Wie mit Annotieren neue Kontexte erschlossen werden können

Wörter, Sätze oder Passagen von Texten online direkt zu annotieren statt am Ende des Artikels ein Kommentar zu schreiben, findet zunehmend Verbreitung.

Befördert wird die Praxis des Annotierens vor allem von einer Anwendung, die Genius.com gerade erprobt und die es erlaubt, Inhalte auf jeder Website im Internet zu markieren und mit Anmerkungen zu ergänzen. Während diese Möglichkeit revolutionär anmutet, bietet Medium.com den Nutzern auf seiner Plattform schon ähnliche Gestaltungsmöglichkeiten. Und Yanis Varoufakis annotiert die Vereinbarungen des Euro-Gipfels zu Griechenland ganz konventionell in seinem Blog.

Am Anfang ging es um HipHop: Rap Genius startete 2009 als Plattform um Zeile für Zeile kollaborativ Songtexte zu interpretieren. Von den Rappern der Neuzeit war es dann nur ein kurzer Schritt zu Shakespeare, aber auch zu profaneren Texten wie Speisekarten oder Aufstellungen von Sportmannschaften. Die Anmerkungen der Nutzer, zu denen auch Fotos und Videos gehören können, lassen sich dann wiederum wie bei Reddit postiv oder negativ bewerten. Während bislang die betreffenden Beiträge zur Bearbeitung bei der Plattform eingegeben werden müssen, geht der Claim “Annotate the World” noch weiter. Wobei mit der Welt das World Wide Web gemeint ist: Jede URL, der von registrierten Nutzern ein Präfix vorgestellt wird, kann entsprechend annotiert werden.

Word up!

Ein beliebter Gegenstand, der auch die journalistische respektive pädagogischen Ambitionen der Plattform dokumentiert, sind Reden von Politikern wie etwa die “Gettysburg Address” von Abraham Lincoln. Doch natürlich gibt es nicht nur historisches Material zu annotieren, sondern auch aktuelle Statements wie die diesjährige “State of the Union Address” von US-Präsident Obama. Dabei war die clevere Idee, dass vier seiner früheren Redenschreiber die derart informierten Anmerkungen verfassen. Einigermaßen avanciert wendet auch das Team von Hillary Clinton die neuen Möglichkeiten bei der Rede an, mit der die ehemalige Außenministerin der USA ihre Wahlkampagne offiziell eröffnet hat: Das Team selbst hat den Text vor allem mit visuellen Inhalten angereichert und animiert Nutzer zu eigenen Beiträgen. Dabei werden beispielsweise Motive aus der Rede historisch eingeordnet, oder es gibt Anmerkungen von bei der Veranstaltung Anwesenden, die etwa eine Aussage im Transkript als Reaktion auf einen Zwischenruf erläutern. Freilich wird auch inhaltlich kommentiert, Zustimmung artikuliert oder die Kandidatin kritisiert.

Die Journalistin Emma Roller sieht in in der Anwendung darüber hinaus “A Hip New Way for Political Campaigns to Spin the News”. In Ihrem Beitrag skizziert sie nicht nur weitere Einsatzmöglichkeiten im Wahlkampf, wie etwa den Aussagen überprüfenden Faktencheck, sondern sie berichtet auch von Journalisten, die ihre eigenen Beiträge mit zusätzlichem Material in den Anmerkungen ergänzen: “Call it a bonus track to their original reporting”.

Mehr Komplexität wagen!

Doch die Praxis des Annotierens bleibt nicht auf Genius.com beschränkt: Bei der Plattform Medium.com ist die Funktion ebenfalls angelegt, auch wenn sie nicht so häufig explizit zur Ergänzung des Textes genutzt wird: Bei jedem Absatz lässt sich rechts vom Text eine Notiz hinerlassen und ein Symbol zeigt die Anzahl der betreffenden Kommentare an. Bei Interesse kann diese Ansicht dann aufgeklappt werden. Diese und andere Vorkehrungen sollen zu mehr Interaktion und Konversation der Nutzer führen, sie erleichtern, aber auch zu einer Anreicherung von Texten durch weitergehende Verweise, die im Gegensatz zur akademischen Fußnote nicht vom jeweiligen Autor selbst stammen.

Als Wirtschaftswissenschaftler kennt sich der ehemalige griechische Finanzminister mit Fußnoten aus. Er legt in seinem Blog auch ohne avancierte Anmerkungsapparate einen entsprechenden Text vor: “The Euro-Summit ‘Agreement’ on Greece – annotated by Yanis Varoufakis”: “The original text is untouched with my notes confined to square brackets (and in red). Read and weep…” So wie Varoufakis dem Dokument seine Sicht hinzufügt, könnte “die Welt zu annotieren” dabei helfen, die Kontexte von Texten zu erschließen und mehr Komplexität zu wagen.


Image (adapted) „170 – Typing“ by Hillary (CC BY-SA 2.0)


 

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Erik Meyer

Erik Meyer

ist Politikwissenschaftler und zu seinen Schwerpunkten zählen Erinnerungskultur 2.0, Netzpolitik und politische Online-Kommunikation. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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