6+ Fähigkeiten, die der Journalist von heute drauf haben sollte

Während die Medienhäuser ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand stellen müssen, gilt es für Journalisten gleichzeitig ihr Können zu erweitern.

6+ Fähigkeiten, die der Journalist von heute drauf haben sollte

Print-Redaktion bauen nicht erst seit der Financial Times Deutschland und der Frankfurter Rundschau Stellen ab. Vieles verlagert sich ins Digitale. Die neuen Jobs in den Online-Medien sind daher hart umkämpft und setzen zudem eine Vielzahl von Fähigkeiten voraus, die man als festes Mitglied einer Print-Redaktion bisher nicht zwangsläufig mitbringen musste.

Der (Online)-Journalist von heute, ist beispielsweise ein Multimedia-Storyteller. Er setzt sich gleichzeitig mit Video, Grafiken und Audio neben seinen Texten auseinander. Er wird mehr und mehr zum Programmierer, um die vielen verschiedenen Plattformen zu bedienen und eigene zu bilden. Er muss sich zum Zwecke der Selbstvermarktung gewisse Business- und Social-Media-Fähigkeiten aneignen. Und muss nicht zuletzt bereit sein, all diese Anforderungen und das gesammelte Know-how jederzeit wieder zu revidieren, um sein Wissen neu zu ordnen.

Eines ist klar. Online tickt die Nachrichtenwelt anders als auf dem Blatt Papier. Tools, die heute als Standard gelten, sind morgen schon wieder veraltet. Disruption führt dazu, dass soziale Netzwerke sich gegenseitig die Klinke in die Hand geben. Während man gestern noch auf MySpace mit seinen Abonnenten Kontakt hielt, trifft man sich heute auf Facebook und Twitter. Morgen vielleicht schon nur noch auf Google+ oder App.net. Wer weiß das schon?

Der Online-Journalist ist heute nicht selten das, was sein Verlag noch vor wenigen Jahren war. Er ist Projektleiter, Redaktionsleiter, Vertriebschef, Prokurist, Marketer, Systemadministrator, Autor und Grafiker in einem. Es gibt also viel nachzuholen, für einige von uns.

1. Sei ein Vermarkter

Während die Budgets der Verlage bröckeln und vielen Formaten und Publikationen der Geldhahn zugedreht wird, werden heutige Journalisten nicht selten zu Vermarkter ihrer eigenen Inhalte. Man finanziert Recherchen und Zeitaufwände vor. Ermittelt mögliche Abnehmer der Publikationen und verkauft sie an den Meistbietenden oder dem prestige-trächtigsten Kunden. Einige wagen sogar den Schritt und bauen sich eigene Plattformen auf. Suchen Sponsoren oder versuchen mit Bannerwerbung oder Native Ads diese Plattformen zu refinanzieren.

6+ Fähigkeiten, die der Journalist von heute drauf haben sollte(Image by Sh4rp_iSome rights reserved)

Das Web ermöglicht einem eigene Geschäftsmodelle zu entwickeln, wieder einen Wert seiner Inhalte festzusetzen und sich als Selbständiger in die direkte Konkurrenz mit etablierten Verlagen zu begeben. Grundsätzlich muss man sich dafür Kenntnisse aneignen, die in der Vergangenheit wohl eher einem Controller oder einem Verkäufer zugesprochen wurden, als einem Journalisten oder einem Redakteur.

2. Sei ein Programmierer

Nicht nur diejenigen, die eigene Plattformen unterhalten, sollten sich heutzutage mit den Fertigkeiten von Programmierern auseinander setzen. Auch die Journalisten in Online-Redaktionen sind angehalten sich diesem Thema mehr zu öffnen. Schon alleine, um die eigenen oder fremden Publikationen visuell und strukturell aufzuwerten. Dafür sind unbedingte Kenntnisse in HTML und CSS zu erlernen. Wer eigene Plattformen betreibt, der sollte sich außerdem mit PHP, JavaScript, ActionScript und Python auseinandersetzen. Auch das Open Graph-Protokoll, der Nachfolger der Schnittstelle Facebook Connect, ist wichtig für Plattformbetreiber und bietet Entwicklern einen technischen Zugang zum Facebook-Kosmos. Mittels API kann man so auf einfache Weise auf die Daten des sozialen Netzwerks zugreifen und eigene Anwendungen programmieren, die wiederrum helfen, die selbst produzierten Inhalte zu streuen.

