AT&T: Von bereitwilliger Hilfe und gesellschaftlicher Verantwortung

Von NSA-Whistleblower Edward Snowden geleakte Dokumente belegen, dass AT&T – einer der größten Telekommunikations-Dienstleister in den USA – der NSA bereitwillig und über das notwendige Ausmaß hinaus, Zugang zur Kommunikation seiner Kunden gibt. Dafür erntete der Konzern in den letzten Tagen viel Kritik, unter anderem von der UN. Das Verhalten AT&Ts zeigt, dass die Aktionen von Staat und Behörden, unter anderem beim Thema Überwachung, nicht alles sind – auch wir alle, und gerade Unternehmer, sind in der Verantwortung, ethisch und verantwortungsbewusst zu handeln.

“Extreme Bereitschaft, zu helfen”

Die Fähigkeit der NSA, den Internet-Datenverkehr auf dem Gebiet der USA zu überwachen, basiert maßgeblich auf einer außergewöhnlichen, Jahrzehnte andauernden Partnerschaft mit dem Telekommunikations-Giganten AT&T. Das 1983 gegründete, in Texas ansässige Unternehmen, ist in Deutschland weniger bekannt, in den USA aber einer der wichtigsten Anbieter für Telefon, Internet und Mobilfunk – und offenbar gleichzeitig einer der wichtigsten Zuträger der NSA. Das berichtet ein Journalisten-Team der Website “Pro Publica” unter Berufung auf Dokumente aus dem Fundus des Whistleblowers Edward Snowden.

Die Kooperation mit AT&T war für die NSA so wichtig, dass sie einen eigenen Codenamen, “Fairview”, hatte. Dennoch konnten die investigativen Journalisten aufdecken, dass hinter “Fairview” AT&T steckte. Entsprechende Verdächte gegen AT&T gibt es schon seit längerer Zeit, mindestens seit 2008. Anhand der Snowden-Dokumente kann nun aber bewiesen werden, dass diese Kooperation tatsächlich stattfindet und wie weit sie geht.

Der Fall schlägt derzeit hohe Wellen. Nicht nur Bürgerrechts-Aktivisten – etwa die EFF – kritisieren das Verhalten von AT&T. Sogar die UN, die laut Dokumenten auch selbst von der Überwachung betroffen war, fordert nun eine Erklärung für den Vorfall und untersucht mögliche Reaktionen auf diesen.

Vertrauen der Kunden enttäuscht

Mitunter, das wissen wir bereits, zwingen die Geheimdienste Unternehmen zur Kooperation und womöglich auch zum Stillschweigen über diese Kooperation. Das ist natürlich abzulehnen; ein Großteil der Schuld liegt in diesen Fällen aber bei den Geheimdiensten selbst und der mangelnden Aufsicht über diese. AT&T allerdings ist kein Opfer, kein wohlmeinendes Unternehmen, das sich widerwillig staatlicher Repression beugt. Der Telekommunikations-Gigant half über Jahre bereitwillig und weit über das geforderte Maß hinaus, womöglich aus ideologischen Gründen oder auch in der Hoffnung auf eigene Vorteile durch das Wohlwollen einer mächtigen Behörde.

Durch dieses Verhalten hat AT&T das Vertrauen seiner Kunden massiv enttäuscht. Wer Internet-Dienstleistungen bestellt, kann erwarten, dass diese mit einem gewissen Respekt vor Privatsphäre und informationeller Selbstbestimmung geliefert werden. Ein Unternehmen, das allen Datenverkehr an die NSA weitergibt und dies seinen Kunden nicht mitteilt, handelt verantwortungslos und unehrlich. “Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten”, mögen nun einige Menschen denken, aber das greift zu kurz. Auch AT&Ts ehrliche Kunden brauchen Privatsphäre, sei es für private Kommunikation mit Familie, Freunden und Partner, für sensible geschäftliche Transaktionen oder um sich beispielsweise über eine Krankheit zu informieren. Überwachung ist eine Verletzung elementarer Rechte und ein negativer Einfluss auf die Gesellschaft und sollte daher nicht anlasslos und leichtsinnig erfolgen. Ein Unternehmen, das bei einem derartigen Übergriff der Behörden bereitwillig mitspielt, verrät die Belange seiner Kunden. Kein Wunder, dass angesichts solcher Verhaltensweisen in den letzten Jahren das Vertrauen in US-Technologieunternehmen maßgeblich gesunken ist.

Privacy als Geschäftsmodell?

Angesichts der angesprochenen Vertrauenskrise sollten sich Telekommunikations-Unternehmen schon aus Eigennutz auf Datenschutz und Datensicherheit besinnen: Diese könnten in den nächsten Jahren ein immer gefragteres Geschäftsmodell werden, angesichts des wachsenden Bewusstseins für die Überwachungsproblematik. Für AT&T allerdings, ist dieser Zug wohl abgefahren. Den Ruf als Geheimdienst-Spitzel wird dieses Unternehmen wahrscheinlich so schnell nicht los.

Wir können Edward Snowden dafür danken, dass sein mutiger Whistleblowing-Akt derartige Machenschaften ans Tageslicht bringt und uns als potentiellen Kunden ermöglicht, eine etwas informierte Entscheidung zu treffen, bei der auch das Verhalten von Unternehmen in Bezug auf Überwachung und Geheimdienste Berücksichtigung findet. Die Bedeutung des Snowden-Leaks kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Mit großer Macht kommt große Verantwortung

Das Verhalten von Unternehmen wie AT&T ist um so empörender, als namhafte Wirtschaftsunternehmen – gerade solche im zukunftsweisenden Technologie-Sektor – die Macht hätten, unsere Gesellschaft zum positiven zu verändern. Das Internet ist voller Potential für eine freiere, besser informierte und besser vernetzte Gesellschaft. Wenn die Firmen, die dort den Ton angeben, ihre Position nutzen, um mit den Geheimdiensten gemeinsame Sache zu machen und so Werte und Verhaltensweisen zu fördern, wie sie gestriger nicht sein könnten, ist das mehr als nur bedauerlich. Es bleibt uns nur, dieses Verhalten, wo immer es aufgedeckt wird, anzuprangern – und es vor allem wirtschaftlich abzustrafen. Der Verrat an unserer Privatsphäre darf sich für Unternehmen nicht lohnen.


Image (adapted) „AT&T, ATandT Sign, 9/2014, pic by Mike Mozart of TheToyChannel and JeepersMedia on YouTube“ by Mike Mozart (CC BY 2.0)


 

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Annika Kremer

Annika Kremer

schreibt regelmäßig über Netzpolitik und Netzaktivismus. Sie interessiert sich nicht nur für die Technik als solche, sondern vor allem dafür, wie diese genutzt wird und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt.

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