Wählen zu gehen kann gegen ein Leben in Armut helfen

Niemand kann sich aussuchen, in welche Familie er oder sie hineingeboren wird. Und doch bestimmen die Geburtsumstände zu großen Teilen unseren späteren Verdienst. Alarmierend dabei ist: je mehr der eigene Verdienst von dem der Eltern abhängt, desto mehr Ungleichheiten gibt es. Wenn diese Abhängigkeit, oder “Verdienstungleichheit”, zwischen den Generationen sehr hoch ist, strukturiert sich die Gesellschaft auf einer dynastischen Art, in der die Armen weiterhin arm und die Reichen fortwährend reich bleiben.

Früher verband man die USA mit dem “Amerikanischen Traum” – dem Ideal, dass jeder im Leben es zu etwas bringen kann, wenn er sich nur genug anstrenge. Dennoch finden sich die USA nicht nur in Aufzählungen wieder, in denen die Länder mit den am meisten ungleich verteilten Chancen herrschen, hier herrscht auch die ungleichste gesellschaftliche Festlegung, in der die Einnahmen eines Individuums sich am ehesten am elterlichen Verdienst misst.

Neue Untersuchungen weisen darauf hin, dass höhere Ausgaben der Gemeinde im Bildungswesen für kleine Kinder, und eine progressive Besteuerung, die soziale Mobilität zwischen den Schichten fördern können. Das würde bedeuten, dass die Einnahmehöhe der Eltern nicht mehr so entscheidend für die Zukunft des Individuums sein könnten.

Im nächsten Schritt habe ich in meinem letzten Arbeitspapier herausgefunden, dass die Unterschiede der Wählerzahlen zwischen verschiedenen Ländern, die Unterschiede im finanziellen Aufwand im Bildungsbereich näher erläutern kann. Daher kann es sein, dass die Art, wie die Menschen wählen, wenn sie für mehr öffentliche Ausgaben im Bildungsbereich abstimmen, sich auf die Ungleichheit und Mobilität zwischen den Generationen auswirken, also dem Unterschied zwischen dem, was Eltern und deren Kindern verdienen.

Bildungsausgaben und Ungleichheit

Wenn ein Staat keine öffentlichen Bildungsmöglichkeiten anbietet, sind die Möglichkeiten zur Bildung für ein Kind ausschließlich von den Ausgaben der Eltern abhängig. Im Gegensatz dazu kann der Zugang zu öffentlicher Bildung den Spielraum zwischen Reich und Arm angleichen. Das Ganze nennt man redistributive Aufwendungen.

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Die X-Achse zeigt im Gini-Index die Ungleichheit an. Der Wert Null bezeichnet den Zustand, in dem jeder gleich verdient und wenn eine Einzelperson alle Einnahmen bestreitet. Die Y-Achse bezeichnet die Prozentzahl des BIP (Bruttoinlandsprodukt), das für öffentliche Bildung ausgegeben wird. Die Länder links oben, wie beispielsweise Island, haben den größten Gleichheitswert und geben mit Abstand am meisten für Bildung aus. In meinem Modell sind die Ausgaben für öffentliche Bildung für Frühförderung und universitäre Ausbildungen durch Wahlen bestimmt. Ich habe mit einbezogen, dass manche Menschen eher wählen gehen als andere, indem ich Daten bezogen habe, die die Wähler durch Alter und Bildungsgrad in jedem Land eingeteilt haben.

Politiker sind nur denen gegenüber eine Rechenschaft schuldig, die selbst gewählt haben, und sorgen sich um diese Wähler, wenn sie neue Richtlinien erlassen. Es stellte sich heraus, dass ein relativ hoher Anteil der gebildeten Schicht zu den Wahlen geht. Dies geschieht beispielsweise so in den USA. Man kann also annehmen, dass die bevorzugten Richtlinien zu ihren Gunsten durchgesetzt werden. Wenn nun also wohlhabendere Haushalte ein privates Bildungssystem bevorzugen, kann sich das auf die öffentlichen Anteile der Bildungspolitik auswirken. Dies kann auch in Ländern geschehen, in denen eine große Ungleichheit herrscht.

Im Kontrast dazu gab es einen relativ hohen Wähleranteil bei den weniger gebildeten Schichten, wie beispielsweise in den skandinavischen Ländern. Dies kann dazu führen, dass die öffentlichen Ausgaben für Frühförderung entsprechend seines ausgleichenden Naturells ansteigt. Indem die politischen Schwerpunkte variiert werden, die man verschiedenen sozialen Gruppen entsprechend der Wahlergebnisse nach Alter und Bildungshintergrund in jedem Land entgegenbringt, habe ich die gleiche Verbindung zwischen Ungleichheit und niedrigen Ausgaben für Bildungsprogramme ermittelt.

So ist besser verständlich, wie es dazu kommt, dass das Einkommen der Eltern und deren Kinder sich zwischen den USA und anderen OECD-Staaten um etwa ein Viertel unterscheidet. Hier wird angedeutet, dass, wenn die Armen nicht wählen gehen, es wahrscheinlicher ist, dass ihre Kinder selbst arm bleiben werden (und die Reichen mit größerer Wahrscheinlichkeit reich bleiben).

Mehr Wähler, bessere Bildung

Anhand von Hochrechnungen mit angenommener 100-prozentiger Wählerbeteiligung habe ich ermittelt, dass es zu 10 Prozent weniger auf das elterliche Einkommen ankäme, was eine Person verdient. Dies liegt hauptsächlich daran, dass das prognostizierte Einkommen durch Frühförderung zunahm. Die Logik dahinter: Wenn jeder wählen gehen würde, wären auch die Politiker eher an der Meinung der ärmeren Haushalte über öffentliche Bildung interessiert. Dann würden auch die staatlichen Ausgaben für Frühförderung steigen.

Eine verbesserte Frühförderung bereitet mehr Schüler aus ärmeren Haushalten auf das College vor. Je klüger das Kind ist, wenn es aus der High School kommt, desto eher wird er oder sie aufs College gehen, und umso wahrscheinlicher wird dort auch ein Abschluss erzielt. Wenn mehr Kinder aus ärmeren Haushalten aufs College kämen, würde sich die öffentliche Unterstützung (und natürlich auch die entsprechende Förderung) verbreiten und die Barrieren für das Einschreiben reduzieren. Im Gegenzug dazu führt der Anstieg der Neueinschreiber zu öffentlichen Investitionen in Frühförderung. Dieser Feedbackeffekt ist es, der das Einkommen eines Kindes weniger vom Verdienst der Eltern abhängen lässt.

Die Untersuchungen zeigen auf, dass sich die Politiker, die sich um die gleichen Chancen für alle sorgen, gut daran tun würden, einige Hürden für die Wahlen zu beseitigen, die die Armen unproportional deutlich betreffen, wie beispielsweise die Forderung in den USA, eine Geburtsurkunde vorweisen zu müssen, und diese Leute zu ermutigen, dass ihre Stimme wirklich zählt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” und steht unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Graphs by Christopher Rauh

Image (adapted) „Voting 3“ by liz west (CC BY 2.0)


 

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Christopher Rauh

Christopher Rauh

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des INET Institute, der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der University of Cambridge. Seinen Doktor machte er 2014 an der Universitat Autònoma de Barcelona. Seine Fachbereiche sind Makroökonomie und Wirtschaftspolitik.

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