3. Sei ein Multimedia-Storyteller

Multimedia-Storytelling ist das Buzz-Wort unter den Digitalos der Journalisten. Es bedeutet, dass man sich nicht nur damit befasst Wörter in die Tastatur zu tippen, sondern seine Geschichte neben der allseits bekannten Textform auch mit selbstproduzierten Grafiken sowie Video- oder Audio-Files anzureichern. Der European-Kolumnist und Netzpiloten-Autor Gunnar Sohn weiß um den Erfolg dieser neuen Anforderung und unterlegt seine Artikel nicht selten mit informativen Video- und Audio-Interviews. Gerade die Google-Hangout-Funktion bietet neue ungeahnte Möglichkeiten, die einem zudem auch autodidaktisch lernen lässt.

6+ Fähigkeiten, die der Journalist von heute drauf haben sollte(Image by Gabriela PintoSome rights reserved)

Vielen angehenden Journalisten wird inzwischen während der Ausbildung beigebracht, wie man multimediale Inhalte produziert. Wessen Ausbildung allerdings schon einige Jahre zurückliegt, sollte sich nicht scheuen, Neues zu lernen. Der Dozent der Deutschen Journalistenschule Christian Jakubetz meint, dass „Ein grundlegendes Verständnis für alles, was mit Internet-Technologien zusammenhängt“ und „Basis-Kenntnisse in Video- und Audioproduktion“ zu den sogenannten „Hard Skill“, also den Grundkenntnissen eines jeden Online-Journalisten, gehören sollte.

4. Sei ein Experimentator

Neben dem Multimedialem Storytelling, gilt es auch Crossmediales Storytelling zu betreiben. Dass bedeutet, dass man seine Beiträge über verschiedene Plattformen hinaus veröffentlicht. Man kann beispielsweise einen Zeitungs- oder Blogartikel schreiben, dazu ein Videointerview auf Youtube hochladen oder ein weiterführendes Newsgame als Applikation im Apple App-Store veröffentlichen. Es gilt hier neue Wege zu beschreiten bei der Art und Weise, wie man seine Inhalte an den Rezipienten vermittelt und weniger um die Darstellungsform an sich. Idealerweise sind diese verschiedenen Plattformen auch miteinander verknüpft. Die Aufgabe eines heutigen Journalisten ist es also auch mit aktuellen und aufflammenden Trends zu experimentieren und sie anschließend für sich arbeiten zu lassen. Nichts ist im Web gefährlicher, als sich nicht weiterzuentwickeln. Das gilt auch für Journalisten.

5. Sei ein Community-Manager

Der heutige Journalist – egal ob er online oder offline veröffentlicht – sollte sich außerdem mit seinen Lesern beschäftigen. Eine eigene Facebook-Seite ist daher sehr sinnvoll, da man hier den Großteil der Interessierten abholen kann. Doch auch die etwas nerdigen Twitter- und Google+-Profile gehören zum guten Ton, da man dort eine höhere Dichte an Professionals vorfindet. Die Vorteile liegen auf der Hand: Zum einen kann man seine Beiträge über diesen Weg an die eigens aufgebaute und interessierte Leserschaft herantragen. Zum anderen helfen solche Social-Media-Accounts auch Themen und Meinungen mit den Lesern zu besprechen – was nicht zuletzt auch für die eigene Recherche nützlich ist. Auf diesem Wege, habe ich für eine jetzt.de-Kollegin vor kurzem einige junge Programmierer ermittelt, die bereits in frühen Jahren schon den Wunderkind-Status attestiert bekommen haben. Mögliche Personen wurden mir so via Facebook von der eigenen kleinen Community vorgeschlagen. Wichtig ist also auch: sei ein Social Journalist.

