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Aus der Zeitung Libération soll ein soziales Netzwerk werden

Die französische Zeitung Libération soll sich in ein soziales Netzwerk umwandeln, dass Inhalte produziert – der Medienwandel will es so. // von Tobias Schwarz

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Am Wochenende haben die Eigentümer der linksliberalen Tageszeitung Libération verkündet, dass die französische Zeitung in ein soziales Netzwerk umgewandelt werden soll, dass „monetarisierbare Inhalte für eine breite Auswahl an Multimedia-Plattform“ produziert. Die Bekanntgabe der Pläne erfolgte einen Tag nach einem Streit der Redaktionen, die einen Rettungsplan für die finanziell angeschlagene Zeitung aufgrund von geplanten Lohnabkürzungen ablehnen.


Warum ist das wichtig? Diese drastische Transformation einer Zeitung in ein digitales Medium wird in Zukunft öfters zu beobachten sein und die Gesellschaft zwingen, Journalismus neu zu definieren.

  • Die Eigentümer der französischen Zeitung Libération wollen das Blatt in ein soziales Netzwerk umwandeln.
  • Der Transformationsprozess verändert Wesen, Arbeit und Ergebnis von Journalismus.
  • Die Journalisten wehren sich dagegen, aber nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch weil ihnen eine Vision des neuen Journalismus fehlt.

Tradition schützt nicht vorm Medienwandel

Die Zeitung Libération ist eine Besonderheit in der französischen Medienwelt, hierzulande vielleicht mit der taz vergleichbar. Im Frühjahr 1973 als Sprachrohr der französischen 68er-Bewegung und der Neuen Linken entstanden, war das Blatt über 40 Jahre lang fester Bestandteil der französischen Republik. Zu den Mitgründern zählte der Philosoph Jean-Paul Sartre; Michel Foucault war jahrelang Autor der Zeitung. Doch Tradition und Geschichte bilden keinen Schutz gegen Wandel und so spürt auch die Libération die digitale Transformation des Journalismus. Allein im vergangenen Jahr hat die Zeitung mehr als 1,5 Millionen Euro Verlust gemacht. Die Eigentümer sind deshalb jetzt bereit, die digitale Transformation selber zu betreiben und wollen aus der Tageszeitung ein soziales Netzwerk machen, für das multimediale Inhalte produziert werden.

Die Ankündigung der geplanten Transformation kam einen Tag nach einem Streit der Belegschaft am Freitag, die einen Rettungsplan ablehnte, der Gehaltskürzungen von bis zu 10 Prozent vorsah. Per E-Mail informierte der Miteigentümer Bruno Ledoux die Journalisten über seine neuen Pläne. Aus der Zeitung solle „ ein soziales Netzwerk werden, dass monetarisierbare Inhalte für eine breite Auswahl an Multimedia-Plattform (Print, Video, TV, Online, Konferenzen, Veranstaltungen, Radio, …)“ produziert. Damit soll die Libération wieder „eine Grundlage für Wachstum“ finden. Auf die Kritik der eigenen Journalisten reagierend, schrieb Ledoux noch: „Ich möchte zeigen, wie bescheuert diese einfältigen Köpfe sind (…) und allen zeigen, was derzeit auf dem Spiel steht: auf der einen Seite der Bankrott, auf der anderen Seite eine Vision„.

Journalismus im und für das Internet – aus Kostengründen?

Die Bruno Ledoux angeblich antreibende Vision klingt interessant: eine Zeitung, die losgelöst vom Medium Papier Inhalte produziert, die sich auf verschiedenen Plattformen und in verschiedenen Formaten veröffentlichen lassen. Vor allem dort, wo Geld zu verdienen ist. Der auf Gewinn fokussierte Plan kann Ledoux nicht zum Vorwurf gemacht werden. Es ist Aufgabe von Verlegern Geld zu machen und nicht die der Journalisten. Doch es wirkt so, dass die Transformation einseitig und nur Gewinn orientiert erfolgen könnte. Bisher lehnen die Journalisten die Pläne der Eigentümer ab. Finanzielle Einbußen wollen sie nicht hinnehmen und eine Vision der Zukunft des Journalismus erkennen sie auch nicht in der geplanten Transformation.

Die Journalisten fühlen sich wortwörtlich an den Rand gedrängt. Einhergehend mit der Transformation ist auch ein Umzug der Redaktionen geplant, die preiswerter am Rand von Paris untergebracht werden sollen. Weit weg von den Menschen und Vierteln, wie die Journalisten kritisieren. Das bisherige Verlagshaus soll unter Leitung des Designers Philippe Starck in ein „Kultur- und Konferenzzentrum umgewandelt werden, in dem ein TV-Studio, ein Radio-Studio, ein digitaler Newsroom, ein Restaurant, eine Bar und ein Startup-InkubatorPlatz finden. In diesem Hub sollen Journalisten, Künstler, Schriftsteller, Philosophen, Politiker und Designer auf einander treffen und eine neue Libération prägen.

Um Journalismus und Informationen geht es da weniger, sondern nur ums Geld durch Vermarktung, wie die bisherigen Printjournalisten kritisch anmerken. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte – zwischen Geld mit Journalismus verdienen und neuen Innovationen in einer vom Wandel betroffenen Branche. Ledouxs Pläne sind sicher weniger visionär als er behauptet, trotzdem wirft die Transformation Fragen nach der Definition des Journalismus im Digitalen auf. Die Journalisten, aber auch die Gesellschaft, brauchen eine solche Definition.

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Tobias Schwarz

Tobias Schwarz

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit.

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