2017 ist nicht ‘1984’ – Was George Orwell nie zu träumen wagte

Kurze Zeit nach der Amtseinführung von Präsident Trump kletterte George Orwells Buch „1984“ an die Spitze der Bestseller-Liste bei Amazon. Tausende von Englischlehrern sind sicherlich ergriffen bei dem Anblick von Leuten, die sich das bereits im Jahr 1949 veröffentlichte Buch vornehmen, um über die Gegenwart nachzudenken.
Orwell ließ seine Geschichte in Ozeanien spielen, in einem der drei Mega-Staaten, die im Jahr 1984 um die Weltvorherrschaft kämpfen. Die Atommächte wurden ausgetauscht und die Blöcke scheinen sich auf einen immerwährenden und mittlerwiele normal gewordenen Krieg geeinigt zu haben. Dies geschieht wahrscheinlich aus dem Grund, dass die permanente Kriegsführung den Interessen in einheimische Mächte in die Hände spielt.

Ozeanien verlangt eine totale Unterwürfigkeit. Es handelt sich um einen politischen Staat, Helikopter überwachen die Aktivitäten der Bewohner, es wird dabei sogar durch ihre Fenster gespäht. Aber Orwell betont dies besonders in der ‚Gedankenpolizei‘, die die ‚Proles‘, die untersten 85 Prozent der Bevölkerung außerhalb der Parteielite, überwachen. Die Gedankenpolizei bewegt sich unsichtbar in der Bevölkerung, sucht nach Verdächtigen und ermutigt dabei sogar zu Gedankenverbrechen, so dass sie die Täter verschwinden lassen können, um sie umzuprogrammieren.

Die andere Art und Weise, wie die Parteielite, symbolisiert durch die Schnurrbart tragende Galionsfigur Großer Bruder, ‚korrekte‘ Gedanken ermutigt und überwacht, wird durch die Technologie der Teleschirme dargestellt. Diese ‚Metalltafeln‘ übermitteln erschreckende Bilder von Feindesarmeen und vor allem die Weisheit des Großen Bruders. Allerdings kann der Teleschirm auch in die eigene Wohnung sehen. Während der verpflichtenden Morgenübungen zeigt der Teleschirm nicht nur einen jungen und drahtigen Trainer, der die Übungen vormacht, sondern bemerkt auch, ob man dabei mitmacht. Die Teleschirme sind überall, in jedem einzelenen Raum. Und im Büro benutzen die Leute sie zum Arbeiten.

In der Geschichte geht es um Winston Smith und Julia, die versuchen, der überwältigenden Kontrolle der Regierung über die Wahrheit entgegenzustehen. Ihr Akt der Rebellion besteht daraus, die „inoffizielle“ Wahrheit über die Vergangenheit herauszufinden. Sie halten dabei „unerlaubte“ Informationen in einem Tagebuch fest. Winston arbeitet im riesigen Wahrheitsministerium, an dessen Außenwand die Losung „IGNORANZ IST STÄRKE“ prangt. Sein Job ist es, politisch unangenehme Angaben aus den öffentlichen Berichten zu löschen. Fällt ein Parteimitglied in Ungnade, hat es sie nie gegeben. Hat der Große Bruder ein Versprechen gemacht, welches er nicht erfüllte, ist es schlichtweg nie passiert.

Da sein Job damit zusammenhängt, alte Zeitungen und Berichte nach Fakten zu durchsuchen, die er umschreiben muss, ist Winston sehr geübt darin, das sogenannte ‚Doppeldenk‘ anzuwenden. Winston sagt darüber, dass man sich „kompletter Wahrheit bewusst ist, während man konstruierte Lügen erzählt… eine bewusste Bewusstlosigkeit hervorruft.“

Ozeanien: Ein Produkt aus Orwells Erfahrungen

Orwells Setting bei „1984“ ist davon beeinflusst, wie er sich den Kalten Krieg vorstellte – eine Phrase die er bereits 1945 prägte. Er schrieb dies nur wenige Jahre, nachdem er zusah, wie Roosevelt, Churchill und Stalin die Welt während der Konferenzen von Teheran und Jalta aufteilten. Das Buch ist bemerkenswert vorrausschauend, was die Aspekte der stalinistischen Sowjetunion, Ostdeutschland und des maoistischen Chinas angeht.

Orwell war Sozialist. „1984“ beschreibt unter anderem seine Angst vor einer stalinistischen Abkehr vom demokratischen Sozialismus, an den er fest glaubte. Das Buch stützt sich auf seine genauen Beobachtungen der Welt und der Tatsache, dass Stalinisten versucht hatten, ihn zu töten.

Im Jahr 1936 bedrohte ein Coup des faschistisch unterstützen Militärs die demokratisch gewählte Sozialistenmehrheit in Spanien. Orwell und andere überzeugte Sozialisten auf der ganzen Welt, darunter auch Ernest Hemingway, meldeten sich freiwillig, um gegen die rechtsorientierten Rebellen zu kämpfen. Währenddessen unterstptzte Hitler mit seiner Luftwaffe die Rechten, während Stalin versuchte, den linken republikanischen Widerstand zu übernehmen. Nachdem Orwell und andere Freiwillige den Stalinisten getrotzt hatten, widmeten sich diese der Zerstörung der Opposition. Orwell und seine Frau wurde gejagt und traten 1937 die Flucht aus Spanien an.

