Das Web entgrenzt so einiges, wenn nicht sogar einfach alles. Unternehmensgrenzen werden aufgeweicht, Hierarchien zugunsten flexibler Netzwerkstrukturen aufgebrochen. Weltweite Kommunikation zwischen Menschen und nicht nur Gatekeepern wird ermöglicht. Es twittert und bloggt wie wild vor sich hin in "The Cloud". Schöne neue Netzwerkwelt - und mit dem kuscheligen Social Web wird es auch noch ganz dicke freundschaftlich. Buddies, Friends, Kontakte... Connecten, Netzwerken, Poken.... Freundschaftlich? Freunde? Mmhhhh, ich weiß nicht so recht.
Mein Konzept von Freundschaft hat sich in den letzten Jahren irgendwie zunächst unmerklich aber rückblickend dann doch radikal verändert. In so manchem Gespräch mit "Web 2.0-Freunden" kommt man da zu ähnlichen Beobachtungen, die da sind: Die "alten" Freunde, die man aufgrund der gemeinsam gedrückten Schulbank, der gemeinsam bewohnten Studentenbude oder dem gemeinsam aufgesuchten Festangestellten-Büro kennengelernt hat, sind andere Freunde als die Web-Freunde, die man meist nur flüchtig kennt, aufgrund eines gemeinsamen Themeninteresses via Twitter, Facebook, Blog und Co. aber binnen ultrakurzer Zeit glaubt besser zu kennen, als den Sandkastenfreund, mit dem man vor 20 Jahren Streiche in der Nachbarschaft gespielt hat.
Da treffen Welten aufeinander. Die alten Freunde meckern über das ewige Rum-ge-nerde und Neusprech, das keiner versteht. Die neuen Freunde beschweren sich über die eigenen alten Freunde, dass die ja hängen geblieben und medial total Mainstream sind - um es mal zu überspitzen. Heißt das im Umkehrschluss: Die alten Freunde aus dem analogen RSS (Really Social Syndication)-Stream streichen? Nicht mehr befreundet sein, weil sie thematisch nicht mithalten wollen? Kein Interesse für Twitter und Co. mitbringen? Bzw. heißt das, die neuen Freunde deswegen zu "unfollowen", eben weil man meist nur eine thematische aber keine "historisch" gewachsenen Gemeinsamkeiten hat?
Alte Freunde und neue Freunde sind also zwar irgendwie Freunde, aber gleichzeitig so dermaßen inkompatibel, dass dies tiefgreifende Auswirkungen auf das eigene Gemüt haben kann. Denn: Wie kriegt man beide Welten zusammen? Mit den neuen Freunden gibt es immer was zu Fachsimpeln, man nerdet sich mit 2.0-Themen durch den Tag, den Abend und die Nacht. Twittert sich gegenseitig zu und schlürft ein Bierchen dabei. Coole Nummer. Mit den alten Freunden gibt es, außer der gemeinsamen Vergangenheit, die ja wertvoll genug ist, ohne Zweifel, kaum noch gemeinsame Themen und das umso mehr, je weniger die alten Freunde im Digital gefangen bzw. davon fasziniert sind. Ich schaue kaum noch fern, lese Zeitungsinhalte wenn, dann nur online, und durch vieles Herumreisen und Mobilsein geht auch eine gemeinsame lokale Erlebniswelt mit den alten Freunden nach und nach verloren.
Gleichzeitig haben die "Freundschaften 2.0" genau da das Defizit, wo die über Jahre gewachsenen Freundschaften punkten können. Eben weil sie nicht über Jahre und sehr facettenreich gewachsen sind, sind Freundschaften 2.0 in aller Regel flüchtig, austauschbar und unverbindlich. Eine Zwickmühle irgendwie: Denn das, was einem die Freundschaften 2.0 an thematischer Tiefe geben, fehlt ihnen an gewachsener Vertrautheit. Freunde 2.0 bleiben einem am Ende fremd. Auf der anderen Seite lebt sich die Freundschaftswelt 1.0 thematisch rasant auseinander und rettet sich am Ende nur durch die gemeinsam verbrachte Zeit in der Vergangenheit. Doch man muss sich fragen, wie lange sich die alten Banden über die Zeit retten können und wie viel Energie man umgekehrt in die Freundschaft 2.0 stecken kann, um ihnen etwas mehr Stabilität zu geben. Der Autor endet hier ratlos...
Soviel also zu meiner Ende-April-Digitalen-Gefühlsduselei. Es ist niedergeschrieben und steht nun zur allgemeinen Diskussion. Wie geht es euch Digitalos oder Normalos mit alten und neuen, 1.0er und 2.0er Freundschaften? Wo ist der Mittel-, Aus- oder Zukunftsweg? Gibt es den überhaupt? Meinungen sind willkommen!
Bildnachweis: User r000pert auf Flickr.com
Über den Autor
Steffen Büffel ist freiberuflich als Medien- & Verlagsberater, Trainer und Medienwissenschaftler tätig. Schwerpunkte: Crossmedia, Social Media und E-Learning. Seine Blogheimat ist der media-ocean. Außerdem ist er einer der Gründer der hardbloggingscientists.











