Aus Internet-Freunden werden echte Bekannte

Katrin Viertel von medienlotse.com beantwortet Fragen rund ums Thema Erziehung und digitale Medien. Heute geht es darum, wie Jugendliche ein Treffen mit Freunden, die sie im Internet kennen gelernt haben, vorbereiten sollten.

Meine 14-jährige Tochter ist fleißiges Mitglied bei YouTube. Dabei guckt sie nicht nur viel, sie erstellt auch selbst zum Beispiel Stop-Motion-Filme und hat einen eigenen Channel. Ich verstehe nicht so richtig, warum ihr das, bedenkt man den zeitlichen Aufwand, so viel Spaß macht, denn sie ist mit einem Film über viele Stunden beschäftigt. Sie ist aber in der Community recht beliebt und hat viele Abonnenten, meist Mädchen in ihrem Alter. Mit einem dieser Mädchen möchte sie sich nun gern im echten Leben treffen. Worauf sollten wir als Eltern achten, bevor wir sie losziehen lassen?

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer kreativen Tochter! Offenbar nutzt sie die Technik, um ihre Vorstellungen und ihren Humor auszudrücken. Und nun erhält Ihre Tochter Bestätigung von außen durch Menschen, die sie nicht persönlich kennt, indem diese ihren Channel abonnieren und mir ihr chatten. Dass Sie das inhaltlich nicht alles verstehen können, ist völlig normal. Erfreulich ist, dass Sie ihr trotzdem nicht verbieten, diesem Hobby nachzugehen, und mindestens ebenso erfreulich, dass Ihre Tochter Sie daran teilhaben lässt.

Nun möchte sie einen der neuen Kontakte auf eine nächste Ebene heben und sich mit einem anderen Mitglied der Community im echten Leben treffen. Das kann ich genauso gut verstehen wie Ihre Sorge, dass dabei etwas schief gehen könnte – mit 14 Jahren ist man eben noch nicht erwachsen und könnte unter anderem die Gefahren des „Cybergrooming„, also der Kontaktaufnahme von Erwachsenen, die mit falschen Identitäten und mit sexuellen Interessen gezielt Kinder ansprechen, womöglich unterschätzen.

Ich empfehle, dass Sie zuerst noch einmal mit Ihrer Tochter darüber sprechen, dass sich im Internet nicht alle Menschen als diejenigen präsentieren, die sie wirklich sind. Auch bei YouTube kann schließlich jeder behaupten, ein 14-jähriges Mädchen zu sein. Eine Idee, die neue Bekannte vor dem Treffen etwas besser kennen zu lernen, ist ein Videochat oder zumindest ein Telefonat, vielleicht über Ihre Handynummer geführt? Im Idealfall dürfen Sie sogar dabei sein, dann können Sie mithelfen, besser einzuschätzen, ob da wirklich ein Teenie einen anderen treffen will.

Überzeugen Sie Ihre Tochter, sich von Ihnen oder einer anderen erwachsenen Person, der Sie und Ihre Tochter vertrauen, beim ersten Treffen begleiten zu lassen – die Begleitung könnte sich ja diskret im Hintergrund halten. Die ersten Begegnungen sollten grundsätzlich an einem belebten öffentlichen Ort stattfinden, noch besser ein Ort, wo Ihre Tochter persönlich bekannt ist. Ich rate dringend davon ab, sich in einer Privatwohnung, einem Park oder anderswo zu treffen, wo Ihre Tochter keine Übersicht hat und im Notfall Fremde um Hilfe bitten müsste. Schauen Sie zur Vorbereitung doch einmal diesen Film von watch your web an, einem Beratungsportal für sicheres Surfen, das sich speziell an Jugendliche richtet. Ein Handy sollte sie auf jeden Fall dabei haben und während der ersten Treffen zu zweit sollte sie sich zu einer verabredeten Zeit von Ihnen oder einer Freundin anrufen lassen, um kurz zu klären, ob alles in Ordnung ist.

Freuen Sie sich, dass Ihr Kind Ihnen von diesem geplanten Treffen berichtet hat und loben Sie sie ausgiebig dafür. Und sich selbst dürfen Sie auch loben. Denn das Vertrauen Ihrer Tochter gab es sicher nicht geschenkt – das haben Sie sich ja wohl verdient.

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Katrin Viertel

Katrin Viertel

ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin, arbeitete viele Jahre als Journalistin für gedruckte und Online-Medien sowie für das Fernsehen, hauptsächlich zu Medienthemen, bis sie ihre neue Berufung fand. Seitdem berät und informiert sie als Medienlotse.com (http://www.medienlotse.com) Eltern, die sich fragen: Was machen unsere Kinder mit digitalen Medien? Und wie sollen wir damit umgehen?

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