Kann der analoge Bürger durch Digitalisierung noch mündig sein?

Erst die Digitalisierung ermöglicht den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, von dem Kant vor 200 Jahren geträumt hat. Leider scheinen wir das aufklärerische Potenzial des Netzes im Alltag zu übersehen.

Immer wieder bekomme ich bei meiner Arbeit, bei der es um die Auswirkungen der Digitalisierung auf verschiedene Lebensbereiche geht, von Menschen, die sich als “intellektuell” bezeichnen würden, zu hören, dass neben all den Büchern, Nachrichten und Sitzungen keine Zeit mehr bestünde, um sich auch noch mit diesen sogenannten sozialen Medien zu beschäftigen und dort aktiv zu werden (Deutschland ist das einzige “entwickelte” Land, in dem höher Qualifizierte diese Medien eindeutig weniger stark nutzen als geringer Qualifizierte).

Wenn ich dann erwidere, dass es mir mitnichten um das Posten von Belangslosigkeiten bei Facebook & Co. gehe, sondern um das tägliche Informieren mit Hilfe der im Netz befindlichen Inhalte, blicke ich meist in überraschte oder verständnislose Gesichter. Die Idee, dass das Netz der eigenen Information diene und damit über die Interpretation durch tradierte Gatekeeper hinausgehe, scheint immer noch nicht in den Köpfen angekommen zu sein.

Der Glaube – vielleicht an dieser Stelle ein Spezifikum der Generation jenseits der 40 Lebensjahre – dass das “echte” Wissen nur in den Büchern des Wohnzimmerregals zu finden sei, dass nur dann eine ausreichende Informationsbasis für einen Diskurs vorliege, wenn ich mich durch die 500 Seiten eines gerade angesagten (Sach-) Buches gearbeitet habe, dass erst die Tagesschau ihren “Stempel” auf eine Nachricht gedrückt haben müsse, damit sie akzeptiert werde, dass nur in gedruckten Zeitungen (die ja systembedingt eigentlich immer über das Vergangene berichten) das wahre Leben abgebildet sei, ja dass nur traditionelle informationelle Autoritäten (Forschungsinstitute, Lehrer, Unternehmensleitungen, Minister, Ärzte, Verlage) in der Lage seien, eine (politische, wirtschaftliche, soziale, medizinische) Situation ausreichend kompetent beurteilen könne, ist in der analogen Bundesrepublik noch sehr stark ausgeprägt. So wurde ich im Rahmen einer Session bei der Vorstellung des Mappingprojekts der Wikimedia Deutschland zu Offenen Bildungsressourcen als erstes gefragt, welche Autorität denn die Qualität “überwache” (sic!).

Für eines der tradierten Rituale der analogen Republik steht beispielhaft das Format im Rahmen des ARD/ZDF-Morgenmagazins, in dem nahezu jeden Tag Journalisten eines Papiermediums die Titelblätter der anderen Papiermedien dieses Tages kommentieren. Als wenn der Titel eines Papiermediums stellvertretend für die Meinung jedes einzelnen Mitarbeiters dieser Zeitung stehe, als wenn die fünf bis sechs zitierten Zeitungen auch nur ansatzweise die Vielfalt dieser Republik abbilden könnten.

Hier wirken die pädagogischen Selbstverständnisse insbesondere der Öffentlichen Rechtlichen, die damit ganz einfach die Rituale der Bonner Nachkriegsrepublik nicht abzulegen scheinen wollen, in der es für die politischen Akteure noch maßgeblich gewesen ist, was Redakteur Müller in seinem General-Anzeiger zu einem Punkt der politischen Agenda kommentiert hat. Dieser pädagogische Medienansatz trifft auf passive Mediennutzer, die auf der anderen Seite des Bildschirms aber auch froh darüber zu sein scheinen, dass sie eine vorgefertigte Interpretation frei Haus geliefert bekommen, für die sie keine weitere Arbeit aufwenden müssen.

Dabei würde die regelmäßige Lektüre ausländischer Online-Medien, Themenblogs, Reddit & Co. oder den sozialen Medien schnell zu der Erkenntnis führen, dass die uns vorgesetzten Mainstream-Informationen darüber, wie wir die Welt zu interpretieren haben, weder aktuell, noch nachhaltig oder noch wertfrei sind. Hierbei geht es jetzt nicht darum, den Medien (im weiteren Sinne als Träger von Informationen) eine bewusste Irreführung zu unterstellen. Es geht vielmehr darum, sowohl auf Seiten der Nutzer von Informationen und Medien wie auch auf Seiten der Medienanbieter endlich zu verstehen, dass es einer anderen Form der Vermittlung und des Suchens von Informationen bedarf.

