Trevor Paglen (Bild: Jakob Steinschaden)

30C3: Künstler Trevor Paglen spürt die Überwacher auf

Er fotografiert NSA-Horchposten, ortet Spionage-Satelliten der CIA und sammelt obstruse Abzeichen geheimer Militäreinheiten – der New Yorker Künstler Trevor Paglen gewährt so tiefe Einblicke in die eigentlich verborgene Welt der Geheimdienste. // von Jakob Steinschaden

Trevor Paglen (Bild: Jakob Steinschaden)

Der New Yorker Trevor Paglen ist den US-Geheimdiensten seit Jahren auf der Spur und hat es sich zum Ziel seiner künstlerischen Arbeit gemacht, dem Betrachter einen Blick auf die verborgene Welt der Geheimdienste zu gewähren. Sein Ansatz: Ein so großer Überwachungsapparat wie jener der USA muss in der realen Welt einen Fußabdruck haben, Infrastruktur betreiben, Menschen beschäftigen. Und so stieß er auf geheime CIA-Gefängnisse, Spionagesatelliten am Nachthimmel und den schrägen Humor geheimer Militäreinheiten.


  • Trevor Paglen konnte Fluglinien aufdecken, die Gefangenentransporte zu geheimen CIA-Gefängnissen abwickeln.
  • Der Künstler macht in Fotografien abgelegene Echelon-Abhörstationen und CIA-Satelliten sichtbar
  • Die bizarren Abzeichen geheimer Militäreinheiten geben ihm Auskunft über ihre Ziele und Technologien.

Ich will, dass wir durch meine Kunst den historischen Moment, in dem wir leben, sehen können”, sagt Trevor Paglen auf der Hacker-Konferenz 30C3 in Hamburg. Dass er sich bei seiner Kunst auf das Grundthema “Geheimdienste” fokussiert, passt im Jahr der NSA-Enthüllungen natürlich wie die Faust aufs Auge. Während Edward Snowden als Ex-Mitarbeiter die Spionagearbeit der USA von innen nach außen kehrt, geht Künstler Paglen den umgekehrten Weg und versucht, von außen ins Innere der geheimen Sphären zu blicken. “Geheime Flugzeuge, brauchen geheime Tankflugzeuge, die geheime Flughäfen brauchen, die wiederum eigenes geheimes Personal brauchen, und so weiter und so fort”, sagt Paglen. “Geheimhaltung besteht in der materiellen Welt aus Infrastruktur und Institutionen und ist damit sichtbar.

Paglen arbeitet im Prinzip wie ein investigativer Journalist. Ein CIA-Gefängnis in Afghanistan konnte er etwa so ausfindig machen und vor Ort dann auch fotografieren: Er gelangte an die Listen von Fluglinien, die weltweit die Erlaubnis haben, auf US-Militärbasen zu landen, und konnte so die Flüge der “torture taxis” (Gefangenentransporte der CIA zu Verhören in Einrichtungen auf der ganzen Welt, z.B. Guantanamo) rekonstruieren. Bei der Recherche, welche Menschen bei diesen Fluglinien mit Namen wie “Sportsflight Airlines” arbeiten, stieß er auf “Geister” – erfundene Identitäten, die nie einem Menschen gehört haben. Über Telefonrechnungen dieser Fluglinien wiederum konnte Paglen das Beziehungsgeflecht der Firmen untereinander nachzeichnen und reale Personen ausmachen, die für diese arbeiten. Beim Aufspüren dieser Menschen an ihren Wohnorten bemerkte Paglen schließlich: “Das Böse sieht ganz alltäglich aus.

Paglens Nachforschungen führen ihn außerdem zu geheimen Militärbasen etwa in Nevada, wo man beobachten könne, welche neuesten Drohnen für den Krieg getestet werden. Mit Hilfe von Teleskopen, die man eigentlich in den Nachthimmel richtet, zoomt sich Paglen kilometerweit in die “restricted areas” der Geheimdienste hinein und erstellt so Fotografien von Orten, die man eigentlich gar nie sehen soll – etwa die “National Radio Quiet Zone” tief in den Wäldern von West Virginia, die als Lauschstation des weltweiten Überwachungssystems Echelon eingerichtet wurde (Lesetipp: Interview mit Echelon-Entdecker Steve Wright). Im Gespräch beim 30C3 zeigte sich Paglen, der sich seit Jahren mit der NSA auseinandersetzt, aber auch schwer überrascht von den Aufdeckungen durch Snowden: “Es ist unglaublich, welche Mengen an Metadaten sie über uns sammeln.

National Radio Quiet Zone (Bild: Trevor Paglen) National Radio Quiet Zone © Trevor Paglen

Auch den Spionagesatelliten der US-Geheimdienste ist Paglen auf die Spur gekommen. “Sie sind da oben, und man kann sie sehen”, sagt er. Mit Hilfe einer Software eines befreundeten russischen Programmierers kann er bestimmen, ob gerade einer der Satelliten am Nachthimmel zu sehen ist. Dann schnappt er sich seine Kamera und macht die Bahnen, die die eigentlich geheimen Himmelskörper ziehen, auf seinen Fotografien sichtbar. “The Other Night Sky” hat der Künstler dieses Projekt getauft, in dem er die Spionagesatelliten in schaurig-schönen Aufnahmen festhält – den Satelliten “KEYHOLE 12-3/IMPROVED CRYSTAL” etwa, “das ist der böse Zwilling von Hubble, der auf die Erde schaut und Gesichter erkennen kann”. Oder PAN (kurz für “Palladium At Night”), der von Lockheed Martin gebaut wurde, des öfterem über dem Indischen Ozean hängt und mit Hilfe seiner Datenkapazitäten möglicherweise die Drohnenangriffe in Afghanistan und Pakistan steuert, aber auch zu anderen Zwecken etwa über Ostafrika eingesetzt werden könnte.

KEYHOLE 12-3/IMPROVED CRYSTAL (Bild: Trevor Paglen) KEYHOLE 12-3/IMPROVED CRYSTAL © Trevor Paglen

Wie absurd die Welt der geheimen Spionage- und Militäroperationen sein kann, fiel Paglen spätestens dann auf, als er auf die Abzeichen, die sich die US-Offiziere der Spionageabteilungen auf die Uniform nähen lassen. Sie zeigen auf den ersten Blick bizarre Symbole wie etwa Drachen mit Flügeln in den Farben der US-Flagge, die die Welt in Krallen halten, Aliens oder Zauberer, die Blitze schießen. Doch Paglen entschlüsselt die Symbolik und erhält so weitere Einblicke in die Denkweisen und Ziele der Geheimdienste. Blitze etwa würden für elektronische Kriegsführung stehen, grüne Türen für Orte, die nicht betreten werden dürfen, sechs Sterne für die “Area 51”. Und Paglen kann mit Hilfe der Abzeichen den schrägen Humor des Überwachungsapparates nachzeichnen. So entdeckte er den lateinischen Satz “Gustatus Similis Pullus” unter dem Emblem eines Alien-Kopfes, was übersetzt “Schmeckt wie Hühnchen heißt”. Und wenn das Kürzel “NOYFB” auf einem der Patches zu lesen ist, dann bedeutet das im Spionagesprech nichts anderes als “Non Of Your Fucking Business”.

Abzeichen (Bild: Trevor Paglen) Abzeichen der Geheimdienste © Trevor Paglen


Teaser & Image by Jakob Steinschaden


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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