Aus russischen Blogs: Über soziale Netzwerke und russische Politik

Auch in Russland werden politische Debatten lebhaft im Netz geführt, wie unser Blick in die russische Blogosphäre zeigt. // von Sergey Medvedev

Moscow Kreml (Bild: Pavel Kazachkov [CC BY 2.0], via Flickr)

Sergey Medvedev hat drei verschiedene russischsprachige Blogs ausgewählt und zusammengefasst, um einen Einblick in die russische Blogosphäre zu geben. In einem Blog wird über Bots für politische Werbung debattiert, im zweiten Blog entlarvt eine Aktivistin eine im Wahlkampf aktive Werbefirma, die intransparent die öffentliche Meinung zu beeinflussen versuchte und im dritten Blog stellt der Internet-Experte Anton Nosik zwei Szenarien zur Entwicklung des »russischen Facebook« dar. Ein lesenswerter Beitrag über eine unbekannte Bloggingkultur.

Propaganda 2.0. Theorie und Praxis

Wo stammen Gelder für politische Werbung im Internet her? Wie hoch sind die Verträge? Welche Firmen bekommen derartige Aufträge? Welche Mechanismen werden dabei eingesetzt? Die Antworten auf diese Fragen gibt Ruslan Lewijew in einem umfassenden Beitrag zum Einsatz von sozialen Netzwerken für kommerzielle und politische Zwecke. Der politische Aktivist und Jurist bei der Stiftung zur Bekämpfung der Korruption von Alexej Nawalnyj veröffentlichte eine detaillierte Analyse typischer Werbemechanismen von ausländischen und russischen Medienunternehmen in sozialen Netzwerken, nämlich Internet-Bots, künstliche Erhöhung der Popularität von Internet-Seiten, Videos auf Youtube und kommerziellen Facebook-Seiten. Am Beispiel des Medienunternehmens Apostol, welches der kremlnahen Journalistin und Celebrity Tina Kandelaki gehört, zeigt der Blogger, wie Bots die Zahl der Aufrufe auf Youtube, »Likes« in Facebook, »Followern« und »ReTweets« auf Twitter erhöhen können, und wie dies mittels mathematischer Methoden und theoretischer Kenntnisse zum Verhalten von Menschen im Netz leicht zu erkennen ist.

Lewijew kritisiert dabei Apostol für »dumme« und uneffektive Werbemethoden, die wirtschaftlich wenig Sinn machen. Nichtdestotrotz nehme die Nachfrage nach den »Dienstleistungen« bei Apostol zu, die allerdings den guten Kontakten im Kreml zu verdanken sei. Apostol bedient in erster Linie staatliche Großunternehmen, wie Aeroflot oder Rostech, sowie Politiker wie Ramsan Kadyrow. Im zweiten Teil des Beitrags berichtet Lewijew über den Einsatz von Sozialen Netzwerken für politische Propaganda. Bekanntlich können bestimmte Themen im Twitter durch mehrmalige Erwähnung oder sogenannte Hashtags in Twitter-Charts schnell nach oben gebracht werden. Für diesen Zweck setzt Apostol »lebende Bots« ein, die gegen Geld oder wiederum gegen die Erhöhung der Zahl ihrer eigenen Follower bestimmte Begriffe tweeten und retweeten, wie z. B. #GudkowSchpionZRU (#GudkowCIASpion).

Quelle: »Apostol Media: Betrugskönige. Detaillierte Analyse. Setzt Eure Kandelikes!« vom Ruslan Lewijew, 27. März 2013 / Teil 1 und Teil 2.


Politisches Startup

Die junge Aktivistin Natalja Lwowa entlarvte während der letzten Wahlkampagne eine Internet-Firma aus St. Petersburg, die sich unmittelbar mit politischer Werbung und schwarzer PR im Internet beschäftigt. Nach dem Besuch des Startup-Unternehmens teilte Lwowa im Blog des Radiosenders Echo Moskwy ihre Eindrücke mit. Das Büro ähnele sich auf den ersten Blick einem Internet-Cafe mit unzähligen Rechnern und Dutzenden Mitarbeitern. Eine erste Abteilung tippe Kommentare für Blogs. In einem zweiten Raum würden Einträge für Blogs verfasst und über soziale Netzwerke verbreitet. Bereits bei dem Vorstellungsgespräch hätte ein Supervisor über den Schwerpunkt der Firma und Inhalte der Arbeitsaufträge Klartext geredet, dass es sich dabei größtenteils um politische Inhalte handelt: »Im Moment haben wir eine angespannte Zeit. Gestern ging es um alles Mögliche zur Unterstützung von Sobjanin, heute machen wir Nawalnyj schlecht«.

Quelle:: »Wie bei uns Politik gemacht wird« von Natalja Lwowa, 30. August 2013


Die Unabhängigkeit des Sozialen Netzwerks »Vkontakte« in Gefahr

Im April 2013 kaufte das Finanzunternehmen United Capital Partners heimlich 48 % Aktien eines der größten russischen sozialen Netzwerks »Vkontakte«. Da der UCP-Chef Ilja Scherbowitsch zugleich Mitglied des Verwaltungsrats bei den Erdölgiganten Rosneft und Transneft ist, löste die Transaktion viele Gerüchte über die Übernahme von »Vkontakte« durch den Staat aus. Das soziale Netzwerk wird nach wie vor von seinem Gründer Pawel Durow gesteuert, der allerdings selbst nur 12 % Aktien besitzt. Die restlichen 40 % gehören dem kremltreuen Oligarch Alischer Usmanow, der sich bisher in die Politik von »Vkontakte« kaum einmischte. Der bekannte Internet-Experte Anton Nosik stellt zwei Szenarien zur Entwicklung des »russischen Facebook« dar und zieht dabei folgendes Fazit: »Hätte der Kreml bereits die Entscheidung zur Ablösung von Pawel Durow durch einen loyalen Akteur getroffen, der nach dem ersten Signal oppositionelle Gruppen schließen würde, bräuchte man keine Milliarden für den Minderheitsanteil zu investieren, sondern man könnte Usmanow zum Gespräch im Kreml einladen«.

Quelle: »Vkonflikte« vom Anton Nosik, 2. Oktober 2013


Dieser Beitrag erschien zuerst in den Russland-Analysen der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen.


Teaser by Berliner Gazette (CC BY-SA 3.0)


Image by Pavel Kazachkov (CC BY 2.0)

Schlagwörter: , , ,