Die Debatte über die zukünftige Rolle von Journalisten und Medien ist dabei ja gar nicht neu. So hatte Glenn Greenwald auf dem Chaos Computer Congress  im Jahre 2013 bereits auf diese veränderte Funktion der Vermittler von Informationen und Interpretationen hingewiesen und ist dafür auch von den tradierten Medien (Die ZEIT sprach davon, dass Greenwald eine “Grenze überschritten habe”. Zum Glück war es nicht der Rubikon.) sogleich gescholten worden. Hauptvorwurf an Greenwald war, dass sich Journalisten an der Maxime der “Objektivität” orientieren müssten und nicht zu “Aktivisten” werden dürften, während Greenwald sehr viel ehrlicher argumentierte, dass es eine solche Objektivität nicht geben könne und dem Leser direkt vermittelt werden müsste, dass der Journalist und Blogger sehr wohl für Werte einstehe und dies auch der Behandlung des Themas einfließen lasse.

Immanuel Kant hatte bereits 1784 mit Blick auf die Aufklärung sein Paradigma des aufgeklärten Menschen formuliert:

“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.”

Wird es demnach nach 230 Jahren nicht endlich Zeit, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen? Wie soll aber der Gang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit vonstatten gehen, wenn ich mich als Bürger einer Demokratie weiter nur nach den Tagesschau-Nachrichten, den immergleichen Teilnehmern der unsäglichen Talkshow-Formate, der einen lokalen Papierzeitung, der Bestsellerliste des Spiegel, dem seit 20 Jahren gleichen und einzigen Hausarzt, zwei großen Volksparteien, dem seit 10 Jahren regierenden Bürgermeister meiner kleinen Stadt richte? Provokant gefragt: Kann ein solcher analoger Bürger mündig sein?

Erst die Digitalisierung ermöglicht uns seit Jahren Informationen jenseits unseres kleinen nationalen Erkenntnishorizonts; das Angebot, sich jenseits der eigenen Kultur- und Sprachkreisen, der immer gleichen Logik der Volksparteien, der überschaubaren Nachbarschaft der eigenen Kleinstadt, der Wissenshorizonte der eigenen Lehrer an den Schulen zu informieren, wird aber nach wie vor kaum genutzt.

Dabei wird es höchste Zeit, dass sich der Bürger nach alternativen Formen der Informationsvermittlung (eine Meinung kann er sich schließlich selbst bilden) umschaut. Seit Jahren schrumpfen die Auflagen der bekannten medialen Gatekeeper, im englischsprachigen und skandinavischen Ausland sind bereits bekannte Zeitungen als Print-Ausgaben eingestellt worden. Aktuell stehen die TV-Sender am Beginn des Einbruchs ihrer Reichweiten, da der Trend zum Ausweichen auf Netflix & Co. immer stärker an Fahrt aufnimmt.

Readly.de und Blendle.de sind die nächste Schritte dahingehend, dass, wie ehedem die Abschaffung des Konzepts der “Alben” in Folge des iTunes-Modells, auch im Printbereich zukünftig komplette Zeitungen ebenfalls keinen Wert mehr haben werden, sondern der Nutzer aus einem Abo-Paket die für ihn relevanten Inhalte wird ziehen können. Die Schritte von medium.com, LinkedInPulse und Facebook zum Marketplace für News zu werden, sind nur weiterer Ausdruck dieses Umbruchs.

Das in seiner analogen Vergangenheit beständig gefangene Deutschland scheint aber weder auf Nutzer/Leser-Seite noch von Seiten der traditionellen Anbieter von Informationen auf diese Herausforderungen eingestellt zu sein. Was hätte Kant dazu gesagt?

Was kann nun aber getan werden, um die digital beförderte Aufklärung im Kant’schen Sinne weiter zu befördern? Ich persönlich habe gute Erfahrungen damit gemacht, die vermeintliche Informiertheit nach Nutzung der heimischen Traditionsmedien dadurch infrage zu stellen, dass ich auf sehr viel breitere Perspektive nach Lektüre von Online-Medien und sozialen Medien hingewiesen habe. Dass hiermit die Notwendigkeit einer sehr viel stärker eigenverantwortlichen Nutzung von Medien einhergeht ist selbstredend. Ich kann Medien nicht mehr passiv konsumieren, sondern muss mir Gedanken über die Qualität der Informationen, über deren Ausgewogenheit und Ursprung machen. Davon sind wir zur Zeit noch weit entfernt.


Teaser & Image “Phone” by DariuszSankowski (CC0 Public Domain)


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Ole Wintermann

Ole Wintermann

arbeitet seit 2002 bei der Bertelsmann Stiftung. Zuvor war er an den Universitäten Kiel und Göteborg und bei der Gewerkschaft ver.di tätig. Er baute in den letzten Jahren die internationale Bloggerplattform Futurechallenges.org auf, bloggt privat auf Globaler-Wandel.eu, ist Co-Founder der Menschenrechtsplattform Irrepressiblevoices.org (http://irrepressiblevoices.org/) und engagiert sich im virtuellen Think Tank Collaboratory.

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