Gestern wurde bei Zeit Online ein Blogbeitrag von Jeff Jarvis in Deutscher Version publiziert. Zufällig ging es um sein Dauerthema: Google. Rund um das Thema Google drapiert Jarvis immer wieder Themen der Medien- und Sozialwissenschaft. In seinem ersten Buch über Google war es der Einfluß Googles auf Geschäftsmodelle im digitalen Umfeld des Internet. Jetzt hat er sich für sein neues Buch das Thema Öffentlichkeit(en) heraus genommen. Ganz nach den Statuten des heiligen Seth Godin werden die Themen des Buchs schon im Vorfeld vor der Erstveröffentlichung im Rahmen des allgemeinen Agenda Setting eingebaut. Ergo, ist das Thema Street View ein Thema rund um Öffentlichkeiten. Und da auch Jens Best auf dieser Welle einen gewissen Berühmtheitszuwachs erwartet, wie ihn schon plomlompom bei der Privatsphärendiskussion erlangt hat, reiten sie die Welle, die da schwimmt, solange sie nicht an den Strand geschlagen ist.
Gestern wurde auch Street View eröffnet und ein serviles Touristenmanagement eines Städtchens im Allgäu hatte das tolle Vorrecht, endlich im Fokus von 3.987.672 Journalisten aus 241 Ländern zu sein. Zumindest fühlte man sich dort so. Frisch ans Werk und eine Diskussion über Öffentlichkeiten vom Zaun gebrochen. Ich höre Jarvis gern zu, viele Beiträge von ihm finde ich interessant, einige sind wirklich toll. Aber so langsam, ganz langsam inflationiert sich das Thema der Einzelkämpfer, die ihre Bücher immer nur über Skandalisierung, Krakeelen und Lärmen verkaufen. Ich weiß, dass die Menschen abgestumpft sind der entfremdeten Arbeitswelt der täglich gleichen Routine. Aber man muss sich nicht unbedingt einen Karusselbremserbart und einen roten Mohawk an den Schädel basteln, wenn man auffallen will. Auch das Eindreschen auf die deutschen Windmühlen steht Don Jarvis nicht immer gut. Weiß er, dass man Fotos vom öffentlichen Raum nur ohne technische Hilfsmittel machen darf (Leiter!), weiß er dass StreetView weder Privatperson noch Journalist ist, weiß er, dass wir unendlich unter der Knute der Leistungsverweigerung der "staatlichen" Unternehmen wie Deutsche Bahn oder der Telekom leiden?
Deutschland, Du hast Deine Städte entweiht. Du hast die Zahl Deiner öffentlichen Orte verringert und sie entwertet. Du hast Deine Öffentlichkeit beraubt. Und Du hast einen gefährlichen Präzedenzfall für die Zukunft geschaffen.
Wir sind, anders als die USA kein "kingdom of god" und leben nicht von den Gnaden der Fellowhip Foundation. Daher haben wir keine geweihten Dörfer und Städte. Wir haben auch keine Orte ausgelöscht. Wir leben sogar außerhalb des Internet sehr glücklich. Wir können auch die Öffentlichkeit nicht berauben, weil wir nicht auf der Basis protestantischer Werte entstanden sind: Daher ist Eigentum für uns kein Charakteristikum der Öffentlichkeit. Es ist privat. So sind wir eben. Präzedenzfälle gibt es bei uns wirklich viele: Wir wünschen uns keine Mauer zu unseren südliche Nachbarn, wir knüppeln die Löhne unserer Arbeiter 10 Jahre lang in den Boden, sodass wir mitten in Europa ein Billiglohnland geworden sind. Bei uns besitzen 10% aller Deutschen 60% des Vermögens, die restlichen 20% besitzen 30% der Vermögens und die restlichen 70% der Bevölkerung müssen mit dem 10% Rest an vermögen auskommen. Das heißt, dass 70% der Deutschen gar keine Mittel zur Altersvorsorge haben. Wir haben also andere Sorgen als verpixelte Häuser. Wir haben eine Entwicklung, die in den USA schon lange üblich ist: Fast niemand besitzt fast alles.
Die 30% der Deutschen, die Häuser besitzen, die können ruhig ihre Häuser verpixeln lassen. Das tangiert uns äußerst peripher - aber was uns nahe geht, sind die wenigen Armen Leute, die so verzweifelt oder hilflos sind, dass sie andere angreifen oder betrügen, damit sie Anerkennung oder ein bißchen Geld bekommen.
Denn nur sehr wenige bei uns bekommen Anerkennung für ihre Sätze im web, seien sie oberflächlich, kaum durchdacht oder schlicht ohne große Relevanz. Das Problem sind diejenigen, die keine Häuser haben, die sie bei Google verpixeln lassen können. Ich denke, dass es in den USA eigentlich dasselbe Problem ist, das jemanden umtreiben müsste, der im Namen der Öffentlichkeit unterwegs ist.
Über den Autor
Jörg Wittkewitz (Redaktionsleitung) ist als Freier Autor und Journalist tätig - auch für Radio und Print.










