280 Zeichen bei Twitter: Eine riskante Strategie

Das soziale Netzwerk Twitter hat seine Tweets nun auf 280 Zeichen angehoben, um den Nutzern zu ermöglichen „sich leichter auszudrücken“. Auf den ersten Blick sieht dies bloß nach einem netten, neuen Feature aus. Aber dieser Schritt zeigt zwei Möglichkeiten auf, wie Twitter dem schmalen Grat zwischen Erfolg und Scheitern folgt.

Erstens zeigt dieser Schritt, wie schwierig es ist, die richtige Balance zu finden, um sich sowohl zu unterscheiden und sich zugleich dem anzupassen, was die Konkurrenten bietet. Zweitens birgt diese neue Maßnahme Gefahren für das instabile Businessmodell, so dass Twitter weiterhin kein Profitgeschäft ist. 

In der Ankündigung, dass es mehr Platz für längere Nachrichten gibt, argumentierten Aliza Rosen, die Produktmanagerin bei Twitter, und der Softwareingenieur Ikuhiro Ihara, dass manche Sprachen mehr Zeichen als andere brauchen, um eine Nachricht auszudrücken. In der Annahme, dass die meisten Nutzer keine Vergleichsgrundlage haben, schlugen sie vor, dass Frustration über die  traditionelle Begrenzung aufkommen wird, wenn man einigen englischsprachigen Nutzern mehr Platz für Nachrichten bietet. Aber ihr Post beinhaltet einen Widerspruch:

„Bei Twitter geht es darum, sich kurz zu fassen. Dies ist es, was es zu einem tollen Mittel macht, um am Ball zu bleiben. Die Tweets kommen direkt zum Punkt. Man kann sofort auf alle erforderlichen Informationen oder Gedanken, die von Bedeutung sind, zugreifen. Das ist etwas, was wir niemals ändern werden.“

Dieser Widerspruch ist das Kernstück des Dilemmas, dem sich alle Plattformen der sozialen Medien stellen müssen. Wenn sie erfolgreich Nutzer anziehen wollen, müssen sie etwas Besonderes bieten. Doch wenn neue Konkurrenzunternehmen auftauchen, müssen sie etwas Neues liefern. Das bedeutet meistens, dass sie Features von anderen Services eingebinden. Man vergisst leicht, dass es nur wenige Jahre nach dem Beginn von Twitter im Jahr 2006 noch nicht möglich war, ein Bild in einen Tweet einzubinden – man konnte nur auf ein Bild verweisen, dass sich woanders befindet. Außerdem musste man auf die Länge der URL achten.

 

Als sich die Menschen an die größere Flexibilität von Facebook und später auch Instagram gewöhnten, musste auch Twitter Möglichkeiten bieten, um Bilder, Links und Videos einzubeziehen. Die Wahrheit ist, dass die Begrenzung auf 140 Zeichen längst der Vergangenheit angehört hat.

Nichtsdestotrotz bietet Twitter auch weiterhin ein Format, das viele anspricht. Man kann eine kurze Nachricht verfassen, begleitet von Links, Bildern und einem kurzen Video und es für andere Twitter-Nutzer veröffentlichen. Man muss keine „Freunde“ festlegen. Und obwohl man nicht alle Reaktionen und Antworten mag, die man bekommt, bringt man seinen Post wahrscheinlich erfolgreich an das Publikum, das man sich wünscht.

All diese Features zeigen, warum Twitters Businessmodell von Natur aus instabil ist. Es kostet eine Menge Geld, um die Leistungen anzubieten, für die sich die Menschen gratis anmelden, die jedoch nicht unbedingt gewillt sind, Werbungen und bezahlten Content zu akzeptieren. Die Menschen wenden sich von Twitter ab, wenn ihr Feed zu viele Sachen beinhaltet, die sie nicht ausgewählt haben. Deswegen konnte Twitter noch nie genug Einkommen generieren, um die Ausgaben zu decken. Es ist noch immer nicht rentabel, genau wie früher.

 

 

Twitter und Trump

Vor zwei Jahren, als ich einen Kurs mit dem Titel ‚Understanding Media‘ unterrichtete, habe ich oft in den Diskussionen angebracht, dass sich Twitter in einer prekären Situation befindet. Dann kam Trump. Ein Vorteil, den Twitter schon seit seinen Anfängen hat, ist, dass es immer ein Thema in den Medien war – ob im Sport, in Unternehmen, im Fernsehen oder in Online-Zeitschriften. Nichtsdestotrotz konnte die Anziehung des neuen Präsidenten zu dieser spezifischen Plattform nicht vorhergesehen werden. Dies führte zu einem exponentiellen Wachstum an Artikeln, bei denen Twitter erwähnt wird. Aber dies war nicht genug, um grundliegende Probleme zu korrigieren.

Wie der Technik-Journalist Charles Arthur im Guardian im Februar schrieb, könnte noch nicht einmal Donald Trump Twitter aus dem Loch herausholen, in dem es steckt. Die Quartalsergebnisse des Unternehmens zeigten einen Verlust von 167 Millionen US-Dollar – im Vergleich zu 90 Millionen US-Dollar im Vorjahr – bei einer Umsatzentwicklung von 638 Millionen US-Dollar an. Es gab nirgendwo eine eindeutige Idee, wie man den Profit steigern könne – trotz der Tatsache, dass die häufigen Ausbrüche des US-Präsidenten halfen, die Zahl der Nutzer von zwei Millionen auf 319 Millionen zu steigern. 

Twitter existiert in einer höchst kompetitiven Welt und schaut ständig Mitbewerbern wie Sina Weibo auf die Finger. Das Unternehmen behauptete Anfang des Jahres, Twitter bei den Nutzerzahlen übertroffen zu haben. Sina Weibo bietet mehr Platz in den Postings als Twitter. Aber seit für alle die Zeichengrenze auf das Doppelte angehoben wurde, wirkt es, als wäre der Fehdehandschuh aufgenommen worden. Allerdings tut diese Veränderung zunächst nur wenig dafür, um die grundlegenden Probleme zu lösen, die hier noch immer bestehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Tweet up“ by Maryland GovPics (CC BY 2.0)


The Conversation

 

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Julia Gillen

Julia Gillen

ist Hochschuldozentin für Digital Literacy an der Fakultät für Linguistik und englische Sprache an der Lancaster University. Sie beschäftigt sich mit Themen wie dem Umgang junger Kinder mit Technologien, Social Media und Twitter im speziellen.

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