6+ Fähigkeiten, die der Journalist von heute drauf haben sollte(Image by Sean MacEnteeSome rights reserved)

Wie man Social-Media-Accounts anlegt, wie man sie mit Inhalten bestückt, wie man sie für Recherchen heranzieht und welche rechtlichen Rahmenbedingungen innerhalb dieser kleinen Kanäle eingehalten werden sollten, gilt es zu erlernen. Nicht zuletzt, um sich auch als Marke im Social Web zu positionieren, wie es Netzpiloten-Autor Tobias Gillen so schön formulierte.

6. Sei ein Blogger und Kurator

Wenn wir schon beim Thema engagierter Social Journalist sind, dann gilt es in diesem Zusammenhang auch über die Funktion eines eigenen Blogs zu sprechen und wie man darüber zum Kurator für neue Themen wird. Ein Blog ist genau wie ein Social-Media-Account – zumindest meiner Meinung nach – eine Art digitale Visitenkarte. Darauf kann man sich fernab vom Redaktionsplan persönlich äußern, Themen aufgreifen, darüber sinnieren, aber auch einfach andere diskussionswürdige Beiträge von Kollegen verlinken und somit zeigen wer man ist und welche Standpunkte man vertritt.

Blogs können alternative Sichtweisen wiederspiegeln, die ein Verlag vielleicht nicht veröffentlichen würde. So haben sich viele Journalisten, wie der Spiegel-Kolumnist Stefan Niggemeier, auf deren Blogs ausführlich gegen das Leistungsschutzrecht für Presseverlage ausgesprochen, welches u.a. der Axel-Springer-Verlag fordert. Ein eigener Blog gibt einem Journalisten, unabhängig von der Gatekeeping-Manier seines Arbeitgebers, eine Stimme. Die kann wiederrum neue Themen und Sichtweisen setzen. Ob Niggemeier diese Bühne von Anfang an auf SPON oder einem anderen SPIEGEL-Produkt erhalten hätte? Wohl eher nicht.
Das gute an einem Blog ist zudem, dass man durch diesen stärker vor Disruption gefeilt ist, als auf einem Social-Media-Account. Denn wie gesagt, wer weiß schon wie lange es Facebook und Twitter noch gibt? Die Blogbeiträge werden hier archiviert und sind jederzeit abrufbar. Von daher werde zum Blogger und kuratiere darauf die Themen von Morgen!

Fazit:

Auch wenn es einigen schwerfällt. Den Luxus, sich nur auf eine Aufgabe als Journalist zu konzentrieren, dürften sich viele in den kommenden Jahren immer weniger leisten können. Nicht zuletzt durch die hohe Anzahl an Journalisten und Redakteuren und der schwierigen Jobsituation in den Verlagen, drängt die Entwicklung die Mitglieder dieser Zunft dazu, sich über die Grenzen ihrer Tätigkeiten hinaus zu bilden. Die Zeiten sind schnelllebiger geworden. Die Art und Weise wie wir Publikationen konsumieren verändert sich stetig und nichts scheint in Stein gemeißelt.

Außer einem Credo. Eines, welches wiederrum viele Onliner (auch ich) sich hinter die Ohren schreiben sollten. Zwar kann man noch so affin mit dem Web und seinen Anforderungen sein. Aber einfache fundamentale, journalistische Grundlagen sind auch in Zeiten des Medienwandels und der Veränderung des Berufsprofils noch genauso aktuell wie vor 50 Jahren. Es gilt nach wie vor: eine gute Schreibe, eine gewisse Ethik und Moral, investigative Recherchen und die Verifizierung von Informationen bleiben ein hohes Gut.


Habe ich etwas vergessen?


Update:

Der Herausgeber des Netzpiloten-Magazin Wolfgang Macht hat einen Kommentar zu diesem Beitrag verfasst: „Das Kreuz mit dem cross-medialen Journalismus“. Zu lesen hier.


Titelbild: Image by baldiri (Some rights reserved)


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Andreas Weck

Andreas Weck

schreibt seit 2011 für die Netzpiloten und war von 2012 bis 2013 Projektleiter des Online-Magazins. Zur Zeit ist er Redakteur beim t3n-Magazin und war zuletzt als Silicon-Valley-Korrespondent in den USA tätig.

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