Während des zweiten Weltkriegs in London erkannte Orwell, wie sich eine liberale Demokratie und Einzelkämpfer, die sich der Freiheit verpflichteten, auf dem Weg zum Großen Bruder finden konnten. Er arbeitete für die BBC und schrieb an einem Text, den man nur als Propaganda für das indische Publikum lesen konnte. Er schrieb nicht unbedingt im Stile des ‚Doppeldenk‘, aber es handelte sich um Nachrichten und Kommentare mit einem politischen Unterton. Orwell versuchte, die Einwohner Indiens zu überzeugen, dass ihre Söhne und ihre Güter im Krieg einem übergeordneten Wohl dienten. Nachdem er Dinge geschrieben hatte, die er als unwahr ansah, kündigte er nach zwei Jahren und war von sich selbst angeekelt.

Es war der Imperialismus an sich, der ihn ekelte. Im Jahr 1920, als Orwell noch ein junger Mann war, hatte er in Burma als Polizeibeamter in den Kolonien gearbeitet. In einer ungefähren Vorahnung der Welt des Großen Bruders sprach Orwell schlecht übr die willkürliche und brutale Position, die er in dem kolonialen System innehatte. „Ich habe es sehr gehasst“, schrieb er. „In solch einem Job erlebt man die dreckige Arbeit des Empires von nahem. Die elenden Gefangenen, die in stinkenden Käfigen kauern, die grauen und verängstigten Gesichte der lebenslang Gefangenen…“

Ozeanien war das Produkt einer Vorahnung eines besonders biographischen Moments, als der Kalte Krieg begann. Natürlich ist es so, dass die heutige Welt mit ihren ‚alternativen Fakten‘ ganz anders ist, als das, was Orwell sich jemals hätte vorstellen können.

Den Großen Bruder brauchen wir nicht mehr

Orwell beschrieb ein Ein-Parteien System, in der ein kleiner Kreis an Oligarchen, die die „innere Partei“ von Ozeanien darstellte, die Kontrolle über alle Informationen innehat. Dies ist ihr Hauptmittel, um die Macht zu kontrollieren. In den USA on heute kann sich jeder informieren, der das Internet bedienen kann – also mindestens 84 Prozent der Amerikaner. Die USA mag vielleicht eine Oligarchie sein, befindet sich die Macht irgendwo zwischen der Wählerschaft und der Verfassung, den Gerichten, Bürokratien. Die Macht ist zwangsläufig auch dort, wo das Geld ist. Anders gesagt befinden sich Wissen und die Macht in den USA des Jahres 2017 überall – und damit ist es völlig anders als in Ozeanien bei Orwell.

Diejenigen, die den Rückgang anhand von Beweisen und Begründungen des Wahlvolks studieren, beschuldigen hauptsächlich die gemeinsamen Bemühungen der Politiker aus den 1970ern, um Kompetenz zu diskreditieren, das Vertrauen in den Kongress und seine Mitglieder zu erschüttern und hinterfragen sogar die Legitimität der Regierung. Da diese Anführer, Institutionen und Kompetenzen delegitimiert sind, ist die gängige Strategie, sie mit anderen Autoritäten und Realitäten zu ersetzen.

Im Jahr 2004 deutet ein Berater des Weißen Hauses an, dass ein Reporter zur „realitätsbasierten Gemeinschaft“ gehöre, – eine Art kurioser Minderheit an Leuten, die „daran glauben, dass Lösungen aus ihren vernünftigen Studien der wahrnehmbaren Realität kommen… So läuft das allerdings nicht mehr.“

Orwell konnte sich das Internet nicht ansatzweise vorstellen, und auch nicht dessen Rolle beim Verbreiten von alternativen Fakten. Er wusste ebenso nicht, dass Menschen heutzutage die Teleschirme mit sich herumtragen. Es gibt kein Wahrheitsministerium, das Informationen verteilt und überwacht und irgendwie ist heute jeder der Große Bruder.
Es scheint weniger bedrohlich, dass Leute nicht in der Lage sind, die Lügen des Großen Bruders zu durchschauen, als die Tatsache, dass sie ‚alternative Fakten‘ hinnehmen.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Menschen eher an Fehlannahmen glauben, wenn sie akkurate widersprüchliche Informationen erhalten, vor allem wenn sie mit einer bestimmten Sicht auf die Welt beginnen — zum Beispiel, dass wissenschaftliche Experten und öffentliche Beamte nicht vertrauenswürdig sind. Anders ausgedrückt, Fakten zu widersprechen, kann durchaus ins Auge gehen. Nachdem wir uns entschieden haben, was eigentlich wahrer ist als die Fakten, die von Experten und Journalisten berichtet werden, suchen wir nun Bestätigung in alternativen Fakten und verbreiten diese selbst über Facebook. Wir brauchen dazu keinen Großen Bruder.

In Ozeanien gibt es keine Meinungsfreiheit und keine Freiheit, Fakten auszusprechen außer jener, die offiziell abgenickt sind. In den USA von 2017 gilt: je offizieller die Tatsache, desto unglaubwürdiger ist sie – zumindest für diejenigen innerhalb der machtvollen Minderheit, die den jetzigen Präsidenten gewählt haben. Winston sagt, „Freiheit ist die Freiheit, sagen zu können, dass zwei plus zwei gleich vier ist.“ Für die machtvolle Minderheit ist Freiheit die Freiheit, sagen zu können, dass zwei plus zwei gleich fünf ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) Donald Trump by LisetteBrodey (CC0 Public Domain)


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John Broich

John Broich

ist Dozent für Geschichte an der Case Western Reserve University in Cleveland, Ohio. Er lehrt und forscht zu Umweltgeschichte, der Geschichte der Royal Navy und des Zweiten Weltkriegs und zu Themen wie Rassen- und Machtstrukturen.

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