechischen Republik und Rumänien werden wildlebende Viehherden hergestellt, die dem aussterbenden Auerochsen in Aussehen und Lebensweise ähneln.

Eng verwandt mit dem Lazarus-Aussterben ist das Konzept der De-Extinktion, die Idee, dass Fortschritte in der synthetischen Biologie es uns schließlich ermöglichen werden, DNA aus den erhaltenen Resten der ausgestorbenen Arten zu extrahieren und sie in die Eier von Surrogat-Tieren einzusetzen. Ein Elefant mit Mammut-ähnlichen Merkmalen könnte durchaus innerhalb der nächsten 20 Jahre geboren werden.

Einige Arten des „Aussterbens“ wirken besser als andere

„Aussterben ist für immer“ war ein Propaganda-Slogan der Arterhaltungsbewegung in den 1960er und 1970er Jahren. Bilder von Gorillas, Tigern und Nashörnern gaben den Menschen das Gefühl, dass Aussterben greifbar und wichtig ist und rief den Menschen den kollektiven Verlust und die Reue, die sie verspüren würden, wenn diese Arten ausgestorben wären, zu Bewusstsein.

Überspringen wir nun einige Jahrzehnte, haben die einzelnen Arten keine solchen Auswirkungen mehr. Im September 2016 erzeugte der Tod des letzten Ecnomiohyla rabborum (Rabbs Fransenzehen-Laubfrosch) zum Beispiel wenig mediale Aufmerksamkeit.

Seit den 1990er Jahren konzentriert sich die Arterhaltungsrhetorik auf das umfassendere, globale Linnaeusschen Aussterben. Die „Sterbeuhr“ für bedrohte Tierarten präsentiert das Aussterben einer Art als eine Routine und ein unpersönliches Ereignis, das alle 20 Minuten geschieht. Warum sollte ein Aussterben berichtenswert sein, wenn es jährlich mehr als 26.000 Fälle gibt?

Nichtsdestotrotz war es der Geist des Massensterbens, der die Aufmerksamkeit der politischen Entscheidungsträger gewann. Zwar haben sie möglicherweise keine Träne für eine einzelne Baumfroschart vergossen, befürchteten aber zu Recht den Verlust ökonomisch wichtiger Funktionen des Ökosystems. Die Regierungen der Länder  reagierten mit einem massiven und systematischen Ausbau der Schutzgebiete auf internationaler Ebene. Allerdings könnten die Auswirkungen des „sechsten Massensterbens“ und anderer Untergangs- und Katastrophenpropaganda rückläufig sein, vor allem seit der weltweiten Wirtschaftskrise im Jahr 2007.

Eine andere Herangehensweise könnte hier erforderlich sein: eine, die das Aussterben wieder personalisiert und ein Gleichgewicht aus Verlustmeldungen und positiven Aussichten schafft. Dies könnte erreicht werden, indem die örtlichen Sterberaten und die Lazarus-Sterberate in den Vordergrund gerückt werden. Beide können mit Wiederansiedlungsprojekten verknüpft werden, die uns das Gefühl geben, dass die Menschheit die Probleme, die sie anderen Lebensformen zugefügt hat, wiedergutmachen kann.

Wir müssen Berichte über alarmierende Rückgänge bei Arten mit Berichten vermengen, die analysieren, an welchen Orten bestimmte Arten wiederhergestellt werden könnten. Die Idee, dass das „Aussterben“ in einigen Fällen reversibel ist, unterstützt sicherlich die neue Praxis der Ökosystemwiederherstellung. Wenn die Arterhaltung ihren Einfluss wiedererlangen will, muss sie sowohl das Übriggebliebene schützen, als auch das Verlorene wiederherstellen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “mammoth” by Antranias (CC BY 2.0)


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Paul Jepson

Paul Jepson

ist Kursleiter für den Masterstudiengang Biodiversity im Bereich für Kommunikation und Management an der Universität Oxford. Zuvor kümmerte er sich für den Masterstudiengang in Natur -Gesellschaft und Umweltpolitik (2007-2013).

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Richard Ladle

Richard Ladle

hat Zoologie an der Universität Newcastle studiert und anschließend seinen Doktor in Ökologie in Oxford gemacht. Seine aktuellen Forschungsinteressen umfassen den Einsatz neuer Technologien zur Erhaltung der Biodiversität und von Schutzgebieten.

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