Es ist soweit. Wir bringen den Müll nicht mehr vor die Tür, wir holen ihn uns direkt ins Haus. Wir leben ihn, feiern ihn, kleiden uns darin ein. Eine ganze Generation huldigt dem Trash. Trash-TV, Trash-Musik, Trash-Literatur, Trash-Design, Trash-Talk, Trash-Fashion Party-Trash, Trash-Kultur.
Trash ist nicht Vintage, Used oder Second-Hand. Trash ist nicht Punk, Schlager oder Pop. Trash ist Trash.
Der Trash hat nicht nur als blaue, grüne und gelbe Tonne den Sprung in die Postmoderne geschafft. Er steht ebenfalls für ein geistloses, kulturelles Produkt, das sich in (un)gewollte, niveaulose Komik hüllt.
Sein Markenzeichen: hauptsache billig, absurd und ordinär. Und quasi über Nacht allgegenwärtig. Wir versinken im Trash.
Bei einer so extraordinären Präsenz stellt sich die Frage: Warum jetzt? Warum in dieser Intensität?
Ist es die pure Lust einer Generation von Spielkindern am Stil- und Knigge-Bruch in Sprache, Form und persönlichem Ausdruck? Oder tiefsinniger Verweis auf eine konstante Sinnüberladung selbiger, die sich in der Konsequenz nach Sinnlosigkeit und Kaputtem sehnt? Nach Barbie Ken, Karaoke und Wok-WM.
Die Beweislage ist erdrückend.
Selbst Kulturonkel ARTE zieht mit und adelt das Phänomen Trash mit einer eigenen Sparte: ARTE Trash: "Trash-Filme – kultig, strange, gruselig, fantastisch".
Alexander Markus schwimmt und tanzt im Electrolore-Rausch mit riesigem Plastikglobus nach „Papaya“ und Stefan Raab verdient seine Brötchen mit „Wok-WM“ und singt dabei „Wir kiffen“.
Aber damit nicht genug. Möbel sind jetzt nicht mehr nur Möbel, sondern das neue Gerümpel der Zukunft. Ein durchgestyltes, aufgeräumtes Interieur gilt als antiquiert, als spießig. Trash ist das Feng-Shui der Gegenwart. Im Duden für Szenesprache findet sich „trashig“ in der Kategorie Lifestyle & Wohnen. Assoziationen sind hier Flohmarkt und Retro-Chic. Trash als Feng-Shui der Gegenwart. Soso.
Und weil wir gerade so schön auf der Trash-Welle surfen, sind wir uns für nichts zu schade. Selbst der Braut Allerheiligstes, ihr Kleid, darf nicht weiss bleiben. „Neuer Trend: Trash the Dress.“ Natürlich haben mal wieder die Amis dieses Absurdum initiiert. Ein originelles Fotoshooting für Braut und Kleid. Braut auf der Baustelle. Braut an der Tankstelle. Braut im Matsch. Hauptsache schmutzig machen. Hauptsache Trash.
Dank Louis Vuitton können wir uns sogar für ein paar kleine Dollar unsere eigene Designer-„Trash Bag“ leisten. Eine wasserabweisende Mülltüte mit Lederriemen und art-typischem Plastikzug. Für alle, deren Portemonnaie für den Label-Trash am Band zu schmal ist, geht es auch günstiger. Denn für den Trash-Look a la Lady Gaga braucht man nur „ein bisschen zuviel Selbstbräuner, freizügige Bondage-Outfits, Korsagen und Unterhosen über billigen Nylonstrümpfen.“ Hauptsache ordinär.
Ist Trash der post-punkige Stinkefinger, der sich jetzt höher denn je gegen frisch gekehrte Bürgersteige und aufgeräumte Kinderzimmer hebt? Ist er offensichtliche, massentaugliche Revolution gegen Anstand und Niveau? Schafft der Trash, was der Punk nicht konnte, weil der Trash jeder Ernsthaftigkeit entbehrt und sich billiger und anstrengungsloser leben und verkaufen lässt? Und wann fängt es an, entsetzlich zu stinken?
Bildnachweis: alviman
Über den Autor
Julia Malz lebt als freie Journalistin in Hamburg. Nach ihrem Studium der Deutschen Sprache und Literatur und der Politischen Wissenschaft an der Uni Hamburg widmet sie sich dem freien Schreiben und ungewöhnlichen Gedanken. Privat auch in ihrem Blog FREISTIL.










