100p – Bugattis schnelles Flugzeug

Der italienische Konstrukteur Ettore Bugatti träumte vom Weltrekord des schnellsten Flugzeugs, doch seine speziell konzipierte Maschine kam nie zum Fliegen. Und viele glaubten, dass der für die späten 1930er Jahre extrem fortschrittliche Entwurf gar nicht erst flugfähig war. Enthusiasten und Fans haben mit einem Nachbau nun bewiesen, dass Bugattis Rekordflugzeug sehr wohl fliegt. Nur bei der Landung hatten sie leider Pech.

Wenn Flugbegeisterte von einem schnellen Flugzeug träumen, mit dem sie bei klarem Himmel einfach ohne Hemmungen Gas geben können, dann sehen viele von ihnen die Bugatti 100p. Bugatti wollte Ende der 1930er Jahre den weltweiten Geschwindigkeitsrekord aufgreifen und am damals recht bekannten Coupe Deutsch-Luftrennen teilnehmen. Zwei hintereinander eingebaute Bugatti-Motoren von je 450 PS aus dem Rennsport sollten das Flugzeug antreiben. Doch durch die Kriegswirren wurde die Maschine zwar gebaut, flog aber nie. Bugatti selbst starb bereits im Jahr 1949 und sein einziges Flugzeug geriet in Vergessenheit.

Nun ist Bugattis Designidee doch in der Luft. Eine Gruppe von Enthusiasten hat in mehrjähriger Arbeit eine Replik gebaut, den “Reve Bleu”, zu deutsch “Blauer Traum”. Am 20. August 2015 flog dieser Nachbau im amerikanischen Tulsa zum ersten Mal. Im Cockpit saß Scott Wilson, ein erfahrener Pilot und zugleich Initiator des Projekts. Doch der Weg dahin war weit.

Die Idee wird wahr

Noch 2013 sah es so aus, als würde es der “Reve Bleu” genauso gehen wie der Originalmaschine, und sie würde nie in die Lüfte steigen, denn der Mannschaft um Scott Wilson ging das Geld aus. Aber die Enthusiasten halfen sich auf sehr moderne Weise: Sie starteten einen Aufruf auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter. So kamen 62.000 Dollar (55.000 Euro) zusammen. Die Unterstützer waren dann per Livestream beim Erstflug dabei.

Für Wilson und die Unterstützergruppe erfüllte sich damit ein Traum, auf den alle Beteiligten seit 2009 hingearbeitet haben: Die Maschine hob endlich ab. Und mehr noch: Wilson brachte das Flugzeug auf eine Geschwindigkeit von 110 Knoten (zu Land: 198 km/h).

Die Landung ging jedoch schief. Beim Aufsetzen versagte nun ausgerechnet die Bremse am rechten Fahrwerksbein, das Flugzeug brach nach links aus und bohrte sich mit der Nase in den Rasen neben der Rollbahn. Wilson blieb unverletzt, doch die Propeller waren zerstört.

Wilson bestellte Ersatzpropeller bei seinem Projektpartner in Großbritannien. Am 17. Oktober flog der “Reve Bleu” zum zweiten Mal. Diesmal dauerte der Flug deutlich länger und verlief ohne Probleme. Abgesehen von der rauen Landung war Wilson aber schon mit dem ersten Flug zufrieden: “Das Flugzeug ist vorzüglich zu fliegen und sehr leicht steuerbar.

Nachbau mit modernen Mitteln

Die Geschichte des zweiten Bugatti-Fliegers begann bereits einige Jahre zuvor, im Jahr 2009. Damals stellte der frühere US-Air-Force-Pilot Scott Wilson ein Team zusammen, um eine originalgetreue und vor allem flugfähige Replik des Bugatti-Flugzeuges zu bauen. Auch Ladislas De Monge schloss sich der Gruppe an. Er ist der Großneffe von Louis de Monge, der das Original nach Ettore Bugattis Vorstellungen entworfen hatte.

Den Antrieb liefern zwei 200 PS starke Suzuki-Motorradmotoren, mit denen das Flugzeug rund 320 km/h erreichen kann. Wie beim Original liegen beide Motoren leicht nach links und rechts versetzt hintereinander auf der Mittelachse. Die Motorwellen führen etwa in Ellenbogenhöhe an beiden Seiten am Piloten vorbei und treffen sich im Getriebe direkt vor dem Cockpit. Dort treiben sie einen Doppelpropeller an, also zwei hintereinander montierte Luftschrauben, die sich gegenläufig drehen.

Leider existieren die Konstruktionszeichnungen der 100p heute nicht mehr, daher wertete das Team Fotos aus, die zum Teil beim Bau der 100p entstanden waren, zum Teil bei den beiden Restaurierungen des Flugzeugs. Außerdem wurde das Original sorgfältig vermessen. Der “Reve Bleu” besteht aus Balsaholz in Schichtbauweise. Komponenten wurden in Schweden, Brasilien, Großbritannien und Deutschland gebaut, wobei der gegenläufige Propeller aus Großbritannien kam. Details wie die Motorenkühlung oder der gekoppelte Gashebel mussten völlig neu konzipiert werden, weil sie nur auf Fotos zu sehen waren. Das Team nutzte an manchen Stellen auch moderne Materialien, wo er erforderlich war: “Wir verwendeten modernen Kleber anstelle von Resorcinol und Glasfasergewebe anstelle von Leinen, um die Oberfläche des Flugzeugs zu bedecken”, so Simon Birney, der kommerzielle Leiter des Projekts.

Die Zukunft von “Reve Bleu”

Wenn die nächsten Flüge gut verlaufen, will die Gruppe um Scott Wilson das Flugzeug zwar in der Öffentlichkeit präsentieren, aber nicht in der Luft. “Wir werden nicht auf Air Shows fliegen, weil das Flugzeug kein Zuschauermagnet ist: Es ist klein, nicht laut, es hat keinen Raucherzeuger und ist nicht kunstflugtauglich”, meint Birney. Auch einen Versuch, die Höchstgeschwindigkeit des Originals zu erreichen, wird es nicht geben. Immerhin wären das rund 800 Kilometer pro Stunde. Die Gruppe meint, das Flugzeug sei eher für eine Ausstellung geeignet, beispielsweise themenbezogen auf Flugschauen, in Museen oder als Präsentationen in Kunstgalerien, und auch ein Abstecher nach Europa ist vorstellbar.

Das Original wurde während des Krieges im Umland von Paris versteckt und gelangte schließlich über mehrere Eigner in die USA. Heute steht es im Air Venture Museum im amerikanischen Oshkosh, Virginia. Und obwohl es sich nie in die Lüfte schwingen konnte, gilt die schlanke Rennmaschine im Art-Deco-Design vielen immer noch als das schönste Flugzeug seiner Zeit.


Image “Bugatti Modell 100” by FlugKerl2 (CC BY SA 3.0)


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Friedrich List

Friedrich List

ist Journalist und Buchautor. Er schreibt seit Anfang des Jahrhunderts über Themen aus Forschung und Fliegerei, aus der Raumfahrt und aus der Computerwelt. Als Hamburger erzählt er auch gerne Geschichten aus seiner Heimatstadt. Hauptantriebskräfte: Neugier, Kaffee und ein guter Witz.

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